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Projekt „Freetopia“ Leben mit Entbehrungen, dafür draußen und frei

Benjamin und Nicole Nover leben seit Jahren illegal im Wald. Jetzt wollen sie ein alternatives Wohnprojekt gründen.

Camp Freetopia
Camp Freetopia im Gewächshaus-Zelt: Benjamin und Nicole Nover in ihrem Winterquartier mit Hund Kamil, einer Pekinesenmischung. Foto: Michael Schick

Nur zwei Freunde kennen den verschlungenen Weg in das geheime Camp von Benjamin und Nicole Nover. Das Paar lebt seit mehreren Jahren illegal im Wald bei Darmstadt. Auf einem schwer begehbaren Hügel, gut verborgen hinter Brombeergestrüpp, Ahorn, Robinien und Birken steht ein 2,20 mal 1,80 Meter großes Zelt – ein Gewächshaus aus dem Baumarkt. Es ist Wohnzimmer, Schlafzimmer, Küche, Bibliothek und Werkstatt in einem. Daneben gibt es noch ein kleineres Igluzelt für Vorräte.

Das heiße Wasser blubbert auf dem Gaskocher. Nicole und Benjamin sitzen im Schneidersitz auf ihren Isomatten, die fast die ganze Grundfläche des mit einer grünen Plane verhängten Raumes einnehmen. Ihre Hunde Kamil und Bigos springen vergnügt umher. An Möbeln gibt es sonst nur noch ein Regal, voll mit Büchern, Spielen und Hausrat. Es ist kalt draußen, doch hier drin reicht der kleine Gaskocher, um die Temperatur angenehm hochzubringen.

„Wenn es noch kälter wird, stellen wir ein kleineres Zelt zum Schlafen auf“, erklärt der 37-Jährige und überbrüht Kaffee. Auf dem einflammigen Kocher brutzelt der Hobbykoch auch gerne mal Braten mit Knödeln, wie er stolz berichtet. Doch heute gibt es Schoko- und Erdbeertorte – ein Geschenk. Die beiden haben kaum Einkünfte. Mit dem Verkauf der Straßenzeitung verdienen sie sich das bisschen, was sie brauchen. Ab und zu schreibt Benjamin Artikel. Auch Kinderbücher, Cartoons und ein Memoryspiel hat er produziert, während er auf Platte war. Leider sei der Verlag pleitegegangen.

Wasser und Strom gibt es im Camp nicht. Handys und sonstige Geräte betreiben sie über Powerbanks, die sie regelmäßig in der Teestube, einer Darmstädter Einrichtung für Wohnungslose, aufladen. Eine einzelne batteriebetriebene Lampe an der Decke beleuchtet alles. Und abends reicht der Saft auch noch, um gemütlich einen Film auf dem Handy zu gucken. „Wir sind glücklich und haben alles, was wir brauchen“, sagt Benjamin.

Das Leben in der Natur und auf der Straße haben sie selbst gewählt. Vor eineinhalb Jahren gaben sie ihre gemeinsame Wohnung auf und kehrten zurück in ihr Waldcamp, das sie davor schon einmal für zwei Jahre bewohnten. „In einer Mietswohnung hat man keine Privatsphäre“, sagt Benjamin. Wenn man also einen guten Platz zum Draußen-Leben kenne, sei das zu bevorzugen. In der Wohnung hätten sie irgendwann nur noch vor der Glotze abgehangen, hätten keine Perspektive mehr gehabt. „Hier draußen spüre ich jeden Wind, sehe viele Tiere, war seit Jahren nicht mehr krank“, schwärmt Benjamin.

Nicole ist für das gemeinsame Leben mit Benjamin als 16-Jährige von zu Hause abgehauen. Als sie 18 war, heirateten sie, gingen dann nach Holland und kamen in der Hausbesetzerszene unter. Heute ist Nicole 29, und ihre Hobby sind nicht nur Häkeln und Malen, sondern auch das Studium der Bibel. „Ich möchte ein Bibel-Nerd werden“, sagt sie.

Jahre bevor Benjamin Nicole kennenlernte, hatte er ein bewegtes Leben. Er war in eine freikirchliche Sekte verstrickt, von der er sich erst durch die Bundeswehr lösen konnte, wie er berichtet. „Durch die Distanz erkannte ich, dass ich in einer Parallelwelt gelebt habe.“ Er verlor dadurch aber auf einen Schlag seine Familie und alle Freunde. „Ich hatte eine Abneigung gegen die Gesellschaft“, erinnert er sich. Er begann eine Ausbildung zum Orthopädieschuhmacher, wurde jedoch betriebsbedingt gekündigt und landete auf der Straße. Er fand Gefallen daran. In ihrem von Zweigen umzäunten Camp leben sie nur über die Wintermonate. Das restliche Jahr gehen sie mit Sack und Pack auf Wanderschaft und übernachten dort, wo es sie gerade hinverschlägt: in Wäldern, an Bächen auf Wiesen.

Doch jetzt steht eine neue Ära, ein neues Projekt an: Sie nennen es „Freetopia“. Benjamin hatte die Idee, nachdem er bei einer Reality-Show namens Youtopia teilgenommen hatte, die über das Internet ausgestrahlt wurde. „Wir versuchen, gemeinsam eine bessere Lebensform zu entwickeln, um uns selber und der Gesellschaft zu zeigen, dass man in der heutigen Zeit zusammenhalten, gemeinsam wirken und handeln, vieles teilen, machen und erreichen kann, ohne dass jeder nur sein eigenes Wohlergehen in den Vordergrund stellt“, erklärt er. Dafür suchten sie seit Jahren ein Grundstück mit einem Gebäude. Ohne Eigenkapital eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Doch jetzt haben sie in Bad Hersfeld einen alten Bauernhof gefunden, den sie nutzen dürfen. „Es ist ein Versuch“, sagen die beiden. Nicole freut sich schon darauf, das heruntergekommene Gebäude herzurichten. Die Natur sei nicht weit weg, es gebe keine direkten Nachbarn.

Zunächst wollen sie dort nur 50 bis 60 Quadratmeter mieten - „so viel, wie uns über Hartz IV zusteht“, sagen sie. Dann sollen andere Mitbewohner einziehen, die sich ebenfalls einmieten. „Wir wollen durch Videos und Beiträge zeigen, wie wir leben, was wir planen und wie wir unsere neue Lebensform aufbauen“, so Benjamin. Wie sie das anstellen, wollen sie auf Youtube und Facebook zeigen, wo Benjamin bereits jetzt eine 800-köpfige Fangemeinde versammelt. „Eigentlich ist unser jetziges Leben schon Freetopia“, sagt Benjamin.

Später wollen sie über einen Onlineshop  selbst hergestellte Sachen verkaufen und so von Hartz IV wegkommen. Schon jetzt liegen kiloweise Schnitzabfälle vor dem Eingang des Zelts. Benjamin sammelt Baumperlen (Knubbel am Stamm) und verarbeitet sie zu Schmuckstücken und anderen Gegenständen, etwa Kerzenständern. „Esoteriker sind ganz heiß drauf, weil sie glauben, die Heilkraft des Baumes sei in ihnen gespeichert“, sagt Benjamin lachend.

So sind also die Tage im Waldcamp der beiden gezählt. Noch warten sie auf die Zusage des Amtes in Bad Hersfeld. Doch dann kann das Projekt starten. Alles, was mitkommt, ist bereits gepackt und wartet auf den Abtransport. Aber in einem sind sie sich sicher: „Wir werden definitiv das Leben im Freien vermissen!“

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