Lade Inhalte...

Preis für beispielhafte Arbeit Kultur für alle

Die Idee entstand an der Marburger Tafel: Eine Initiative vergibt Eintrittskarten an Bedürftige - nun bekommt sie dafür einen Preis vom Bundesinnenministerium.

Karten für eine Theatervorstellung können sich viele Menschen nicht leisten. Foto: dpa

Ins Theater oder ins Kino zu gehen, war für Isolde Maiwald jahrelang nur ein Traum: „Ich kann mir das einfach gar nicht leisten“, sagt die 56-Jährige. Die gelernte Heilpädagogin ist seit einer schweren Krankheit behindert und lebt von Arbeitslosengeld II in Marburg. Jetzt besucht sie mal ein Bachkonzert, mal ein Stück von Shakespeare oder ein Musical. „Das macht mich so froh“, sagt Maiwald, „die geistige Nahrung hat mir sehr gefehlt.“

Dass sie heute nicht mehr auf Kino oder Theater verzichten muss, hat sie der bundesweit ersten Kulturloge zu verdanken, die nicht verkaufte Karten an bedürftige Menschen in Marburg vergibt. Nun wird die Initiative vom „Bündnis für Demokratie und Toleranz“ des Bundesinnenministeriums mit einem Preis für ihre beispielhafte Arbeit ausgezeichnet.

4000 Euro bekommt die Kulturloge, deren Konzept inzwischen vielerorts nachgeahmt wird: In Hamburg, Berlin, Essen, Gießen und Herborn wurden Kulturlogen eingerichtet. In Köln, Düsseldorf, München, Lübeck und Celle sind sie geplant.

Kulturgäste füllen die Reihen

Das Konzept für die Kulturloge hat Hilde Rektorschek entwickelt. Als langjährige Mitarbeiterin der Marburger Tafel hat sie viele Tafelkunden kennengelernt: „Ich habe festgestellt, dass die Leute gern lesen und Interesse an der Kultur haben“, sagt Rektorschek. Daran teilhaben könnten sie allerdings nicht. Und die Hemmschwellen, Freikarten anzunehmen, seien höher als man denke.

Deshalb spricht sie bewusst von „Kulturgästen“, die nun leere Reihen in Konzert- und Kinosälen füllen. Hartz-IV-Empfänger, Arbeitslose, Rentner und kinderreiche Familien melden sich über Flyer bei sozialen Einrichtungen in Marburg an. Dann kreuzen sie an, ob sie am liebsten Kino, Theater, Kabarett, Lesungen, Volksmusik, Klassik oder HipHop mögen. Hat die Kulturloge Plätze zu vergeben, werden die Interessenten angerufen. Die Karten werden auf ihre Namen an der Kasse hinterlegt, sodass niemand weiß, dass sie von der Kulturloge kommen.

750 „Kulturgäste“, unter ihnen 300 Kinder und Jugendliche, profitieren davon. Ins Kino gehen vor allem Familien. „Da können sie endlich wieder etwas gemeinsam unternehmen“, sagt Rektorschek: „Und die Kinder können mitreden, wenn ihre Klassenkameraden über Karate Kid sprechen.“

Auch Bücher sind begehrt

Auch Alleinstehende erhalten immer zwei Karten, sodass sie eine Freundin mit ins Theater nehmen können. Gespendet werden die Plätze von 42 Kultureinrichtungen – vom Marburger Theater über die Kulturzentren bis zu Konzertveranstaltern. Vor allem, wenn der Vorverkauf schleppend anläuft, gibt es Karten für die Kulturloge. Denn Musiker und Schauspieler spielen nicht gerne vor leeren Rängen.

Von dem Preisgeld will die Initiative vor allem Bücher kaufen. Schließlich wurden die Büchergeschenke zu Weihnachten begeistert aufgenommen. Und dann erzählt Rektorschek von dem Jungen, der nach einer Kinderlesung gern das Buch des Autors gehabt hätte. Doch das war für ihn unbezahlbarer Luxus.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen