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Porträt Ein Mann, ein Wald

Robin Hoffmann erweitert Verdis "Räuber" in der Oper um Klänge aus dem dunklen Forst. Von Anita Strecker

17.12.2008 00:12
ANITA STRECKER

Robin Hoffmann hat den Wald in einer Baumwolltasche mitgebracht. Das Rascheln des Herbstlaubs, das kreischende Geflatter eines Starenschwarms, den Gesang der Nachtigall, das Gekrächze des Eichelhähers, ein Käuzchen natürlich. Mit diebischer Freude breitet er Stück für Stück seiner Pfeifen und bizarren Gerätschaften vor sich auf dem Tisch aus. Führt sie mitten im Café vor, gurrt und schnalzt in bester Bobby McFerrin-Manier dazu.

Ein Mann, ein Wald. Den gibt der 38-jährige Klangkünstler zurzeit für Verdis "Räuber" in der Oper Frankfurt. Sitzt als Waldschrat in der Tiefe des Bühnenraums und lässt den Forst dreimal kurz aufleben. Pause für Verdi, ohne die Musik jedoch durch eine waldmännische Gegenkomposition zu stören. Eherne Regel für den Komponisten wie für Regisseur Benedikt von Peter, den Hoffmann zu den Stimmen des Waldes inspirierte. Und weil er "gern auf der Bühne performed" wie er sagt - als Kunstpfeifer, Lautmaler, Sprecher hat Hoffmann die Waldnummer gleich selbst übernommen.

Wieder mal was Neues. Dem jagt der Komponist immer nach. Neue Musik. Ein Begriff, der ihm am besten gefällt, obwohl er mit Musik der 60er und 70er besetzt sei. Zeitgenössische Musik heißt das jetzt, aber das ist Hoffmann zu vage. "Kompositionen müssen neu sein", Erwartbares durchbrechen. "So wie es Walter Benjamin übers Ostereiersuchen schreibt: Das beste Versteck liegt vor der Nase, weil es da niemand erwartet."

Hoffmann ist immer auf der Suche. Im Grunde, seitdem er mit 14 die erste Rockband gegründet hat. Er hat schnell rausgekriegt, dass man Rock nach drei Stücken durchschaut, dass Punk subtiler ist als Heavy Metal. Und er hat verfolgt, wie die Einstürzenden Neubauten Heiner Müller vertonten.

Musik als Kunst, darum geht es ihm. Als ästhetisches Ausdrucksmittel. Das will er diskutiert und weitergeschrieben wissen. Ein Aspekt, der an Hochschulen zu kurz komme. "Da steht das handwerkliche Interesse im Mittelpunkt." Er selbst hatte das Glück, an der Frankfurter Musikhochschule zum Hauptfach Gitarre den Horizont auch in der Kunst zu erweitern: Bei Kontarski in Neuer Musik, im Kompositionsunterricht von Claus Kühnl. Dann auch an der Essener Folkwang-Hochschule, wo er Komposition studierte.

Der 38-Jährige hat etliche Preise eingeheimst seither. Und er ist nach Frankfurt zurückgekehrt. In die Stadt, die er das "ideale Pflaster" für Neue Musik nennt. Mit dem Ensemble Modern, dem HR, der Uraufführungen aufzeichnet, mit den Darmstädter Ferienkursen oder Bühnen wie dem Mousonturm, der Hochschule für Musik, der Katharinenkirche oder dem Haus am Dom, das sich als Bühne für Neue Musik versucht. Nicht zuletzt auch mit der Frankfurter Gesellschaft für Neue Musik, die Hoffmann mitbegründet hat.

Die Stimme der Nachtigall

"Und dann ist da noch das Frankfurter Publikum." Das kulturbeflissene Bürgertum gebe es noch. Menschen, die in Ruhe und kritischer Offenheit zuhören. Die anders als im trendsettigen Berlin nicht dem jüngsten Hype nachjagten, sondern sich auseinander setzten. "Das tut der Neuen Musik gut." Sich auseinander setzen - für Hoffmann das zentrale Moment. Mit Instrumenten, die er ausprobiert, mit Musikern. "Komponieren ist kein Einzelkampf, man arbeitet mit Menschen." Hoffmann tut das mit dem Ensemble Modern, komponiert Solostücke für Interpreten wie die Geigerin Tabea Zimmermann, arbeitet mit Malern, Tänzern, Literaten, Rockbands und im Duo mit Mark Kysela, als Ensemble, das viel mit elektronischer Musik experimentiert.

Seine Kunst kennt keine Grenzen. Breit grinsend reibt er die Fingernägel aneinander. Alle Musiker müssen das im Orchester-Werk "Schorf" am Ende tun. Das Publikum in den ersten Reihen nimmt einen Windhauch wahr, den das Geräusch der Nägel suggeriert. Die in den hinteren nicht mehr, doch schon die Optik schaffe dieselbe Suggestion, sagt er.

Heute gibt er seiner kanadischen Komponisten-Freundin das Ja-Wort. Am Abend lässt er als Waldschrat in der Oper die Nachtigall für sie singen. Der Mann ist immer für eine Überraschung gut.

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