Lade Inhalte...

Polizeigewalt Offenbach Offene Fragen

Der eskalierte Polizeieinsatz in Offenbach in der vergangen Woche wirft immer noch Fragen auf. Unter die Zeugenaussagen mischen sich Mutmaßungen, warum sich die Situation zwischen den Polizisten und den Jugendlichen so zuspitze.

Polizeipräsident Ullmann (mit Megafon) und OB Schneider (links) auf einer Protestkundgebung von Angehörigen und türkischen Organisationen am vergangenen Freitag. Foto: Andreas Arnold

Der eskalierte Polizeieinsatz in Offenbach in der vergangen Woche wirft immer noch Fragen auf. Unter die Zeugenaussagen mischen sich Mutmaßungen, warum sich die Situation zwischen den Polizisten und den Jugendlichen so zuspitze.

Eine bleierne Mittagshitze lastet auf der Eberhard-von-Rochow-Straße. Nur wenige Menschen sind zwischen den hohen Häuserblocks unterwegs, und wenn, dann meiden sie die pralle Sonne. Der Döner-Imbiss an der Ecke verkauft Getränke, auf Wäscheleinen trocknen Handtücher. Die ruhige Wohngegend im Offenbacher Süden, bisher nicht für soziale Probleme oder Spannungen bekannt, ist in den Fokus der Öffentlichkeit geraten, seit hier in der Nacht zum vergangenen Mittwoch Polizisten und Jugendliche mit Migrationshintergrund aneinandergeraten sind. Die Polizei sagt, die jungen Männer hätten sich einer Kontrolle widersetzt, die Jugendlichen berichten von aggressiven Beamten und unnötiger Gewalt. Ein Polizist und drei junge Männer wurden verletzt.

Seitdem sind die Ereignisse Gesprächsthema Nummer eins in der Nachbarschaft. Selbst diejenigen, die nicht Augenzeugen der Prügelei waren, haben sich mittlerweile eine Meinung gebildet. Sie könne sich nicht vorstellen, dass die Polizisten die Jugendlichen grundlos geschlagen hätten, sagt eine ältere Dame, die erst seit kurzem in der Gegend wohnt. „Die sind bestimmt bedroht worden und mussten sich wehren“, meint sie.
Eine junge Mutter, die mit ihrer Tochter vom Einkaufen kommt, ist sich dagegen sicher, dass es anders war. „Die Polizei hat die Jugendlichen angegriffen, das war ein heftiges Ding“, sagt sie. Mehrere Nachbarn hätten ihr berichtet, dass die jungen Männer völlig friedlich gewesen seien. „Die haben den Polizisten einfach nicht gepasst“, vermutet die Frau.

„Aber dieser Abend war ein Schock.“

Dass die Gewalt an jenem Abend von den Beamten ausging, berichtet auch Frau K. Die 52-Jährige, die seit vier Jahren in der Straße wohnt und vor 40 Jahren aus der Türkei nach Deutschland kam, hat den Polizeieinsatz beobachtet. Eigentlich möge sie die Polizei, sagt sie, die habe sie vor Jahren vor ihrem prügelnden Partner gerettet. „Aber dieser Abend war ein Schock.“ Sie habe gesehen, wie die jungen Männer sich bei der Passkontrolle mit ausgestreckten Armen an die Wand hätten stellen müssen, sagt K. Einen Jugendlichen hätten die Beamten gezwungen, sein islamisches Gebetsgewand auszuziehen. „Er hatte nur noch einen Slip an und hat sich geschämt.“
Eskaliert sei die Situation, als einer der jungen Männer nach dem Grund für die Kontrolle gefragt habe. Die Polizisten hätten nur gemeint, sie könnten ihn auch verhaften, erzählt K., der Mann habe daraufhin seine Arme vorgestreckt, als warte er auf die Handschellen. Daraufhin hätten die Beamten ihn zu Boden gerissen. „Und dann ging’s los“, sagt K.

Ihre Geschichte deckt sich mit den Schilderungen der jungen Männer, die Hatice Dilci, deren Anwältin, am vergangenen Freitag vorgetragen hat. Bei einer Kundgebung gegen das Verhalten der Polizei hatte Dilci berichtet, dass die Frage nach der Rechtmäßigkeit der Kontrolle der Auslöser für die Handgreiflichkeiten gewesen sei. Keiner ihrer Mandanten habe sich zuvor der Kontrolle widersetzt.
Frau K. kann bis heute nicht verstehen, warum die Lage so eskaliert ist. Sie glaube aber, dass nur einzelne Polizisten überreagiert hätten, sagt sie – und sie hoffe, dass diese bestraft würden. „Sonst denken die Leute, die ganze Polizei ist so“, sagt K. „Das wäre doch schade.“

Konflikte mit Migrationshintergrund

Offenbachs Oberbürgermeister Horst Schneider (SPD) ist sehr daran gelegen, die Situation politisch nicht eskalieren zu lassen. „Es gibt in unserer Stadt Konflikte mit Migrationshintergrund in Nachbarschaften und Hausgemeinschaften, es wäre töricht, das zu leugnen“, sagt er. Man müsse deshalb den Vorfall sehr rasch „auf seinen rechtsstaatlichen Kern zurückführen“.
Wenn die Aufklärung von solchen Zwischenfällen sehr lange dauere wie im Fall von Derege Wevelsiep in Frankfurt, dann sei das schlecht: „Es beschädigt den Rechtsstaat, wenn die Menschen das Gefühl haben, das etwas unter den Teppich gekehrt wird.“ Der äthiopischstämmige Wevelsiep war im Oktober 2012 nach einer Fahrscheinkontrolle nach eigenen Angaben von Polizisten zusammengeschlagen worden. Der Fall ist bis heute ungeklärt, der Frankfurter Polizeipräsident Achim Thiel äußerte sich nicht (siehe Text rechts).
In Offenbach lobt der OB dagegen Polizeipräsident Roland Ullmann, der mit Schneider an einer Mahnwache teilgenommen hatte. „Da bin ich ein Stück stolz darauf.“ Der OB glaubt, dass in Offenbach ein Polizist „möglicherweise die Nerven verloren“ habe, nachdem ihm von den Jugendlichen „ein freches Maul angehängt“ worden sei. Dies dürfe man weder aufbauschen noch kleinreden.
Dank „guter Kontakte in die muslimische Community“ habe er das auch dort vermitteln können, sagt der Sozialdemokrat.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen