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Plötzlich in der neuen Zeit

Wie sich Klaus Gülden kenntnisreich sein geliebtes Heddernheim erschließt

28.08.2008 00:08
MATTHIAS ARNING

Am "Scharfen Eck" kam keiner vorbei. Wer sich von Norden aus in Richtung Frankfurt aufmachte oder umgekehrt Oberursel ansteuern wollte, musste diesen Weg wählen. Und Halt machen. Im "Scharfen Eck" ging es meist zu früher Stunde los. Und der Willy, sein Onkel, erzählt Klaus Gülden, habe ebenso wie sein Vater Karl in der elterlichen Gaststätte helfen müssen. War schließlich eine Menge Betrieb auf der Heddernheimer Landstraße. Gülden zeigt eine nachkolorierte Postkarte aus dem Jahr 1909: "Das scharfe Eck", die Fensterfronten sind geblieben, doch heute kommen Kinder anstatt Durchreisender dorthin. Ein Knotenpunkt, diese um die Wende zum 20. Jahrhundert viel genutzte Durchfahrt zur Brücke über die Nidda nach Eschersheim rein und weiter nach Frankfurt. Der Stadt, für die Heddernheim 1910 seine Eigenständigkeit und zahlreiche Straßennamen aufgegeben hat.

Ging es dem "Scharfen Eck" gut, liefen auch die anderen Geschäfte nicht schlecht. Gerade in dieser Zeit der plötzlichen Industrialisierung. Heddernheim boomte. An Nachwuchs mangelte es nicht. Zügig musste man die 1880 geschaffene Volksschule, die heute Robert-Schumann-Schule heißt, vergrößern. Die Jahreszahlen, die man in dem Sandstein der Fassade markiert hat, verweisen auf die Erweiterungen in gerademal zwei Jahrzehnten. Die Heddernheimer Kupferwerke wirkten als Arbeitgeber attraktiv. Sie gingen in den Vereinigten Metallwerken auf, die sich schon vor dem Ersten Weltkrieg mit Aluminiumlegierungen einen Namen machten.

Das ist die Zeit, für die sich Klaus Gülden heute interessiert. Seitdem der Soziologe in Rente ist, geht er den Sachen im Stadtteil intensiver nach. Er, der Adorno-Schüler, der 1962 an der Seite von Günther Amendt beim SDS mitmachte, der aus seiner Verehrung für Herbert Marcuse keinen Hehl macht. Einer wie er, sagt der Stadtteil-Historiker beim Rundgang durch sein Heddernheim, wolle sich nicht von den Archäologen vereinnahmen lassen. Er sei Zeithistoriker. Und so fange die Geschichte Heddernheims für ihn 802 an. Frühes Mittelalter, die Zeit der ersten urkundlichen Erwähnung Heddernheims im Zusammenhang mit dem Lorscher Kodex, einer in dem Kloster hinterlegten Festschreibung damaliger Zugehörigkeitsverhältnisse.

Die neue Zeit. Archäologen hören das nicht gern. Schließlich, darauf besteht Manfred Piehl vom Archäologischen Forum, gehe es um Anfänge. Ewig her. Die Siedlungsgeschichte am Ort nahe der Nidda reicht weit zurück. Mit Fundstücken belegen lassen sich Militärlager der Römer um das Jahr 75 herum. Er selbst, sagt Piehl, sehe seine Arbeit nicht in Konkurrenz zum Museum in der Stadt, aber "ein bisschen was zeigen wollen wir schon". Etwa am Eckhaus Wenzelweg/In der Römerstadt. Eine Türschwelle, alt, eingefasst in eine heutige Fassade.

Römisch, die Schwelle, sagt Klaus Gülden auf dem Rückweg vom alten Friedhof. Unbedingt Halt machen wollte er dort, wo für ihn selbst Heddernheim richtig anfängt. Neue Zeit, 18. Jahrhunderts, Philipp Wilhelm von Riedt, da zweifelt Gülden keinen Augenblick, bringt die Belange der Gemeinde voran, lässt 1720 den Friedhof anlegen und beginnt zwei Jahrzehnte später den Bau des Schlosses. Von der Ruhestätte ahnt kein Mensch was. Gleich hinter dem Clubhaus der "Fidelen Nassauer", einem Anfang der 30er Jahre begründeten Karnevalsverein in dem für seine Jecken bekannten Dorf, spielen Kinder. Aufmerksamkeit schenken auch sie der Skulptur nicht, die man in den 50er Jahren an diese Stelle brachte. Zum Gedenken an die Opfer des Kriegs. "Aber ich werde leben" steht auf der schlichten Skulptur.

In den kleineren Häuser in der Nähe des Schlosses wohnten Bedienstete. In den nächsten größeren Häusern, berichtet Gülden, seien die Metallwerker zuhause gewesen. Und in den Straßen des besseren Viertels, heute nach bekannten Römern benannt, lebten Angestellte. "Klavier"-Viertel habe man das Quartier genannt, weil die Kinder dort im Spielen des Pianos unterwiesen worden seien.

Durch die Diezer Straße fällt der Blick auf die "Speisekammer", früher Gaststätte Gülden. Dort sei er aufgewachsen. Bei seiner Mutter Paula, die allein habe zurecht kommen müssen, weil der Vater in den letzten Kriegsmonaten ums Leben kam. Noch heute kehre er gern hierher zurück. Auch dreihundert Meter weiter zum "Momberger" gehe er oft. Die Woche über trinke er seinen Ebbelwei, den er vom Fritz Walther in der Kastellstraße hole, an Wochenenden jedoch wolle er auf das Rumpsteak beim Momberger nicht verzichten. Das sei ein beliebter Ort. Sein ganz persönlicher Lieblingsort aber, der sei woanders. Das, sagt Gülden und setzt sich hin, das sei dieser unauffällige Prellstein an seinem Elternhaus, dort, wo er schon als kleiner Junge gesessen habe. Als kleiner Heddernheimer.

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