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Pit Metz im Interview "Das gehört sich einfach nicht"

Der ehemalige Spitzenkandidat wie auch ehemaliges Mitglied des Landesvorstandes der Linkspartei wundert sich über die einstigen Genossen doch sehr.

07.01.2009 19:01
Metz tritt bei den Linken aus
Pit Metz, ehemaliger Spitzenkandidat und ehemaliges Mitglied des Landesvorstandes der Linkspartei. Foto: ddp

Herr Metz, Sie sind aus der Linken ausgetreten, was ist im Moment mit der Partei los?Wir haben in Hessen Erfolg gehabt. Das beflügelt natürlich. Dann kam mit der Duldung der rot-grünen Koalition auch Verantwortung auf uns zu. Mit dem parlamentarischen Erfolg kam auch die Konkurrenz um Platzierungen auf Listen - davon hängen ja auch Jobs ab.

Was kritisieren Sie an der Wahl der Kandidaten für die Landesliste? Bei der Platzierung ging es nicht gerade zu, da hat sich etwas eingeschlichen. Ich habe mir mehr Offenheit erwartet, mehr Diskussion über Pro und Contra.

Was hat Ihnen denn konkret missfallen? Da wird vorher schon geguckt, wie knappe Entscheidungen im Vorfeld beeinflusst werden können. Verschiedene Gruppen der Partei standen wie Feinde gegeneinander. Diese Feindschaft, die da geschürt wird, damit kann ich nicht umgehen.

Aber dass um Listenplätze gekämpft wird, ist doch normal in Parteien... Natürlich gehört es zur innerparteilichen Demokratie, dass um Plätze gefochten wird. Aber das müsste in offener und transparenter Weise geschehen und nicht mit Ränkeschmieden.

Gibt es das nicht auch in anderen Parteien? Mancher Parlamentarier wird vielleicht sagen: Das ist doch überall so. Aber ich wundere mich, dass es bei der Linken genau so sein soll.

Hat die Parteiführung aus Berlin denn Einfluss genommen? Das kann ich nicht beurteilen. Gespräche mit Gregor Gysi und Oskar Lafontaine habe ich immer sehr solidarisch erlebt.

Was meinen sie mit einem "Panorama des Elends"? Wenn einem Mitglied ein Fragekatalog vorgelegt wird und er beantworten soll, was er vor zwei Jahren in Gelsenkirchen gemacht hat. Das gehört sich einfach nicht. Ein Mitglied sollte sich rechtfertigen, für sein früheres politisches Engagement. Das kann man doch nicht mit schriftlichen Fragen machen! Das finde ich unmöglich. Es ging in Richtung Gesinnungsprüfung, nach dem Motto: Jetzt wollen wir mal wissen, was dich damals angetrieben hat.

Was hat Sie noch erschreckt? In Kassel wurden Gesprächsnotizen über Mitglieder angefertigt und weitergegeben. Da sucht einer den anderen auf, dann wird von einem ein geheimes Protokoll geschrieben und an einen Dritten geschickt. Wie wollen solche Leute eine gemeinsame Politik entwickeln?

Vielleicht über Kommunikation im Internet? Es gibt regelrechte E-Mail-Schlachten. Das ist schon parteitypisch. Man unterstellt sich gegenseitig, nicht ganz dicht im Kopf zu sein. Darüber wird dann die halbe Welt informiert. Alle Streitigkeiten und Ansichten zu irgendwelchen Artikeln werden an alle verschickt, man entäußert sich an alle Welt. Da spekuliert jeder öffentlich über die politischen Motive des anderen und es wird viel herumpsychologisiert. Es ist eine sehr anstrengende Atmosphäre in der Partei. Wenn man wie ich sieben Jahre im Stadtparlament saß, braucht man solche Auseinandersetzungen nicht mehr.

Was fehlt der Linkspartei? In der Euphorie der Wechselstimmung ist der Parteiaufbau hinten runter gefallen. Man hat sich zu sehr auf den parlamentarischen Erfolg konzentriert. Der Parteiaufbau und die Bildungsarbeit wurden vernachlässigt. Auch das zusammenwachsen mit einem sozialen Milieu. So stolpern wir von einem Wahlkampf zum nächsten. Ich freue mich auch, dass viele eintreten, aber das ist doch noch kein Erfolg. Man muss doch die Mitglieder auch einbinden in die Parteiarbeit. Sie nur zu registrieren ist eine Formalität. Man muss ein Parteileben entwickeln und die Mitglieder nicht nur als Wahlkämpfer sehen.

Fehlt der Partei auch Kompetenz in Sachfragen? Natürlich. Nur immer Nein sagen, reicht auf Dauer nicht. Man muss sich inhaltlich mit den Dingen auseinander setzen, das habe ich im Stadtparlament in Marburg gelernt. Sachkompetenz fällt nicht vom Himmel. Da geht es wie bei der Solarsatzung in Marburg am Ende um Details, um die Umsetzung, um die Finanzierung. Dafür braucht man Kompetenz und wenn man sie nicht hat, muss man sie erwerben. Die Linkspartei braucht eine organisierte Form des Kompetenzerwerbs.

Sind sie jetzt voller Groll auf die Linke? Nein, ich wünsche mir trotz meines Austritts, dass die Linke wieder in den Landtag kommt. Das Landesparlament wurde durch die Linke reicher. Auch die Arbeit der Fraktion war unterm Strich betrachtet gut: Was soll man mit 5,1 Prozent denn mehr reißen? Ich habe keinen Anlass zu massiver Kritik an der Fraktion.

Hätten Sie mit Ihrem Austritt nicht warten müssen bis nach der Wahl? Nein, nach der Wahl ist vor der Wahl. Bei so einer grundsätzlichen Frage geht es nicht um den Zeitpunkt. Der Zeitpunkt ist da, wenn man sich entschieden hat.

Werden Sie sich jetzt in der neuen Partei "Hessen anders" engagieren? Das ist eine alte Krankheit der Linken: Wenn sie mit einer Partei unzufrieden sind, gründen sie eine neue. Nicht mit mir.

Interview: Matthias Thieme

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