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Pilotprojekt Leben wie in einem Dorf

Sie haben Schlimmes erlebt, kommen aus Krieg und Zerstörung in ein neues Leben, das aus viel Warten besteht. In Darmstadt versucht ein Projekt, traumatisierten Frauen und Kindern wieder Hoffnung zu geben.

Flüchtlinge sind häufig zum Nichtstun verdammt - schlecht für die seelische Verfassung. Foto: dpa/Archiv

Viele haben Gräueltaten miterlebt, Bedrohung, Krieg, den Verlust von nahestehenden Menschen und der Heimat. Ihr „Urvertrauen in die Menschlichkeit“ ist beschädigt. „Wir müssen ihnen das Prinzip Hoffnung zurückgeben“, sagte Marianne Leuzinger-Bohleber, Direktorin des Sigmund-Freud-Instituts und Leiterin eines neuen Projekts zur Betreuung traumatisierter Frauen und Kinder. „Bundesweit einmalig“ sei dieser Ansatz, ergänzte Hessen Sozialministeriums Stefan Grüttner (CDU) am Donnerstag in Darmstadt in der Einrichtung in der Michaelisstraße direkt neben der Starkenburgkaserne, in der die Bundeswehr stationiert ist. Leuzinger-Bohleber und ihre ehrenamtlichen wie professionellen Mitstreiter sprechen vom Michaelis-Dorf. „Wir wollen den Bewohnern ein Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit geben.“ Dass sie keine nutzlosen Bittsteller sind, sondern gebraucht werden. Die Erfahrungen aus dem Holocaust hätten gezeigt: „Es ist eine unheimliche Demütigung, auf der Flucht zu sein.“ Die gelte es zu überwinden.

Der „Geist“, von dem die Chefin des Sigmund-Freud-Instituts spricht, ist für Außenstehende zunächst nicht spürbar. Der erste Eindruck: Eine ganz normale Erstaufnahmeeinrichtung, von der es mittlerweile 40 in Hessen gibt. Grüppchen neugieriger Männer und Kinder beobachten die Besucher, gegenüber den Toilettencontainern richten Arbeiter die Außenanlagen der neuen Holzbau-Unterkünfte her. Sind die auch bezogen, wird die Zahl der Bewohner sich auf bis zu 1000 verdoppeln.

Zuerst Vertrauen aufbauen

Und doch ist dies hier für Hessen etwas Einmaliges: Seit der Eröffnung im September ist der hintere der beiden Backsteinbauten einzig und alleine für Frauen und Kinder reserviert. Ein geschützter Raum speziell für jene weiblichen Neuankömmlinge ohne männliche Begleitung. Eine solche Infrastruktur eigne sich gut, um die Bedürfnisse traumatisierter Flüchtlinge sowie Frauen und Kinder in Erfahrung zu bringen, so Grüttner. Die Ergebnisse könnten dann für die anderen Standorte nützlich sein.

Zunächst geht es darum, Vertrauen aufzubauen, sagte Leuzinger-Bohleber. „Wir wollen das Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit geben.“ Ziel sei, die Flüchtlinge aus ihrer Isolation und Einsamkeit herauszulocken. Die Bereitschaft sei da, bestätigte Hans Högel vom Deutschen Roten Kreuz, das die Einrichtung betreibt. „Man braucht sie nur anzusprechen.“ Aus Gesprächen weiß er: „Das Schlimmste ist, nichts zu tun.“

Jeder Neue im Dorf erhält zur Begrüßung eine Art Stundenplan überreicht, der darüber informiert, was in der Woche so los ist: diverse Deutschkurse, Singen für Kinder, Sprechstunden der Verwaltung und Pro Familia, Tischtennis für verschiedene Altersstufen, Kinoabende, Hip-Hop-Tanzen, Jugendtreff. Jeden Tag gibt es die Möglichkeit, etwas zu tun. Wer sie nutzt, sollte im Gegenzug etwas für die Gemeinschaft tun. Zwei Stunden Eigenaktivität im Tausch für ein Angebot – das ist die Idee. Das steigert das Selbstwertgefühl, merkte die Projektleiterin an. „Der Mensch bekommt das Gefühl, gebraucht zu werden.“ Stabile Alltagsstrukturen sollen ersten Halt und Orientierung bieten, um Gewalt und Retraumatisierung entgegenzuwirken.

Rasche Hilfe nötig

Möglichkeiten, sich für die „Dorfgemeinschaft“ zu engagieren, gibt es genug, sagte Sabine Andresen vom Fachbereich Erziehungswissenschaften der Frankfurter Goethe-Universität, die mit Studierenden an dem Projekt namens „Step-by-Step“ ebenfalls mitarbeitet.

Unter den Flüchtlingen befänden sich Sozialarbeiter oder Lehrer. Die Ehrenamtlichen, die die tägliche Kinderbetreuung organisieren, können noch Verstärkung brauchen. Jüngst hätten ein paar junge Männer geholfen, den Jugendtreff zu streichen – und nebenbei von ihren traumatischen Fluchterlebnissen berichtet. „Das ist wichtig, dass sie das gleich erzählen.“

Leuzinger-Bohleber bekräftigte diese Aussage mit Erkenntnissen der Psychoanalyse: „Traumatisierungen sind Erfahrungen, in denen Menschen extremen Gefühlen von Verzweiflung, Ohnmacht und Hilflosigkeit ausgesetzt sind, meist verbunden mit Todesangst.“ Betroffene reagierten besonders verletzlich, wenn sie sich nun wieder zur Passivität gezwungen sehen. Zeitnahe Hilfe sei notwendig, um die Langzeitfolgen auf die nachfolgenden Generationen zu mildern. „Dazu muss man zuerst Vertrauen aufbauen.“

Kontakte erhalten

Der Haken: Die Erstaufnahmeeinrichtungen des Landes sind generell lediglich Durchgangsstationen. Nach einigen Wochen werden Flüchtlinge mit guten Bleibeperspektiven auf die Kommunen verteilt. Nach Angaben Grüttners wird versucht, einstige Bewohner des „Michaelis-Dorfs“ in der Nähe von Darmstadt unterzubringen, so dass die Kontakte nicht abreißen müssen. Denn es entstehen enge Beziehungen: „Ich habe hier richtigen Freundschaften geschlossen“, sagt die angehenden Gestalttherapeutin Jennifer Treinzen, die Ehrenamt und Beruf hier vereint. Besonders an Herz gewachsen sind ihr die syrische Familie, deren dreijähriges Kind von der Terrormiliz IS verletzt wurde und Hals über Kopf aus ihrem Dorf fliehen musste. Und der junge Syrer, der mit Tränen in den Augen von seiner Freundin erzählt. „Er will nach dem Krieg unbedingt wieder zurück.“

Nicht nur Flüchtlinge profitieren von dem Projekt. Unter Anleitung erfahrener Fachkräfte sammeln Studierende Qualifikationen, die sie in ihrem späteren Berufsleben sehr gut gebrauchen können. Und die Wissenschaft verspricht sich davon, neue Erkenntnisse über Strategien zur Traumabewältigung zu gewinnen. Geplant sei, eine größere Zahl der an dem Projekt beteiligten Flüchtlingsfamilien langfristig zu begleiten, kündigte Leuzinger-Bohleber an. „Wir wollen sehen ob das Michaelis-Dorf messbar ist bei den Sprachkenntnissen, der Integration, ob sie weniger psychosoziale Störungen haben.“

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