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Pfungstadt Maikäfer stirb

Maikäfer sind derzeit auf Hochzeitsflug. In Pfungstadt in Südhessen endet der tödlich. Erstmals seit 55 Jahren wird dort wieder Insektengift von Hubschraubern versprüht. Von Frank Schuster

03.05.2010 12:05
Frank Schuster
Ein Maikäfer krabbelt auf einem Blatt einer Buchenhecke. Foto: dpa

Zum ersten Mal seit 55 Jahren wird in Hessen wieder ein chemisches Insektengift gegen Maikäfer eingesetzt. Am Montagnachmittag versprühen Hubschrauber über einem 350 Hektar großen Waldgebiet an der Autobahn A 67 bei Pfungstadt das Insektizid Dimethoat. Die Autobahn ist währenddessen gesperrt. Mitglieder verschiedener Naturschutzverbände hatten gegen den Gifteinsatz am Morgen vor dem Rathaus der südhessischen Stadt demonstriert. Sie legten sich zum Teil auf den Boden - als Beispiel für Tiere, die bei dem Gifteinsatz tot auf die Erde fallen.

Umweltschutzverbände kritisieren den Gifteinsatz, der binnen acht Tagen noch einmal wiederholt werden muss. Der Naturschutzbund Nabu fürchtet, dass das Insektizid auch andere Tiere, darunter Fledermäuse und seltene Schmetterlingsarten, tötet.

Das Gift setzt sich auf die Blätter der Bäume. Es tötet die gefräßigen Käfer, die derzeit zum Hochzeitsflug ausschwärmen, und hindert sie an der Eiablage. Die südhessischen Riedwälder zwischen Darmstadt und Mannheim, die wegen ihrer sandigen Böden und niedrigen Grundwasserstände den Waldmaikäfern besonderes günstige Bedingungen bieten, erleben derzeit ein Ausfliegen der Tiere wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Die dämmerungsaktiven Käfer schwirren in Schwärmen durch die Luft; tagsüber hängen sie in Trauben von den Bäumen. "Ein Naturschauspiel das man so nur alle Jahrzehnte sieht", sagt Horst Marohn, Sprecher von Hessen-Forst.

Ein Naturschauspiel - dieser Meinung ist auch der Nabu. Als solches sollte man es auch akzeptieren und es nicht mit Gift bekämpfen, so der Landesvorsitzende Gerhard Eppler. Auch wenn die Wälder im südhessischen Ried stark geschädigt sind und vor allem durch den Wurzelfraß der im Waldboden lebenden Käferlarven, den Engerlingen, noch mehr zerstört werden - für Eppler steht fest: "Es müssen die Ursachen bekämpft werden, nicht die Symptome." Ursachen seien zum Beispiel der vom Menschen verursachte tiefe Grundwasserstand und die Klimaerwärmung.

Angst vor dem Gifteinsatz

Wenn im hessischen Ried unter den heutigen Umweltbedingungen nur noch lichte Eichenwälder leben könnten, so Eppler, und keine geschlossenen Hochwälder mehr, könne der Mensch sie nicht mit Schädlingsbekämpfung erzwingen. Lichte Wälder seien Lebensraum für seltene Schmetterlins- und Vogelarten. Es sei zu befürchten, so Eppler, dass der Gifteinsatz alle vier Jahre wiederholt werden müsse. Das Ausschwärmen dauere zwei bis drei Wochen und locke zahlreiche andere Tiere an, die sich von Maikäfern ernährten. "Manche Fledermausarten fliegen Hunderte Kilometer weit, um sich Anfang Mai einen Festschmaus im Hessischen Ried zu gönnen."

Im vergangenen Sommer hatte Hessen-Forst nach Probebohrungen, die eine hohe Engerlingsdichte in den Waldböden ergaben, vorgeschlagen, auf einer Vielzahl kleinerer Flächen im südhessischen Ried Dimethoat zu versprühen. Umweltministerin Silke Lautenschläger (CDU) kündigte jedoch im Dezember überraschend an, im Staatsforst keine Insektizide zu versprühen.

"Was für den Staatswald gilt, muss auch für den Kommunalwald gelten", sagt Eppler. Der Nabu hält es für sinnlos, lediglich auf drei Prozent der betroffenen Waldfläche ein Breitbandgift einzusetzen. Die Maikäfer würden von den Seiten her wieder in den Pfungstädter Wald einfliegen.

"Es wäre sicherlich effektiver gewesen, wenn alle Kommunen weiter an einem Strang gezogen hätten", sagt Petra Wagner, zuständig bei der Stadt Pfungstadt für den Fachbereich Umwelt. Die Darstellung des Nabu weist sie zurück. Die Dosis des auch in der Landwirtschaft eingesetzten Insektizids werde so gering gewählt, das es weder Vögel noch Fledermäuse töte. Sie räumt jedoch ein, dass andere Insekten daran sterben. Das Pfungstädter Waldgebiet Klingsackertanne sei allerdings so stark geschädigt, dass die Stadt keinen anderen Ausweg mehr sehe, die Maikäferpopulation einzudämmen.

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