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Peter Härtling im FR-Interview „Inklusion funktioniert nicht immer“

Was Peter Härtling in seinem Buch vom „Hirbel“ damals beschrieb, war die totale Separierung eines Kindes vom Rest der Gesellschaft. Würde der Hirbel heute anders leben? Peter Härtling ist skeptisch. Der Schriftsteller über sein Buch und den Umgang mit behinderten Kindern.

11.10.2015 18:51
Katja Irle
Peter Härtling in seinem Arbeitszimmer. Foto: Andreas Arnold

Mit dem „Hirbel“ als Hauptfigur stellte der Schriftsteller Peter Härtling 1973 als einer der ersten einen Jungen mit Behinderung ins Zentrum eines Kinder- und Jugendbuchs. Was er damals beschrieb, war die totale Separierung eines Kindes vom Rest der Gesellschaft. Würde der Hirbel heute anders leben? Peter Härtling ist skeptisch.

Was war 1973 der Anlass für Sie, ein Buch über ein behindertes Kind zu schreiben?
Ein Gespräch mit unseren Kindern. Wir saßen zusammen und meine Frau, eine Psychologin, erzählte von ihrer Arbeit in einem Durchgangsheim. Dort gab es einen behinderten Jungen, der den Spitznamen Hirbel hatte. Unsere Kinder reagierten absolut abweisend. Das hat mich sehr geärgert. Ich habe dann lange über dieses Gespräch und die Abwehrhaltung der Kinder nachgedacht. Und schließlich begann ich, das Buch über den Hirbel zu schreiben, ohne dessen Lebenslauf wirklich zu kennen. Die Akten aus dem Heim konnte ich aus Datenschutzgründen nicht einsehen. Also machte ich mich kundig, las viel über behinderte Kinder und die Heime, in denen sie damals untergebracht wurden.

Es ist keine Geschichte einer geglückten Integration oder gar Inklusion, sondern eine traurige Geschichte ohne Happy End. Hirbel bleibt separiert. Warum dieser düstere Ausgang?
Weil es damals so sein musste. Schon als ich mit dem Schreiben begann, war klar, dass die Geschichte auf kein gutes Ende zusteuern würde. Die Kinder, die das Buch gelesen haben, mochten das nie. Sie hätten gern ein versöhnliches Ende gehabt. Aber ich habe als Schriftsteller nie dazu geneigt, weder bei den Texten für Erwachsene noch bei meinen Kinderbüchern, Happy Ends zu konstruieren. Der Mensch ist so gemacht, dass er unbedingt harmonisieren will – und ich schreibe dagegen an.

Wie haben Ihre eigenen Kinder auf das Buch reagiert?
Sie haben das, je nach Alter, gelesen und stellten dann viele Fragen, vor allem an meine Frau, die den Hirbel ja kennengelernt hatte. Sie wollten vor allem wissen, wie er wirklich gewesen sei. Vielleicht haben sie beim Lesen auch Dinge erfahren, die damals neu für sie waren. Zum Beispiel, dass behinderte Kinder große Begabung haben können. Der Hirbel konnte zum Beispiel ganz wunderbar singen.

Im Nachwort zu Ihrem Buch beschreiben Sie die Fragen, die Kinder Ihnen bei Lesungen stellen. Wollen Schüler heute andere Dinge wissen als früher?
Da hat sich bei diesem Buch erstaunlicherweise nur sehr wenig verändert – ganz anders als bei meinem Jugendbuch „Ben liebt Anna“. Der Hirbel scheint sehr dauerhaft zu sein in seiner Wirkung auf Kinder und auch in der Abwehrhaltung, die er bei vielen immer noch hervorruft. Das Buch hat aber auch positiv gewirkt. Ich erinnere mich, dass die Kinder einer Schule bei Heilbronn nach der Lektüre Kontakt aufnahmen zu einem Behindertenheim in ihrer Nähe. Das wäre vielleicht ohne den Hirbel als Anstoß nicht passiert.

Eine typische Kinderfrage zum Buch war: „Welche Krankheit hat der Hirbel?“ Wie haben Sie geantwortet?
Ich habe gesagt, dass der Junge wahrscheinlich zweierlei Krankheiten hat: eine tatsächliche, die der Arzt feststellen kann, und eine andere, die der Arzt nicht heilen kann. Der Hirbel war krank, weil sich niemand um ihn kümmerte, niemand mit ihm spielte und ihm auch niemand vertraute.

Wenn Sie heute noch einmal ein Buch über einen Schüler mit Behinderung schrieben: Wie wäre dieses Kind und wie sähe sein Alltag aus?
Darüber grübele ich tatsächlich schon eine Weile nach – und bin immer noch nicht zu einem klaren Ergebnis gekommen. Ich glaube aber nicht, dass der „moderne“ Hirbel es leichter haben würde als meine Hauptfigur aus den 1970er Jahren. Vermutlich wäre er kein Heimkind, wie damals, sondern vielleicht ein Kind aus einer Migrantenfamilie. Oder aber ein Mensch mit Behinderung in einem anderen Kulturkreis. In manchen Ländern gelten Kinder mit Behinderungen immer noch als „Befallene“ und werden ausgegrenzt. Sie sehen: Auch dieses Buch hätte kein Happy End.

Trotz der Inklusionsbemühungen in Deutschland und in anderen Staaten?
Wir sind auf dem richtigen Weg, aber längst nicht am Ziel angekommen.

Sie haben bei Lesereisen viele Schulen im In- und Ausland besucht, unter anderem auch Einrichtungen, die inklusiv arbeiten. Wie war Ihr Eindruck?
Nach dem literarischen Hirbel habe ich sehr notwendige, reale Erfahrungen unter anderem an Schulen in Südtirol gemacht. Dort gab es, organisiert vom Büchereiverband, eine Lesereihe für Kinder. Ich kam in eine Klasse und las aus meinen Büchern vor. Direkt vor mir saßen zwei neun- oder zehnjährige Mädchen nebeneinander. Die eine wirkte sehr abwesend. Bald begann das Kind unruhig zu werden und hin und her zu schaukeln. Da meldete sich ihre Nachbarin und sagte: „Wir gehen raus, Herr Härtling. Irena kann jetzt nicht mehr zuhören und braucht eine Pause.“ Sie nahm die Mitschülerin bei der Hand und ging. Ihre Lehrerinnen reagierten gar nicht darauf, weil es an dieser Schule offenbar ganz alltäglich und selbstverständlich war. Nach fünf Minuten waren beide Mädchen wieder da. Irena war wieder ganz entspannt.

Welche Erfahrungen haben Sie noch gemacht?
Es gab noch ein wunderbares Beispiel für Inklusion, ebenfalls in Südtirol. Die Schule dort beeindruckte mich schon deshalb, weil sie ein ganz heller und luftiger Holzbau war. Schule war dort wie ein Zuhause für die Kinder, das konnte ich spüren. Die Kinder führten ein Theaterstück auf, das sie zum Schuljubiläum gemeinsam entwickelt hatten, und zwar nach der Vorlage meines Buchs vom Hirbel. Die Hauptrolle spielte ein behinderter Junge. Er sprach nicht sehr deutlich, spielte diese Rolle aber so genau und präzise, dass es einem ans Herz ging. Er zeigte seine Ängste, Verzweiflung, aber auch Freude und Witz. Ich war sehr beeindruckt. Und ich war auch beeindruckt davon, wie es dieser Schule scheinbar mühelos gelang, Kinder mit Behinderung quasi einzupacken in die Normalität des Schullebens, anstatt sie zu separieren.

Wäre es nicht inklusiver gewesen, wenn ein anderes Kind den Hirbel gespielt hätte?
Ja, sicher. Aber die Inklusion findet an den Schulen ja nicht nach einem theoretischen Konzept statt, sondern in der Realität. Die Kinder dieser Klasse hatten abgestimmt – und den Jungen mit Behinderung einstimmig für die Hauptrolle ausgewählt. Er wollte das erst nicht, war aber dann nach der Aufführung ganz mit sich im Reinen und stolz auf seine Leistung.

Dennoch machen viele Kinder die Erfahrung, ausgegrenzt zu werden, sobald sie anders sind als die anderen. Woran liegt das?
Es wird immer Kinder geben, die ihre Überlegenheit gegenüber Mitschülern ausspielen, die schwächer, behindert, eben anders sind. Deshalb brauchen wir Lehrer, die empfindlich sind für solche Binnenstörungen und darauf reagieren.

Ließe sich Ausgrenzung durch sensible und gut ausgebildete Lehrer ganz vermeiden?
Darüber habe ich mir viele Gedanken gemacht. Wenn ich mit der Generation meiner Enkel spreche, dann erlebe ich, dass der vermeintlich Stärkere seine Überlegenheit nach wie vor ausspielt. Das zeigt sich zum Beispiel bei Begriffen wie „Du Opfer“ oder „Du Spasti“. Die Realität widerspricht hier immer wieder dem Wunsch, Ausgrenzung abzuschaffen. Deshalb glaube ich auch, dass die gemeinsame Schule für Kinder ohne und mit Behinderungen nicht für alle funktionieren wird. Für einen Teil der behinderten Schüler muss es weiterhin Spezialschulen geben – etwa für Kinder wie den Hirbel, die zu schwer geschädigt sind.

Warum können diese Kinder nicht, mit entsprechender Unterstützung, in die Regelschule gehen?
Ich bin dagegen, Kinder in eine Umgebung zu pressen, der sie nicht gewachsen sind und in der man sie überfordert – nur weil es uns politisch oder gesellschaftlich notwendig erscheint und weil Kinder den Umgang mit Behinderten lernen sollen. Warum müssen Behinderte Lehrstoff sein für die anderen? Das sehe ich nicht ein.

Sehr viele Förderschulen sind nach Ihnen benannt. Die meisten Bundesländer wollen diese Schulform schrittweise abschaffen beziehungsweise reduzieren, um Inklusion umzusetzen. Was halten Sie davon?
Das ist falsch. Für sehr kranke Kinder muss es weiterhin solche Schulen geben. Ich halte es beinahe für ein Verbrechen, ein Kind, das so schwer beeinträchtig ist, dass es kaum Kontakt zu anderen aufnehmen kann, in eine „normale“ Schulklasse zu setzen. Spezialschulen an Kliniken oder beispielsweise für Kinder mit spastischen Störungen kann man auch in Zeiten von Inklusion nicht abschaffen. Ich kenne diese Schulen, weil ich oft dorthin eingeladen werde. Was dort geleistet wird, ist an einer Regelschule nicht möglich.

Die größte Gruppe der Kinder auf Sonderschulen sind jedoch nicht diejenigen mit schwersten Behinderungen, sondern Kinder mit Lernschwierigkeiten und/oder Verhaltensauffälligkeiten. Sollten auch die Förderschulen für diese Schüler erhalten bleiben?
Nein, diese Schulen braucht man eigentlich nicht. Aber meine Sorge ist, dass man ihnen an der Regelschule deutlich ihre Schwächen zeigt, obwohl man ja genau das gerade nicht will. Viele Kinder beobachten ungeheuer sensibel, wie ihre Umgebung auf sie reagiert. Dann kommt es zu Reibungen, Auseinandersetzungen und Ausgrenzung.

Heißt das, Inklusion funktioniert in der Praxis nicht?
Diese Idee lässt sich nur dann gut umsetzen, wenn sie extrem gut vorbereitet ist und wenn so viel Personal da ist, dass der gemeinsame Unterricht auch eine gute Idee bleibt. Deshalb brauchen wir Inklusionsbegleiter an den Schulen. In jeder Klasse müsste es mindestens zwei Lehrer geben, die gemeinsam unterrichten und sich um die Kinder kümmern. Über diesen Aufwand muss man sich klar sein, wenn man Inklusion an den Schulen umsetzen will. Es wäre völlig falsch, daraus eine halbe Sache zu machen.

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