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Paragraf 219a „Abtreibung wird immer ein Tabu bleiben“

Die Frauenärztin und Schwangerschaftskonfliktberaterin Sabine Riese spricht im Interview über den Paragrafen 219a und seine Konsequenzen.

Kundgebung
Linke, Grüne und FDP wollen das umstrittene Gesetz streichen. Foto: dpa

Sabine Riese ist Frauenärztin in Alsfeld. Seit 1994 berät sie offiziell schwangere Frauen zum Thema Abtreibung.

Frau Riese, der Paragraf 219a, der das Werbeverbot bei Schwangerschaftsabbrüchen regelt, wird zur Zeit in Politik und Öffentlichkeit stark diskutiert. Welche Bedeutung hat dieser Paragraf in der Praxis?
Für uns Frauenärzte hat er lange kaum eine Rolle im Alltag gespielt, wir hatten mehr oder weniger vergessen, dass es den gibt. Von Frau Hänel, die ich persönlich kenne, hatte ich von ihrer Anzeige erfahren. Sie sagte mir dann, das sei nicht das erste Mal, und alle Kollegen, die sie kenne, hätten alle Jahre wieder diese Drohbriefe oder Anzeigen im Briefkasten. Das hat mich empört. Wieso sollte es nicht erlaubt sein, das, was in Beratungsgesprächen gesagt wird oder auf Infoflyern abgedruckt ist, auch auf den Internetseiten stehen zu haben? Das führt zu einer massiven Einschüchterung der Ärzte, die diese Abbrüche vornehmen.

Welche Konsequenzen haben diese Einschüchterungen für die Ärztinnen und Ärzte?
Es führt dazu, dass sie in ihren Praxen nicht in Ruhe ihre Arbeit machen können. Wenn man sich so umhört, gewinnt man den Eindruck, dass weniger Ärzte Abbrüche machen und keine neuen dazukommen. Warum sollten sie sich das antun, wenn sie von den Abtreibungsgegnern so unter Druck gesetzt werden?

Fürsprecher des Paragrafen befürchten, seine Abschaffung könnte dazu führen, dass Abtreibungen als etwas „Normales“ wahrgenommen werden.
Das denke ich nicht. Die meisten Frauen, die zu mir kommen und das wollen, sind voller Verunsicherung und Traurigkeit. Ich bin überhaupt kein Abtreibungsfreund, wie könnte man das auch sein? Ich strenge mich schon mein ganzes Berufsleben lang an, Abtreibungen zu verhindern. Aber wenn sie nötig sind, dann muss die Frau das auch ohne entwürdigende Umstände machen können. Dass der Paragraf gerade heute so hohe Wellen schlägt, anders als vor zehn Jahren, hängt meiner Meinung nach damit zusammen, dass Frauen und Männer sich heute in Zeiten von Metoo-Debatte und gesellschaftlichen Roll-back-Tendenzen besonders über Entwürdigung und Doppelmoral empören.

Es geht also auch darum, es den betroffenen Frauen nicht unnötig schwerzumachen?
Genau. Denen geht es sowieso schon nicht gut. Mit Desinformation und Beschämung wird es nicht weniger Abbrüche geben, sondern allenfalls mehr Unglück. Praktisch findet man zwar immer einen Weg, einen Abbruch machen zu lassen. Aber es kann vorkommen, dass eine Frau von Bayern nach Hessen fährt, weil vor Ort weder die Beratungsstelle noch ihr Arzt ihr verraten haben, wo sie hingehen kann.

Die Anzahl an Anzeigen wegen angeblicher Verstöße gegen den Paragraf 219a steigt stetig. Instrumentalisieren Abtreibungsgegner den Paragrafen gezielt?
Ja klar, die nutzen alles, was sie können, und sind gut vernetzt.

Wird in der Debatte zum Paragrafen 219a zu viel durcheinandergeworfen, was die allgemeine Gesetzeslage zum Schwangerschaftsabbruch angeht?
Nach Abschaffung des 219a würde sich am ganzen Prozedere bei einem Schwangerschaftsabbruch nichts ändern. Das ist völlig unabhängig davon. Für den „Schutz des ungeborenen Lebens“ brauchen wir Informiertheit und Selbstbewusstsein von Frauen – je mehr davon, desto weniger kommt es zu ungewollten Schwangerschaften. Was vielleicht noch ernstzunehmende Leute sagen, ist, es „soll kein Geschäftsmodell werden“. Wenn Leute sagten, ich betriebe eine „Fließband-Abtreibungspraxis“, fände ich das auch nicht schön. Aber ich glaube erstens nicht, dass das kommen würde. Und zweitens gibt es zur Verhinderung unangemessener Werbung das Berufsrecht.

Wie sollte mit dem Paragrafen Ihrer Meinung nach umgegangen werden?
Ich bin natürlich für Streichen. Er ist vollkommen überflüssig.

Interview: Carolin Diel

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