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Opfer nicht anerkannt 15.000 Gasmorde in Hadamar

Es war ein unvorstellbar makabres Fest, damals, im August 1941 in der einstigen Landes-Heilanstalt Hadamar bei Limburg.

27.01.2009 00:01
NICOLE SCHMIDT

Es war ein unvorstellbar makabres Fest, damals, im August 1941 in der einstigen Landes-Heilanstalt Hadamar bei Limburg: Alle 100 Mitarbeiter versammelten sich im Keller, wo die Gaskammer und der Brenner standen und wo an diesem Tag der 10 000. Vergasungstote aufgebahrt war. Ausgiebig wurde gefeiert - bei Musik, einer Leichenrede und Bier bis zum Umfallen. Just dorthin hatten am Montag das Land Hessen, der Landeswohlfahrtsverband und die kommunalen Spitzenverbände zum hessischen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus geladen.

Mit der Verlegung der jährlichen Veranstaltung an Stätten der NS-Verbrechen wolle man eine breitere Öffentlichkeit interessieren, sagte Landtagspräsident Norbert Kartmann (CDU). Seit 1983 ist auf dem Gelände der ehemaligen Tötungsanstalt Hadamar, heute das Zentrum für Soziale Psychiatrie, eine Gedenkstätte eingerichtet. Rund 14 000 Interessierte besuchen im Jahr diesen Ort. Mit steigender Nachfrage. In diesem Sinne rief Kartmann dazu auf, gegen das Vergessen anzugehen.

Hadamar steht als Synonym für die NS-Verbrechen an psychisch Kranken, Behinderten und benachteiligten Menschen, die den Nazis als "lebensunwert" galten. Als sechste und letzte Gasmordanstalt ging sie in die dunkle Geschichte der Psychiatrie ein.

Nach dem "Euthanasie"-Stopp im August 1941 bauten Handwerker die Anstalt Hadamar um. Nichts sollte mehr an die Gasmorde im Rahmen der "T 4-Aktion" erinnern. "T 4" hatten sich die Nazis als Decknamen für diese Morde an Kranken und Behinderten ausgewählt. Aber im August 1942 ging das Töten weiter - mit Gas, mit überdosierten Medikamenten, mit Verhungern lassen.

Insgesamt wurden in Hadamar schätzungsweise 15 000, insgesamt eine Viertel Million Menschen umgebracht und 400 000 zwangssterilisiert, sagte der Frankfurter Journalist und Schriftsteller Ernst Klee. Der Grund seien rassistische Gründe gewesen. "Dem hohen Zuchtziel einer erbgesunden, hochwertigen Masse muss der Psychiater dienstbar sein", zitierte der Experte Worte von Ernst Rüdin schon aus dem Jahr 1934, damals einer der wichtigsten Vertreter der deutschen Psychiatrie. Es sei eine "Schande", dass die Opfer dieser Rassenpolitik bis heute nicht als NS-Opfer anerkannt würden, sagte Klee.

Zugleich warnte der Buchautor von "Euthanasie im NS-Staat", der Forschung unkontrolliert alles zu gestatten. "Wenn Forschung alles darf, was sie möchte, ist die Versuchung groß."

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