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Offenbach Zum Nixtun ins „Paradies“

Der „Feelgood“-Manager Jan Philip Johl will gestresste Manager glücklich machen. Billig ist das nicht. 2000 Euro werden pro Person für ein Wochenende fällig.

Jan Philip Johl. Foto: Rolf Oeser

Der Weg ins „Paradies“ hat sehr viele Schlaglöcher. Auch lässt sich der Garten Eden nur schwer finden. Denn eine Adresse gibt es nicht. Bekannt ist lediglich, dass der Sehnsuchtsort im Offenbacher Stadtteil Bürgel liegt. Und so dirigiert Jan Philip Johl, der Besitzer des verwilderten Traumgartens, die Journalistin per Handy zu dem 3000 Quadratmeter großen Grundstück. Der 51-Jährige, dessen Familie die Offenbacher Lederwaren-Manufaktur Seeger besaß, hat mit „Paradies und das“, wie der Name des Refugiums korrekt lautet, Großes vor. Im Frankfurter Nordend betreibt er schon seit 15 Jahren den „Glück ist jetzt“-Laden.

In Bürgel will Johl „Nixtun“-Workshops für gestresste Manager anbieten, die auf Bäume klettern, Hütten bauen, in der Hängematte faulenzen, in der Wildnis Beete anlegen oder ins Lagerfeuer starren können. Billig ist das nicht. 2000 Euro werden pro Person für ein Wochenende fällig. Dafür erhalten die Teilnehmer ein Diplom der „Glüxuniversität“ und die Chance, ein „Happionaire“ zu werden.

Johl, der sich als „Feelgood“-Manager bezeichnet, will den Garten auch anderen Menschen zur Verfügung stellen, die seine Ideen teilen. Leuten wie Fabian Krüger aus Karlsruhe, der früher als Ingenieur für einen großen Automobilkonzern tätig war. Der 29-Jährige will gemeinsam mit Ulrike Bossmann unter dem Motto „Get Aware“ („Werde Dir bewusst“) Workshops anbieten, die es Führungskräften ermöglichen sollen, bewusste Entscheidungen pro oder kontra Karriere zu treffen.

Das „Paradies“ halten sie für einen idealen Ort, weil er nichts von der sterilen Atmosphäre der üblichen Tagungsräume habe. Das stimmt. Unter alten Baumbeständen stehen sechs Hütten aus recyceltem Material, die weder von der Architektur noch vom Komfort her preisverdächtig sind. Was zählt, ist Originalität. Genau diese unperfekte Atmosphäre gefällt Laurenz Menzinger und Julia Genshirt, die hier Lach-Yoga und Seminare zu Glückspraktiken planen.

Wer ins Zentrum des Gartens gelangen möchte, muss sich zunächst seinen Weg zwischen Brombeergestrüpp, Büschen und tief herabhängenden Zweigen bahnen. Brennnesseln wachsen in den schmalen Pfad, und durstige Mücken schwirren umher. Doch selbst bei 30 Grad lässt es sich im Schatten der Bäume aushalten.

Johl betont, er sei kein Hippie. Er ist ein Happy. Und er nimmt sein Projekt sehr ernst. Der 51-Jährige ist überzeugt, dass vielen Menschen eine Auszeit guttäte. Teilnehmer der Workshops sollen herausfinden, „was ihr Ding ist“. Sie sollen lernen, auf sich zu achten. „Denn Nachhaltigkeit fängt bei einem selbst an.“ Es geht aber nicht nur ums Nichtstun, sondern um die Frage, wie eine erfüllte und effiziente Arbeit aussehen könnte.

Johl hat früher selbst „im goldenen Hamsterrad“ gesteckt. Nachdem Vater und Onkel die Firma 1992 verkauft hatten, setzte er die Familientradition zunächst mit einer Lederwarenfabrik in Seligenstadt fort. Irgendwann gefiel ihm sein Leben nicht mehr, Johl wurde „Glücksprofi“. Er erfand die „Glücksblume“ und eröffnete den „Glücksladen“. Dort verkauft er nicht nur seine Blumentaschen aus recyceltem Leder oder eine Wanduhr, deren Zeiger immer auf „Jetzt“ zeigen. Auch Kreative können dort ihre Produkte verkaufen oder Räume anmieten. Drogen und Alkohol sind im Bürgeler „Paradies“ übrigens tabu. Wer rauchen möchte, muss vors Tor. Da kennt Johl kein Pardon.

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