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Offenbach Seifenblasen über Grabsteinen

Die Friedhofsführung mit der „Schwarzen Witwe“ stößt auf großes Interesse.

Die "schwarze Witwe"
Poetischer Höhepunkt: Die Besucher lassen tausende Seifenblasen in den Nachthimmel steigen. Foto: Rolf Oeser

Während der Dämmerung herrscht reges Treiben am Alten Friedhof am Samstag: Am Haupteingang stehen dutzende Besuchergruppen beieinander und unterhalten sich, ein Filmteam dreht und der Strom der Besucher am Vorplatz will kaum abreißen. Der Grund: Die Kunsthistorikerin Anja Kretschmer hat als „Schwarze Witwe“ zur Friedhofsführung geladen.

Bundesweit ist Kretschmer aktiv, ihre Führungen unter dem Motto „Friedhofsgeflüster“ zu Bestattungskultur, Ritualen und Aberglauben rund um Tod und Begräbnis sind gefragt. So auch in Offenbach. „Wir haben rund 150 Anmeldungen, aber es kommen immer noch weitere Besucher“, sagt Gabriele Schreiber, Leiterin der städtischen Friedhöfe und zweite Vorsitzende des Vereins Treffpunkt Friedhof. Regelmäßig lädt sie zu Veranstaltungen auf den Friedhöfen ein, etwa um die Kulturdenkmale vorzustellen. „Die Anfrage von Anja Kretschmer passte sehr gut ins Programm“, sagt Schreiber, aber von der gewaltigen Nachfrage ist auch sie überrascht. Rasch müssen Mikrofon und Lautsprecher organisiert werden, damit die annähernd 200 Besucher der Führung die „Schwarze Witwe“ auch verstehen.

In der Dunkelheit geht die Führung schließlich los, mit Lichtern ist der Weg über den Friedhof markiert. „Ich möchte ihnen den Tod näher bringen“, beginnt Kretschmer. Denn alles, was mit Tod und Begräbnis zu tun habe, sei heute weitestgehend tabuisiert, man rede kaum darüber. Dabei sei der Umgang mit Trauer wichtig, die Erkenntnis der eigenen Endlichkeit gehöre zum Leben. „Bisher sind noch alle gestorben, auch wenn sie sich nicht mit dem Tod beschäftigen wollten“, sagt sie. Leises Lachen ist zu hören, Kretschmer ermutigt dazu, ruhig laut zu lachen. Und dazu wird es bei der Führung noch genug Gelegenheiten geben, etwa wenn sie über manchen alten Brauch berichtet.

Aber auch die nachdenklichen Momente kommen nicht zu kurz: Einfühlsam trägt Kretschmer das Grimm-Märchen vom Totenhemdchen vor oder die Sage von der Totentaube. Für die Besucher gibt es da viel zu erfahren: Dass nicht nur Rabe und schwarze Katze, sondern auch Maulwurf und Taube als tierische Todesboten einst galten, dass Kinder und Ledige bis zum Ende des 19. Jahrhunderts mit einer Totenkrone geschmückt ins Grab gelegt wurden oder dass bei einem Todesfall früher die Spiegel im Haus verhüllt wurden. Und dass man glaubte, übermäßige Trauer störe die Ruhe des Toten.

Auch von alten Berufen erfahren die Besucher, so vom Leichenbitter. Was wie ein alkoholisches Getränk klingt – und tatsächlich hat Kretschmer einige Fläschchen selbstgebrauten Likörs parat – ist in Wahrheit eine in Vergessenheit geratene Tätigkeit. „Der Leichenbitter oder die Leichenbitterin baten Angehörige und Nachbarn zur Beerdigung“, sagt Kretschmer. Ins Haus bat man die Nachrichtenüberbringer allerdings nicht, die Tätigkeit war keine angesehene. „Wenn Frauen als Leichenbitter unterwegs waren, trugen sie ein weißes Tuch um die Schulter“, sagt Kretschmer, so habe man schon von weitem erkannt, wer da kommt.

„Ich finde es toll, wie leicht sie ein so ernstes Thema vermittelt“, sagt eine Besucherin. „Die Gruppe ist zu groß, besser wären mehrere kleinere Gruppen gewesen“, sagt eine andere. „Die Sache mit den Seifenblasen war für mich der Höhepunkt“, sagt ein Besucher.

Denn Kretschmer erinnert bei ihrer Führung an ein altes, aus dem Barock stammendes Vergänglichkeits-Motiv: Die Seifenblase stelle das ebenso schillernde wie leicht vergängliche Leben dar. Und so lädt sie die Besucher ein, mit ihr abertausende Seifenblasen in den Nachthimmel zu entsenden. „Einfach schön“, sagt eine Besucherin und pustet weitere kleine Bläschen über das Gräberfeld.

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