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Offenbach Rumänische Bauarbeiter um Lohn geprellt

Rund 36.000 Euro Lohn soll die Firma Nicevic den Arbeitskräften vorenthalten haben. Offenbar kein Einzelfall in der Baubranche.

Bauarbeiter
Die rumänischen Bauarbeiter waren von April bis Juni auf mehreren Baustellen im Rhein-Main-Gebiet im Einsatz. Foto: Rolf Oeser

Wir wollen unsere Löhne“ steht auf einem Schild zu lesen, das ein Bauarbeiter vor den Toren des Bauunternehmens F. W. Müller in Offenbach in die Höhe hält. Mit fünf Kollegen, alle stammen sie aus Rumänien, protestiert er am Sonntag. „Das ist der einzige Tag, an dem sie Zeit haben – sie schuften sonst ja Montag bis Samstag auf dem Bau“, sagt Michael Baumgarten vom Europäischen Verein für Wanderarbeiterfragen (EVW) und dem Projekt Faire Mobilität.

Es geht um rund 36.000 Euro Lohn, die für Arbeiten von April bis Juni nicht gezahlt worden seien, sagt Baumgarten. Zwölf Arbeiter aus Rumänien hatten sich im Juni an den EVW gewandt. Gearbeitet hatten sie für die Firma Nicevic, die von F. W. Müller beauftragt worden sei, auf Baustellen im Rhein-Main-Gebiet. So hatten die Bauarbeiter etwa an der städtischen Kinderkrippe in der Straße Am Weinfass in Rüsselsheim gearbeitet, waren aber auch bei Wohnungsbauprojekten in der Seligenstädter Gartenstraße oder im Frankfurter Hortensienweg beschäftigt.

Firmen stehlen sich aus der Verantwortung 

„Ich habe einen Monat für diese Firma gearbeitet, und Tag für Tag hieß es, das Geld komme noch“, sagt Constantin M., „ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, als hätte ich schwarz gearbeitet.“ Über einen Freund sei er nach Deutschland an die Baufirma vermittelt worden, das sei in den meisten Fällen der übliche Weg. Als das Geld ausblieb, sei es für ihn schwer geworden. „Ich wäre beinahe aus meiner Unterkunft rausgeflogen, weil ich nicht zahlen konnte“, sagt er. „Wir hatten kaum noch Geld übrig, um uns etwas zu essen zu holen“, pflichtet ihm ein Kollege ein.

Rund 220 Stunden habe fast jeder der Männer im Monat gearbeitet, das entspreche gut 3290 Euro brutto, sagt Baumgarten. Nur ein Bruchteil sei von der Firma Nicevic gezahlt worden; inzwischen verweise der Geschäftsführer auf seinen Anwalt und bestreitet, dass die Männer noch Lohn erhalten. Auch die Firma F. W. Müller habe sich allen Gesprächsangeboten verweigert, sagt er. „Das Unternehmen bestreitet, Generalunternehmen für die Bauarbeiten zu sein“, sagt Baumgarten, „laut Gesetz ist die Haftung aber dieselbe.“

Geld reicht nicht fürs Essen

„Ich sehe auch die Auftraggeber in der Verantwortung“, sagt Johannes Schader, Gewerkschaftssekretär der IG Bau. Die Gewerkschaft wolle in nächster Zeit darauf hinwirken, dass nicht nur die Generalunternehmer, sondern auch die Auftraggeber haftbar werden. „Es kann doch nicht sein, dass es auf deutschem Boden zu solchen Ausbeutungsfällen kommt“, sagt er.

In den vergangenen Monaten ist es gerade im Rhein-Main-Gebiet immer wieder zu ähnlichen Vorfällen gekommen: Im Juni protestierten 18 rumänische Bauarbeiter in Neu-Isenburg, die rund 60 000 Euro Lohn für Bauarbeiten am neuen Stadtquartier Birkengewann nicht erhalten hatten. Erst vor knapp zwei Wochen gingen in Hanau bulgarische Bauarbeiter an die Öffentlichkeit. Auch dort ging es um nicht gezahlte Löhne. „Man muss es ein kriminelles Geschäft nennen“, sagt Schader, „die Firmen hoffen, dass sich die Betroffenen nicht an die Gerichte wenden.“ Aber selbst dann seien die Aussichten für die Betroffenen schlecht. Daher hätten es inzwischen zwei der zwölf Rumänen aufgegeben, um ihren Lohn zu kämpfen.

Man müsse von einer vertragsbasierten Schwarzarbeit reden, sagt Baumgarten. „Das Risiko liegt da allein bei den Bauarbeitern, die Unternehmen reagieren dann einfach nicht und sitzen es aus“, sagt er. Gewerkschaftssekretär Schader hofft nicht nur auf Gesetzesänderungen, sondern auch einen Sinneswandel in der öffentlichen Debatte: „Es darf nicht nur geschaut werden, dass billig gebaut wird, sondern dass es gerecht ist.“

Dass es auch anders gehe, hat Constantin M. nun selbst erlebt: Nach der Erfahrung mit der Firma Nicevic hat er einen neuen Arbeitgeber. „Ich habe nun einen Vertrag über 160 Stunden bekommen und das Gefühl, wirklich einen guten Arbeitgeber gefunden zu haben.“

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