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Offenbach Ein Kino für Nordsyrien

Der Frankfurter Arzt Nils von Hentig spricht über die Pläne für ein Kino in Amude. Am Mittwoch stellt er das Projekt im Offenbacher Filmklubb vor und zeigt Kurzfilme.

Überlebender
Ein Überlebender der Brandkatastrophe von 1960 an dem Ort, wo das Kino von Amude stand. Foto: Devris Cimen

Seit 2015 unterstützt die Frankfurter Initiative „Ein Kino für Rojava“ den Bau eines Kulturzentrums mit Kino in Amude, wo bis 1960 das einzige Kino Nordsyriens stand. Der Filmklubb Offenbach zeigt am Mittwoch, 8. August, um 20 Uhr sechs Kurzfilme aus der Region, der Frankfurter Arzt Nils von Hentig wird das Projekt vorstellen. Davor sprach er mit der FR über die Bedeutung des Wiederaufbaus und kriegsbedingte Hürden. Nähere Infos zum Filmabend gibt es unter www.filmklubb.de.

Wie kommt ein deutscher Arzt dazu, sich für den Bau eines Kinos in Nordsyrien zu engagieren?
Ich bin, wie die meisten aus unserer Gruppe, seit fast 30 Jahren in die Kurdistan-Solidaritätsarbeit involviert. Als der Syrienkrieg begann, lag es nahe, sich dort zu engagieren.

Wer war Initiator des Projekts „Ein Kino für Rojava“?
Es basiert auf einer Idee des Journalisten Devris Cimen. Bei Recherchen im Nordirak war er auf die Tragödie des abgebrannten Kinos in Amude gestoßen, bei dem 1960 um die 180 Schulkinder ums Leben kamen. Er hat die Idee, das Kino wieder aufzubauen, 2015 an uns herangetragen. Cimen hat lange in Frankfurt gelebt. Er ist ein Freund und Kollege, er gehört zu den Mitgründern der Initiative.

Stimmt es, dass es seit 1960 kein Kino mehr in Nordsyrien gibt?
Das ist richtig. Vor drei Jahren wurde dort die Filmkommune unter anderem von Önder Cakar (Drehbuchautor u.a. von Fatih Akin) gegründet, zu dem wir auch guten Kontakt haben. Die Filmkommune bildet nicht nur Schauspieler und Regisseure aus, sie fährt mit einem mobilen Kino, das ist ein umgebauter Lastwagen mit Leinwand, von Dorf zu Dorf.

Am Mittwoch zeigen Sie im Filmklubb sechs Kurzfilme der Filmabschlussklasse 2017 von Rojava. Wovon handeln die Filme?
Es geht darin viel um Alltägliches, um Familie, Freundschaft in einer revolutionären Gesellschaft. Das ist interessant, weil die Filme von 2016 noch sehr stark den Krieg thematisiert hatten.

Wie ist das Leben für die 50 000 Einwohner in Amude?
In der autonomen Region Rojava herrscht noch weitgehend Frieden. Amude selbst liegt sehr weit entfernt von der Front zum IS und zur Türkei. Das Leben dort läuft ganz normal ab. Normal in Anführungsstrichen, weil Amude inzwischen 120 000 Einwohner hat. Die dort lebenden Kurden haben etwa 60 000 Jesiden und 10 000 weitere arabische Flüchtlinge aufgenommen.

Es ist die Rede von einem basisdemokratischen Experiment. Was heißt das konkret?
Der Gesellschaftsvertrag der Demokratischen Föderation von Nordsyrien (kurdisch: Rojava) ist die progressivste Verfassung, die ich kenne. Sie regelt die Gleichstellung von Frauen und Männern. Es gilt Religionsfreiheit und das Verbot der Todesstrafe. In den Stadtverwaltungen sind paritätisch alle religiösen und ethnischen Minderheiten vertreten.

Wäre der Aufbau der Infrastruktur nicht wichtiger als ein Kino?
Das passiert auch. Verschiedene Frankfurter Organisationen bauen dort ein Krankenhaus und ein Waisenhaus, sie finanzieren die Minensuche und den Ausbau der Wasserversorgung. Wir haben uns bewusst für ein Kulturprojekt entschieden, weil die Menschen auch ein Recht auf ihre Kultur, auf Bildung und auch darauf haben, einfach mal Spaß zu haben. Und ein Kino böte die Möglichkeit, unzensiert Filme zu zeigen.

Der Brand von 1960 hat ein tiefes Trauma hinterlassen. Was bedeutet ein Neubau für die Bevölkerung ?
Wir wollen einen Raum für Freizeit und Bildung schaffen und das Kino als Ort der Kultur und des kulturellen Austausch etablieren. Der Bauplatz für das neue Kulturzentrum grenzt an das Gelände des zerstörten Kinos an, das zum Denkmal erklärt wurde. Es wird also auch ein Gedenkort sein. Besonderen Wert legen wir auf Fluchtwege und Brandschutz.

Welche Folgen hatte der Krieg?
Wir hatten während der Großoffensive gegen den IS in 2017 fast ein Jahr lang keinen Kontakt, die Behörden hatten eine Kontaktsperre verhängt. Die Grenzen zur Türkei sind und die Grenze zum Irak war meistens geschlossen. Momentan ist der Kontakt sehr gut, und Mitglieder unseres Vereins aus Deutschland und der Schweiz konnten Amude im Mai besuchen. Der Krieg hat dazu geführt, dass nun andere Bauvorschriften gelten. Jedes öffentliche neu gebaute Gebäude in Rojava bekommt einen Luftschutzkeller. Das ist schwierig und teuer, weil der Untergrund felsig ist.

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