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Oberursel Lebender Baum und lesende Schafe

Der „Kleine Rat“ des Frohsinns bereitet sich akribisch auf den Zug vor.

Wagenbauer
Winnie Dorn baut in der Maschinenhalle der Kelterei „Alt Orschel“ den Motivwagen „Sterbender Baum grüßt seine Fans“. Foto: Michael Schick

Schleif- und Bohrgeräusche dringen nach draußen in den nebligen Morgen, drinnen wird gesägt und geschweißt. Zwei Wochen nur noch, in der großen Maschinenhalle im Feld am Rand der Stadt wird der Höhepunkt der „Fünften Jahreszeit“ vorbereitet. Da wächst etwas, das beim Taunus-Karnevalszug am Fastnachtssonntag die Menschen erfreuen, aber auch zum Nachdenken bringen soll. Der „Kleine Rat“ des Oberurseler Karnevalvereins „Frohsinn“ und die „Orscheler Kerbeborsche“ zimmern ihre Mottowagen zusammen.

„Der Narr muss das Thema finden, das brennt.“ Klingt fast philosophisch, wenn Landwirt Jörg Steden das sagt. In der Maschinenhalle steht der Kommunalpolitiker neben Stadtverordnetenvorsteher Gerd Krämer. Zum innersten CDU-Kern gehören sie in der Stadtpolitik, sind meist entscheidend mitbeteiligt an den Irrungen und Wirrungen, die dem Volk bisweilen präsentiert werden. Im Karneval aber gelten andere Regeln. Da nehmen sie sich auch mal selbst auf die Schippe. „Der Kleine Rat“, sagt Ex-Bürgermeister Krämer, der längst dazugehört, „hat immer lokalpolitische Themen aufgegriffen.“ Ein schöner Spiegel, die Narretei im öffentlichen Raum.

Das Stahlskelett des Anstoßes ragt kaum mehr als einen Steinwurf entfernt in den Himmel über der Feldgemarkung. Acht Meter hoch, acht Meter breit, acht Meter tief umrahmt es einen sterbenden Baum. Hat auch ein paar Tausender gekostet. Also schon so etwa 75 Tausender „all inclusive“ und damit den Bund der Steuerzahler auf den Plan gerufen. Bundesweit hat das „Denkmal für einen toten Baum“ für Schlagzeilen gesorgt. Das Bild vom jahrhundertealten „Lindenbäumchen“ in der offenen Vitrine war in vielen Gazetten zwischen Bad Tölz und Wilhelmshaven großformatig zu sehen.

Ein bisschen kleiner und aus weiß gestrichenem Holz ist die angedeutete Vitrine auf dem Wagen mit der Nummer 148 konstruiert. Und überhaupt: „Unser Bäumche lebt und war vor allem billiger“, frohlockt der Ex-Bürgermeister, der im wahren Narrentum den Ernst der Zeit erkannt hat und inzwischen lieber in der richtigen Narren-Bütt steht. Der Baum lebt, weil Betty Marris den bundesweit bekannt gewordenen Lindenbaum gibt. Ein harter Job beim Umzug durch die Stadt, mindestens drei Stunden wird sie am Fastnachtssonntag aushalten müssen in ihrem Baumkleid hoch oben auf dem Wagen. Die ganze Zeit mit ihrem letzten Ast winkend, wie der echte Baum da draußen im Feld es manchmal noch im Abendwind tut. Malermeister Winfried Dorn, bei den Frohsinnigen schon ewig als Bühnenbildner und Wagenbauer unterwegs, hat den Wagen kreiert und für Betty Marris sogar eine Sitzmöglichkeit im künstlichen mit Säcken und alten Leinenfladen ummantelten Baum eingebaut. Kleine Tricks, gelernt vom Obermeister der närrischen Düsseldorfer Wagenbauer, bei dem er mal zur Weiterbildung in Sachen Wagenbau war. Ein Geschenk des Kleinen Rats zum Dank für sein jahrelanges Engagement.

Ein Schelm übrigens, wer Böses dabei denkt, weil Wagen Nr. 148 von einer stattlichen Schafherde begleitet wird. Fragen müssen ja erlaubt sein im Karneval. Kultur am Baum? Lesungen vor literaturbeflissenem Publikum im weißen Stahlskelett am Rand der Regionalparkroute? Lesen am Ende die Künstler nur noch vor Schafen am Fuß der toten Linde? Und wenn schon, meint der Stadtverordnetenvorsteher, „wir haben ja gebildete Schafe, mit Niveau. Wir sind schließlich im Taunus“. Weltliteratur vornehmlich deutscher Machart werden die Schafe mit sich tragen. Also Nele Neuhaus etwa und andere großen Kaliber. Von der Nibelungen-Sage über den Schimmelreiter und Hermann-Hesse-Lyrik bis hin zum „Schwarzbuch vom Bund der Steuerhinterzieher“, wie einer despektierlich aus dem Hintergrund ruft, den wir hier nicht verraten. Das Motto der Schafe spricht für sich: „Lieber läsen als äsen“ wollen sie. Und vor allem viel Spaß haben unterm Fell, in dem sich so manche lokale Größe verstecken wird.

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