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OB Feldmann besucht Flüchtlinge Wir brauchen eine Perspektive

Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) hat die afrikanischen Lampedusa-Flüchtlinge besucht. Feldmann ist der erste Politiker überhaupt, der sich hier blicken lässt. Doch Zusagen zum Aufenthalt macht der Sozialdemokrat nicht - denn das kann er nicht.

Er ist der erste Politiker, der den Weg zu ihnen findet: der Oberbürgermeister und die Flüchtlinge. Foto: Andreas Arnold

Der Verkehrslärm, die Lichter vom Baseler Platz bleiben draußen zurück. Der Oberbürgermeister öffnet langsam die schwere Tür ins warme Halbdunkel. Auf den Stühlen, die in einem Kreis stehen, hocken junge Migranten mit müden, fragenden Gesichtern. „This is the lord mayor, welcome“, sagt Pfarrerin Sabine Fröhlich lächelnd zur Begrüßung. Peter Feldmann besucht an diesem Abend die 21 Flüchtlinge aus Afrika, die seit Wochen in der alten Gutleutkirche leben.

Der Sozialdemokrat ist der erste Politiker überhaupt, der sich hier blicken lässt. Er hat diesen Besuch unbedingt gewollt, ungeachtet der Bedenken, die im Römer bestanden: Der OB dürfe durch seine Visite nicht auf den rechtlich schwierigen Status der Flüchtlinge aufmerksam machen. „Das ist Quatsch“, hatte Feldmann schon draußen vor der Kirche gesagt.

Feldmann macht keine Zusagen

Kurz und knapp. Ihm kommt es darauf an, ein Zeichen zu setzen: Der OB als oberster Repräsentant der Stadt wendet sich denjenigen zu, die „Opfer der europäischen Flüchtlingspolitik“ sind, wie es Oberkirchenrat Jürgen Mattis vom Evangelischen Regionalverband später sagen wird.

Zwei Stunden fast spricht Feldmann mit den Afrikanern, hört ihre Lebensläufe, die sie von Ghana, Nigeria, Togo über Libyen und Lampedusa erst nach Italien verschlagen haben. Bauarbeiter, Bauern, ein gelernter Schweißer, ein Dachdecker, ein Computerfachmann. „Ich suche Arbeit“, sagen sie immer wieder, müssen aber erkennen: „Meine Beschäftigung ist Warten.“

An den Wänden stehen die ersten Worte und Sätze aus dem täglichen Deutschunterricht geschrieben. „Wo bist Du?“ In der Ecke eine Kiste mit Kartoffeln, eine der vielen Spenden, die täglich hier eintreffen. In der Küche, die eigentlich nur aus einem Waschbecken besteht, bereiten die jungen Afrikaner ihrem Gast ein einfaches Mahl aus Hartweizengrieß, Fisch und Fleisch, Gewürzen. „Scharf“, sagt Feldmann, als er vorsichtig kostet.

„Wir brauchen dringend einen richtigen Herd“, sagt Pfarrerin Fröhlich, die in ihrer Kirche Cantate Domino in der Nordweststadt die jungen Afrikaner zuerst beherbergt hatte. Und fügt hinzu: „Es tut echt weh, diesen Männern nicht geben zu können, was sie wollen: eine Perspektive.“ Pfarrer Ulrich Schaffert von der Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde, der Fröhlich seit Monaten zur Seite steht, formuliert es noch deutlicher: „Wir brauchen eine Arbeitserlaubnis und Aufenthaltsrecht für die Männer.“

Der OB macht nicht den Fehler, genau das zuzusagen – denn das kann er nicht. „Keine Versprechungen“, hat er gleich zu Anfang verkündet, als er sich mit den jungen Afrikanern im Kreis zusammensetzt. Und doch entwirft der OB zusammen mit Jürgen Matthis, Leiter des Fachbereichs Beratung, Bildung, Jugend im Evangelischen Regionalverband, so etwas wie einen Plan: In Gesprächen mit Mailand, der italienischen Partnerkommune Frankfurts, will die Stadt versuchen, für die Flüchtlinge einen Aufenthaltsstatus in Europa zu schaffen. „Wir brauchen eine gemeinsame europäische Politik gegenüber den Flüchtlingen – genau wie einen einheitlichen europäischen Arbeitsmarkt.“ Und Feldmann schlägt vor, die Industrie- und Handelskammer einzuschalten: „Da lässt sich abfragen, ob Leute für bestimmte Berufe besonders nachgefragt sind.“

Droht den Flüchtlingen die Straße?

An der Wand hängen die „Contact Rules“, die Regeln, die sich die Flüchtlinge für den Kontakt mit der Außenwelt gegeben haben. „Nur die Sprecher haben das Recht, nach außen aufzutreten.“ Die Schlafräume sind spartanisch, eine Liege, ein Stuhl, ein paar Habseligkeiten. Die Zeit drängt. Michael Frase, Leiter des Diakonischen Werkes in Frankfurt, macht deutlich, dass die Gutleutkirche „nach Absprache mit der Stadt“ nur als Winterquartier zur Verfügung steht, „bis März“. Ein Sozialarbeiter vom nahen Diakoniezentrum „Weser 5“ für Wohnsitzlose schaut jeden Tag vorbei. Anwälte von der Flüchtlingsberatung des Regionalverbandes helfen. Mit der Polizei – die Wache liegt gegenüber – gebe es „gute Kontakte“, sagt der Sprecher der Flüchtlinge.

Was aber geschieht, wenn der Winter vorbei ist – droht den jungen Afrikanern wieder die Straße? „Es kann nicht sein, dass in einer europäischen Großstadt Flüchtlinge unter Brücken schlafen müssen“, sagt Oberkirchenrat Matthis. Und Pfarrer Schaffert fügt hinzu: „Was mit den Menschen hier geschieht, ist exemplarisch – Flüchtlinge dürfen nicht zur Verschiebemasse werden.“

Die Betroffenen selbst fassen es kaum, dass der OB sich für sie einsetzt, dass ständig Nahrung und Kleidung gespendet werden. „Wir dachten, wir geraten hier in große Probleme“, sagt der Sprecher der Gruppe, stattdessen gebe es so viel Hilfe: „Wir fühlen uns sehr gut und wir danken euch sehr.“

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Zuwanderung Rhein-Main

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