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NSU-Morde Rätseln über Temmes Anwesenheit

Was machte der Ex-Verfassungsschützer in dem Internetcafe in Kassel - just zur Tatzeit des NSU-Mordes? Heute wird Temme zum dritten Mal im hessischen NSU-Untersuchungsausschuss vernommen.

Temme
Andreas Temme im Mai 2015 vor dem NSU-Ausschuss. Foto: Peter Jülich

Im NSU-Untersuchungsausschuss des Hessischen Landtags wird der ehemalige Verfassungsschutzmitarbeiter Andreas Temme am Freitag zum dritten Mal befragt. Die Abgeordneten nehmen einen neuen Anlauf, um zu klären, was Temme vom Mord an Halit Yozgat am 6. April 2006 mitbekommen hat. Die Tat wird heute den Rechtsterroristen des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) angelastet.

Außerdem sagt ein Verfassungsschützer aus, der im Amt einen CDU-Arbeitskreis organisiert haben soll. Bei dessen Grillfest könnte Temme den damaligen Innenminister Volker Bouffier (CDU) kennengelernt haben. Daneben wird ein Kasseler Staatsschutzbeamter gehört, der mit Temme vor der Tat dienstliche Kontakte gehabt haben könnte.

Temme wohl zur Tatzeit am Tatort

Temme behauptet, er habe nichts von der Tat mitbekommen, als er an jenem Donnerstag gegen 17 Uhr in Yozgats Internetcafé in Kassel surfte. Die Rekonstruktion der Polizei legt jedoch nahe, dass er zur Tatzeit am Tatort gewesen sein dürfte.

Die Polizeieinheit „BAO Bosporus“ hatte im Januar 2008 die Computerdaten des Rechners, den Temme benutzte, und der von anderen Besuchern des Internetcafés verwendeten Telefone herangezogen. Das glich sie mit den Aussagen der Zeugen ab. Dabei ergab sich, dass zwischen dem Ausloggen an Temmes Computer und den Schüssen lediglich 41 Sekunden lagen. Das bestärkte Zweifel daran, dass Temme in dieser Zeit das Café verlassen haben könnte, ohne die Täter zu sehen – zumal er angibt, er habe vor dem Hinausgehen noch nach Halit Yozgat gesucht und, da er ihn nicht gesehen habe, 50 Cent auf den Tresen gelegt. Auch das Oberlandesgericht München, das gegen das mutmaßliche NSU-Mitglied Beate Zschäpe verhandelt, geht davon aus, dass Temme zur Tatzeit noch im Café gewesen sein muss.

Dagegen spricht die Aussage eines Tatzeugen, der neben Temme ein Computerspiel gespielt hatte. Der junge Mann, ein in Kassel geborener Jordanier von damals 16 Jahren, gab an, dass er den „typischen Deutschen“ gesehen habe. Dieser Mann - vermutlich Temme – sei aufgestanden und hinausgegangen etwa zwei Minuten, bevor es ein „dumpfes Geräusch“ gegeben habe. Das könnte der Moment gewesen sein, in dem Yozgat tot zu Boden fiel.

Die Polizei wertete die Aussage dieses Zeugen aber als wenig belastbar. Vor dem Gericht in München gab der junge Mann an, er habe an dem Tag einen Joint geraucht und sei „breit“ gewesen.

In den vergangenen Monaten hat die Londoner Künstlergruppe „Forensic Architecture“ versucht, die Tat in einem lebensgroßen Modell nachzustellen. Das Modell wird bei der Kunstausstellung Documenta in Kassel gezeigt. „Forensic Architecture“ kam wie die Polizisten vorher zu dem Schluss, dass Temme vermutlich noch im Café war, als der Mord geschah. Die Künstler stellten die Situation nach und glauben nachweisen zu können, dass Temme die Schüsse in diesem Fall gesehen, gehört und gerochen haben muss.

Möglich ist, dass das Video dieser Rekonstruktion am Freitag im Untersuchungsausschuss vorgeführt wird. Die CDU-Fraktion hat aber schon vorab bekanntgegeben, dass sie es nicht überzeugend findet und daher nicht als Beweismittel ansehen würde. So habe die Künstlergruppe Login-Daten teilweise verwechselt oder für die Rekonstruktion der Schüsse eine falsche Waffe verwendet. Außerdem sei bei dem Experiment nicht aus einer Tüte heraus geschossen worden, anders als bei der Tat. Das Modell sei ohne Teppich, ohne Vorhänge ausgestattet und hell erleuchtet worden – anders als in der Realität von 2006.

CDU-Obmann Holger Bellino sprach am Donnerstag von einem „Kunstwerk, das voller Fehler ist“. Das habe mit Kriminaltechnik nichts zu tun. „Das ist Fake“, fügte Bellino hinzu. Zu Beginn der Sitzung wird daher voraussichtlich hinter verschlossenen Türen darüber gestritten, ob das Video von „Forensic Architecture“ in den Untersuchungsausschuss eingeführt wird oder nicht.

Bei allen Streitigkeiten über das Verfahren sind sich die Fraktionen in der Einschätzung des Zeugen Temme weitgehend einig, der sich nach Bekanntwerden der Tat nicht bei der Polizei gemeldet hatte. Auch Christdemokrat Bellino vertritt die Auffassung: „Ich halte ihn nicht für glaubwürdig.“

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