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NSU-Komplex Spurensuche in Nordhessen

Der frühere Verfassungsschützer Andreas Temme und sein ehemaliger V-Mann Benjamin G. sind hessische Schlüsselfiguren im NSU-Komplex.

20.03.2015 19:24
Hanning Voigts (Text) und Peter Jülich (Fotos)
In diesem Haus wohnt Benjamin G. alias V-Mann „Gemüse“. Foto: peter-juelich.com

Im Wohnzimmer, hinter der weißen Spitzengardine, brennt noch Licht. Der Fernseher flimmert. Das Backsteinhaus mit den Fachwerk-Elementen steht am Rand des Ortskerns von Hofgeismar, einer Kleinstadt knapp 30 Kilometer nordwestlich von Kassel. Zur Feierabendzeit liegt die ganze Nebenstraße, geprägt von Einfamilienhäusern mit davor geparkten Mittelklassewagen, still und dunkel da. Die Zaunpforte vor dem Backsteinhaus steht offen, am Klingelschild prangt ein Name, der seit einigen Wochen wieder einmal bundesweit durch die Medien geistert: Temme.

Andreas Temme, 48 Jahre alt, in Hofgeismar aufgewachsen, gelernter Postbeamter und ehemaliger Mitarbeiter des hessischen Verfassungsschutzes, ist eine der rätselhaftesten Figuren im Skandal um die rechte Terrorgruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU). Als Halit Yozgat, das neunte Todesopfer der sogenannten Ceská-Mordserie, am 6. April 2006 in seinem Internetcafé in Kassel ermordet wurde, befand Temme sich ebenfalls dort. Die Polizei kam dem Geheimdienstler über sein Profil in einem Flirtportal auf die Schliche, das er in dem Café benutzt hatte – er hatte sich nicht als Zeuge gemeldet. Monatelang stand Temme unter Mordverdacht.

Schon 2006 wollten die Ermittler Temmes Version der Ereignisse, nach der er vom Mord im Internetcafé nichts mitbekommen habe, nicht so recht glauben. Als 2011 herauskam, dass der NSU hinter der Tat steckte, geriet er weiter unter Druck – schließlich betreute er damals neben Quellen aus der islamistischen Szene schon seit drei Jahren den Neonazi Benjamin G., Deckname „Gemüse“, der als V-Mann Informationen an den Verfassungsschutz weitergab und Kontakte in die Kasseler Neonaziszene hatte. Kurz vor der Tat hatten Temme und G. miteinander telefoniert.

Und jetzt kommen neue Vorwürfe auf: Die Anwälte der Angehörigen von Halit Yozgat haben noch einmal Temmes von der Polizei mitgeschnittene Telefonate angehört, die dieser 2006 nach dem Mord an Halit Yozgat mit Kollegen und Vorgesetzten führte. Sie belegen aus Sicht der Anwälte, dass Temme schon vor dem Mord Hinweise auf die Tat gehabt haben könnte. So sagte der Geheimschutzbeauftragte des Verfassungsschutzes am Telefon zu Temme: „Ich sage ja jedem: Wenn er weiß, dass irgendwo so etwas passiert, bitte nicht vorbeifahren.“

Nicht nur die Mitglieder des hessischen Untersuchungsausschusses, die die Vorgänge rund um den Kasseler NSU-Mord aufklären sollen, würden gerne erfahren, was diese Zitate zu bedeuten haben. War Temme doch dienstlich in Yozgats Internetcafé? Hatte seine Quelle, Benjamin G., ihm berichtet, dass dort an diesem Tag „etwas passiert“?

In Hofgeismar, abends vor seinem Haus, möchte Temme dazu nichts sagen. In grauer Jogginghose und T-Shirt kommt er nach draußen, eine glimmende Zigarette in der Hand. Der große Mann mit dem dünnen Bärtchen und der randlosen Brille sagt, er habe kein Interesse, mit Journalisten zu sprechen. „Ich hab schon einmal mit Medien geredet“, sagt er mit leichtem Zittern in der Stimme. „Ich möchte Sie bitten zu akzeptieren, dass meine Familie ihre Ruhe haben will.“ Auf die Frage zu den neu aufgetauchten Telefonaten weist Temme nur mit dem Arm in Richtung Gartenpforte. „Ich möchte Sie bitten, jetzt zu gehen.“

In Hofgeismar spielt der neue Wirbel um Temme unterdessen kaum eine Rolle. Ein sonniger Frühlingstag, die sanierte Innenstadt ist voller Spaziergänger. Ende Juni beginnt in der beschaulichen 15 000-Einwohner-Stadt der 55. Hessentag, der Ort putzt sich für das Großereignis heraus, die Fußgängerzone wird noch schnell neu gepflastert. Beim Bäcker am historischen Töpfermarkt kennt man Temme nicht einmal, auch viele Passanten können mit dem Namen nichts anfangen.

Eine ältere Dame berichtet dagegen, hinter vorgehaltener Hand würde schon noch über seine Rolle im NSU-Komplex getuschelt. Ihr persönlich sei der Mann unheimlich, der habe etwas Kaltes. Und eine andere Passantin sagt, sie könne eigentlich keine Reporter mehr sehen: „Eine Zeitlang wurde das in den Medien so breitgetreten, dass man’s einfach nicht mehr hören konnte.“

Gerd Henke, Lokalreporter der Hessischen/Niedersächsischen Allgemeinen, hat lange zum Fall Temme recherchiert. Immer wieder habe er „alles in Bewegung gesetzt“, um mehr über den früheren Verfassungsschützer und seine Vergangenheit herauszufinden, sagt Henke. Aber im Ort habe sich nie jemand groß für den NSU und den Bezug zu Hofgeismar interessiert, die Familie habe auch nie Anfeindungen erdulden müssen. „Die Person ist hier nie ein größeres Thema gewesen.“

Ortswechsel. Im Regierungspräsidium Kassel ist man es ebenfalls schon länger gewöhnt, Fragen zu Temme beantworten zu müssen. Seit seinem Rauswurf beim Verfassungsschutz 2007 kümmert der 48-Jährige sich hier um die Altersversorgung von Beamten, deren Nachnamen mit A beginnen. Ein Verwaltungsjob. Wenige Minuten, nachdem einige Mitarbeiter vor dem Büroklotz am Ufer der Fulda ein paar Sätze zu Temme gesagt haben, kommt Michael Conrad nach draußen, Pressesprecher der Behörde. Natürlich sei der Fall Temme immer mal wieder Thema im Haus, sagt Conrad, ein freundlicher Herr mit dunkler Schiebermütze auf dem Kopf. „Aber mehr als spekulieren können die Kollegen auch nicht.“ Solange Temme nicht verurteilt und ihm nichts nachgewiesen sei, bleibe er „ein Kollege, für den das Regierungspräsidium eine Fürsorgepflicht hat“ – daher schütze man ihn auch vor allzu neugierigen Nachfragen auf dem Behördenparkplatz.

Fragen von Journalisten ist Andreas Temme seit 2006 immer wieder konsequent ausgewichen. Nur einmal, als Kamerateams im Jahr 2011 das Backsteinhaus in Hofgeismar belagerten, gab er dem NDR-Magazin „Panorama“ ein Interview. Darin klagten der Beamte und seine Frau vor allem über den unmenschlichen Druck, der auf ihnen und ihrer Familie laste.

Ansonsten wiederholte Temme Altbekanntes: Er sei privat in dem Internetcafé gewesen, er habe nichts von dem Mord mitbekommen, er habe keine Leiche gesehen und keine Verbindung zum NSU. Ja, früher habe er mal rechte Sprüche nachgeplappert, aber das sei alles lange her. Alles nur ein dummer Zufall.

Ein letzter Versuch, ein Anruf auf Temmes Büronummer. Der bleibt dabei, kein Gespräch zu wollen. Er werde sich erst wieder öffentlich äußern, wenn er als Zeuge vor den hessischen NSU-Untersuchungsausschuss geladen werde. Die Zitate aus seinen Telefonaten, um die es derzeit so viel Aufregung gebe, die könne man ja unterschiedlich interpretieren, sagt Temme dann noch: „Wenn man sich diese Telefonate im Ganzen ansieht, ergibt sich vielleicht noch mal ein anderes Bild, als wenn man einzelne Dinge aus dem Zusammenhang reißt.“

Gut 16 Kilometer weiter östlich, in einem anonymen Wohnblock an einer Ausfallstraße, lebt ein alter Bekannter von Temme, der ehemalige Neonazi-V-Mann Benjamin G. Der Mann, der früher den Decknamen „Gemüse“ trug und dessen Halbbruder mal eine große Nummer beim hessischen Ableger des militanten Neonazi-Netzwerks „Blood and Honour“ war, ist kaum weniger rätselhaft als sein alter V-Mann-Führer.

Erst vor kurzem musste das hessische Innenministerium einräumen, dass der Verfassungsschutz G. im November 2011, nach dem Auffliegen des NSU, einen Anwalt zur Seite gestellt hatte – obwohl er schon seit 2007 kein V-Mann mehr war. Bei seinen Vernehmungen durch das Bundeskriminalamt und bei seinen Aussagen vor dem NSU-Prozess in München hatte der Anwalt G. auf Kosten des Landes Hessen beraten – und der Neonazi führte sich vor Richtern und Polizisten auf, als sei er ein Geheimnisträger des Staates. Immer wieder verwies er auf seine begrenzte Aussagegenehmigung. Hermann Schaus, der Obmann der Linken im hessischen NSU-Ausschuss, hat dazu sarkastisch bemerkt, Hessen habe G. „gehätschelt und gepäppelt“.

Vor kurzem hatte G. sogar die Polizei gerufen, als Reporter des Hessischen Rundfunks vor seinem Haus auftauchten. Daraufhin war öffentlich bekanntgeworden, dass er über ein „Notfallkennwort“ für Anrufe bei der Polizei verfügt, falls er sich irgendwie bedroht fühlt.

An diesem Tag ruft Benjamin G. die Polizei nicht. Niemand öffnet die Tür, es wird nur vorsichtig durch die Gardinen gelugt. Eigentlich sei G. ein freundlicher und hilfsbereiter Kerl, sagt eine ältere Frau, die direkt nebenan wohnt. „Ich kann nichts gegen ihn sagen.“

Natürlich sei in der Nachbarschaft bekannt, dass er früher stark in der rechten Szene unterwegs gewesen sei. Heute sei er da nicht mehr so aktiv, bekomme nur noch manchmal zweifelhaften Besuch.

Irgendwann kommt eine Frau aus dem Haus, die genauso aussieht, wie die Nachbarin G.s Lebensgefährtin beschrieben hat. Die Frau leugnet, einen Benjamin G. zu kennen. Auf die Frage, ob er mit Journalisten sprechen würde, antwortet sie trotzdem wie eine geübte Pressesprecherin: „Bestimmt nicht.“

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