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NSU-Ausschuss Verfassungsschutz lässt Nazi-V-Mann im Stich

Der ehemalige Neo-Nazi Michael See gibt im NSU-Ausschuss tiefe Einblicke in die rechte Szene und die dubiose Rolle des Verfassungsschutzes.

Halit Yozgat
Ein Mahnmal am Halitplatz in Kassel. Unweit des nach ihm benannten Platzes wurde Halit Yozgat in einem Internetcafé in der Holländischen Straße erschossen. Foto: imago

Der ehemalige Neonazi und V-Mann des Bundesamts für Verfassungsschutz, Michael See, hat bestätigt, dass es intensive Kontakte zwischen den Nazi-Szenen in Nordhessen, Südniedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Thüringen gab. Insbesondere die nordhessische Szene sei besonders gewalttätig gewesen, sagte See nach Angaben von Teilnehmern in einer Sitzung des hessischen NSU-Untersuchungsausschusses am Freitag, die unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand.

See, der zwischenzeitlich nach einer Eheschließung von Dolsperg hieß, hatte bis 2001 oder 2002 unter dem Decknamen „Tarif“ Informationen über die Nazi-Szene an den Verfassungsschutz geliefert. Dieser hatte ihn 1994 angeworben, als See eigentlich gehofft hatte, aus der Naziszene aussteigen zu können. Stattdessen blieb der heute 43-Jährige in der Naziszene aktiv und lieferte Informationen an den Geheimdienst, bis er 2002 endgültig ausstieg und nach Schweden ging.

Nach Angaben von CDU und Grünen hatte das Bundesamt für Verfassungsschutz darauf bestanden, dass See hinter verschlossenen Türen aussagen müsse. „An diese Vorgabe ist der NSU-Untersuchungsausschuss gebunden“, sagte CDU-Obmann Holger Bellino.

Manche Abgeordnete mutmaßen, dass das Bundesamt vor allem ein Interesse daran hat, selbst nicht in ein allzu schlechtes Licht zu geraten. Der Ex-V-Mann „Tarif“ lässt in den sozialen Netzwerken wissen, er fühle sich vom Geheimdienst und der Regierung hereingelegt („fucked by secret service and government“). In der Sitzung des Untersuchungsausschusses beklagte er erneut, der Verfassungsschutz habe ihn bei seinem Ausstieg nicht unterstützt.

Tiefe Einblicke in die rechte Szene

Teilnehmer der Sitzung bezeichneten den Zeugen als „glaubwürdig“. Er habe „tiefe Einblicke in die rechte Szene geliefert“. Die Kontakte nach Thüringen und Nordrhein-Westfalen sind von besonderem Interesse, weil die rechte Terrorgruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) aus Thüringen stammte und zwei Tage vor dem Mord in Kassel einen Mord in Dortmund beging. Am 4. April 2006 wurde Mehmet Kubasik in Dortmund getötet, am 6. April Halit Yozgat in Kassel.

Eine Verbindungsfrau zwischen den regionalen Gruppierungen war nach Sees Einschätzung Corryna Goertz. Sie wird in der nächsten Sitzung des Untersuchungsausschusses am 9. Juni befragt.

Die Verfassungsschutz-Akten von Michael See wurden nach dem Auffliegen des NSU 2011 zum großen Teil geschreddert. Der Ex-V-Mann mutmaßte als Zeuge in den Untersuchungsausschüssen von Bundestag und hessischem Landtag, dies hänge mit einer dubiosen Einladung auf eine Jacht in Spanien zusammen.

Dorthin habe ihn nach seinen Angaben Mitte der 90er Jahre ein Mann eingeladen, der sich als Karsten M. Ochs vorgestellt und als ehemaliger Leibwächter von Manfred Kanther ausgegeben habe, berichtete See im Bundestags-Ausschuss. Eine Woche lang habe er mit seiner Freundin auf der Jacht gewohnt.

Dort hätte ein signiertes Foto von Helmut Kohl ausgehangen. Es sei „wie eine CDU-Propagandaveranstaltung“ für ihn gewesen. Man habe ihn aufgefordert mitzukommen zum Schießen mit ehemaligen Mitgliedern von Francos Leibgarde, was aber nicht passiert sei. So richtig habe er nicht verstanden, wie Ochs auf ihn gekommen und was er von ihm gewollt habe, sagte See aus.

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