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Neuer Vorsitz des Landeselternbeirats Ganztagsschulen als Chance zur Bildungsgerechtigkeit

Korhan Ekinci, der neue Vorsitzende des Landeselternbeirats, will den Schulerfolg von den familiären Verhältnissen entkoppeln.

Schule
Dank der „Arche“: Nachmittagsbetreuung an der Wilhelm-Busch-Schule in Maintal. Foto: Renate Hoyer

Ehrlich, gerecht, leidenschaftlich – so beschreibt Korhan Ekinci auf seiner Homepage die Maximen seiner Arbeit. Seit vergangenem Samstag ist der 37 Jahre alte Wirtschaftsinformatiker als Vorsitzender des Landeselternbeirats der oberste Vertreter der Interessen von rund 1,2 Millionen Vätern und Müttern. Wir haben mit ihm über seine türkischen Wurzeln gesprochen und gefragt, wie er mehr Gerechtigkeit in der Bildung erreichen will. 

Herr Ekinci, herzlichen Glückwunsch zu Ihrer Wahl zum Vorsitzenden des Landeselternbeirats. Es hat ja ganz schön lange gedauert, bis jemand mit Migrationshintergrund in führender Position die Interessen der Eltern in Hessen vertritt.
Na ja, Migrationshintergrund. Meine Familie lebt immerhin in fünfter Generation in Deutschland, da muss man, glaube ich, nicht mehr von Migrationshintergrund sprechen. Aber es stimmt schon, bis jetzt hat meine Familie an türkischen Vornamen festgehalten. Meine Kinder haben nun Namen, die international verwendbar sind. Meine Tochter zum Beispiel heißt Sara.

Spielte Ihre Herkunft bei Ihrer Wahl eine Rolle?
Danach hat niemand gefragt. Für die Wahl hat es keine Rolle gespielt. 

Sind wir jetzt die Ersten gewesen, die Sie auf Ihren Nachnamen angesprochen haben?
Nein, das passiert natürlich häufig. Ich habe sogar eine Visitenkarte, auf der mein Name in Lautschrift aufgedruckt ist, damit niemand irritiert sein muss, wie man ihn ausspricht. Und natürlich werde ich auch immer wieder gefragt, wo kommen Sie eigentlich her. Also, wer es wissen will: Ich bin gebürtiger Berliner. 

Stört Sie das, dieses Fragen?
Das ist schon in Ordnung, ich sehe das locker. In vielen Kulturen ist es üblich, dass man auch auf seine Wurzeln schaut. Nehmen Sie die Amerikaner, da ist man auch stolz auf seine Herkunft als Ire oder Deutscher und ist trotzdem voll und ganz amerikanischer Staatsbürger. Ich habe bei den Fragen auch nicht den Eindruck, dass es um Ausgrenzung geht. Eher Neugier. Und weil es vielleicht doch noch ungewöhnlich ist, dass sich Menschen mit ausländisch klingenden Nachnahmen so intensiv in der Kommunalpolitik oder der Elternarbeit engagieren.

Tatsächlich zeigt die Statistik, dass gerade Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund bei den Bildungskarrieren hinterherhinken. So hatte im Schuljahr 2016/2017 jeder dritte Jugendliche der 7. Jahrgangsstufe einen Migrationshintergrund. Am Gymnasium betrug deren Anteil 24 Prozent, an Hauptschulen aber fast 46. 
Bildungsgerechtigkeit ist eines meiner wesentlichen Ziele, mit dem ich überhaupt erst in den Landeselternbeirat gekommen bin. Viel mehr als eine Frage der Herkunft ist das aber eine Frage des intellektuellen Stands zu Hause. Akademikerkinder haben eine viel höhere Wahrscheinlichkeit, die Hochschulreife zu erlangen als Kinder aus bildungsfernen Haushalten. Das ist das wesentliche Kriterium, nicht ein bestimmtes Herkunftsland. Kinder von Migranten besuchen nicht die Hauptschule, weil sie Migranten sind, sondern weil sie aus bildungsfernen Familien kommen. 

So wie Sie?
So wie ich. Meine Mutter war Putzfrau, mein Vater Schlosser bei den Berliner Verkehrsbetrieben. Da lag zu Hause weit und breit kein Stift und kein Blatt Papier herum, wenn man mal was notieren wollte. Und Hausaufgaben mussten am Küchentisch gemacht werden, während drumherum gekocht wurde oder die Geschwister lärmten.

Dennoch haben Sie Abitur gemacht.
Obwohl ich eine Hauptschulempfehlung hatte, ja. Ich bin dann auf die Realschule gegangen und habe danach die Abiturprüfung abgelegt, um zu studieren. Und das mit sehr guten Noten. 

Das war sicher kein leichter Weg.
Nein, war es nicht. Und es gelingt sicher auch nicht immer. Meine persönliche Meinung ist es deshalb, dass wir die Bildung in der Schule von den Verhältnissen zu Hause trennen müssen. Nur so können wir Bildungsgerechtigkeit hinbekommen. 

Wie wollen Sie das erreichen?
Wir brauchen Ganztagsschulen, in denen die Hausaufgaben gemacht werden können, betreut von pädagogischem Personal. Aufgabe des Bildungsträgers ist es, überall ein Angebot zu schaffen, wo Kinder ungestört und frei von sonstigen Einflüssen ihr volles Leistungsvermögen verwirklichen können. 

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Schulen in Hessen

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