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Neonazi-Szene „Das Lumdatal denkt national“

Zwischen Marburg und Gießen hat sich in den vergangenen Monaten eine junge Neonazi-Szene etabliert.

Die linken Aktivisten in Eschborn. Foto: Peter Jülich

Zwischen Marburg und Gießen hat sich in den vergangenen Monaten eine junge Neonazi-Szene etabliert.

Die Warnung erfolgte sofort. „Achtung“, stand am vergangenen Dienstag auf der Facebook-Seite der hessischen JN, der Jugendorganisation der rechtsextremen NPD. „Gerade Hausdurchsuchung im hessischen Lumdatal.“ Blitzschnell verbreitete sich die Meldung auf einschlägigen Neonazi-Blogs. Kurz zuvor hatte die Polizei die Wohnung eines 21-Jährigen in der Stadt Allendorf durchsucht. Der junge Mann, der offenbar der lokalen rechtsradikalen Szene angehört, soll einen 16-Jährigen bedroht haben.

Wie die Staatsanwaltschaft Gießen mitteilte, habe der Verdächtige den Jugendlichen aufgefordert, das angeblich von ihm betrieben Facebook-Profil „Antifaschistisches Lumdatal“ abzuschalten, sonst werde „etwas geschehen“. Die Drohung war offenbar erfolgreich: Das strittige Profil, erst seit Februar online, wurde inzwischen gelöscht.

Die Ermittlungen werfen ein aktuelles Schlaglicht auf die Naziszene, die sich im Lumdatal nordöstlich von Gießen festgesetzt hat. Schon vor fünf Jahren berichteten Beobachter von jungen Männern, die in der dörflichen Gegend zwischen Lollar, Allendorf und Rabenau T-Shirts mit der Aufschrift „Division Mittelhessen“ trugen, es gab rechte Partys und Konzerte. Im Internet tauchte ab 2010 die Kameradschaft „Freie Nationalisten Lumdatal“ mit einem eigenen Manifest auf. Im April vergangenen Jahres demonstrierten 250 überwiegend junge Menschen in Lollar gegen Naziumtriebe in der Gegend, nachdem jüdische Gräber geschändet und kirchliche Einrichtungen mit Hakenkreuzen und rechten Parolen besprüht worden waren.

Doch geholfen hat all das anscheinend nichts. Die Rechten haben sich nur neu gruppiert. Im Internet betreiben sie seit dem Herbst das „Infoportal Lumdatal“, zudem verteilen sie eine selbst produzierte Flugblatt-Zeitung mit dem Namen „Lumdatal Stimme“, die seit Februar 2012 auch auf Facebook präsent ist. Hier wird offen gegen Ausländer gehetzt und „den Opfern des alliierten Bombenkrieges“ gedacht, dazu gibt es dumpfe Parolen wie „Das Lumdatal denkt national“.

Stilistisch orientieren diese Webseiten sich am Stil der Autonomen Nationalisten: Junge Nazis, die sich modern und rebellisch geben, an Jugendsubkulturen anknüpfen und bewusst nicht dem Klischee glatzköpfiger Schläger entsprechen. Dazu passt auch, dass dieselbe Gruppe offenbar gleichzeitig die Facebook-Seite der „Identitären Bewegung Lumdatal“ verwaltet und damit vom Internet-Hype um die relativ junge, rassistische „Identitäre Bewegung“ zu profitieren sucht. Es scheint so, als wolle die Gruppe im Netz unter möglichst vielen Namen präsent sein.

Die Rechtsradikalen, die Szenekennern zufolge zum Großteil Mitte 20 sind und zu deren hartem Kern etwa zehn Personen zählen, scheinen sich im Lumdatal inzwischen so sicher zu fühlen, dass sie auch öffentlich auftreten.

Anfang des Jahres wurden an der Gesamtschule in Allendorf kostenlose CDs mit Rechtsrock verteilt, überall im Lumdatal werden rechte Sticker angeklebt. Und im Februar kamen sogar einige junge Nazis zur Sitzung der Stadtverordnetenversammlung in Staufenberg, weil Bürgermeister Peter Gefeller (SPD) wegen rechter Schmierereien zur Gründung eines „Netzwerks für Demokratie und Toleranz“ aufgerufen hatte.

„Die saßen zuerst nur hinten und hörten zu“, schildert Gefeller der Frankfurter Rundschau die Situation. Nachdem die Stadtverordneten aber die Gründung eines Bündnisses gegen Rechts beschlossen hätten, hätten die Rechtsradikalen draußen Flugblätter verteilt, Böller gezündet und laute Parolen skandiert. Viele der Besucher seien von dem aggressiven Auftritt eingeschüchtert gewesen, sagt Gefeller. „Dabei müsste es doch eigentlich möglich sein, ohne Angst an einer kommunalen Parlamentssitzung teilzunehmen.“

Reiner Becker, Rechtsextremismus-Experte und Landeskoordinator des Beratungsnetzwerkes Hessen, beobachtet die Szene im Lumdatal schon länger. „Diese Gruppe ist sehr aktiv und selbstbewusst“, sagt er. Er teilt die Einschätzung, dass hinter den öffentlichen Aktionen und den Internet-Portalen immer dieselben, relativ jungen Personen stehen. Die Gruppe sei außerdem über das „Freie Netz Hessen“ mit anderen Nazi-Kameradschaften vernetzt, besonders enge Kontakte bestünden zu den hessischen JN und den „Autonomen Nationalisten Wetzlar“, die schon öfter durch direkte Bedrohung von Nazi-Gegnern aufgefallen sind. Besonders für alternative Jugendliche, Menschen mit nicht deutschem Aussehen und Nazi-Gegner stelle diese Gruppe „ein hohes Bedrohungspotenzial dar“.

Noch sind die jungen Nazis im Lumdatal nicht durch Gewalttaten aufgefallen. Aber die offene Bedrohung des Jugendlichen in Allendorf dürfte nicht ihre letzte Aktion gewesen sein. (han.)

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