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Nazis Himmlers Liebe zum Sachsenherrscher

Frank Helzel aus Bad Wildungen erforscht seit fast zwei Jahrzehnten, was die Nazis mit dem Mittelalter zu tun hatten. Vergeblich stritt er für die Umbenennung des König-Heinrich-Gymnasiums, musste sich in der Schule gar als „linksintellektueller geistiger Gewalttäter“ beschimpfen lassen.

Heinrich Himmler mit seiner Frau Marga und den Kindern Gudrun (Mitte) und Gerhard sowie einer Freundin Gudruns (l.) Foto: AP/dpa/Realworks Ltd./DIE WELT

Ein Buch und die Aufforderung, lieber keine Fragen zu stellen: Das war der Anfang. Das Buch, zufällig gefunden auf einem Wühltisch, handelte von der SS und es enthielt einen Hinweis, der Frank Helzel aufhorchen ließ: Heinrich Himmler, Chef der nationalsozialistischen „Schutzstaffel“, habe König Heinrich I. (876-936) als Idol und Vorbild verehrt. Und eben diesen Sachsenkönig hatte sich das Gymnasium, an dem Helzel damals im nordhessischen Fritzlar unterrichtete, zum Namenspatron erkoren.

Ein mittelalterlicher Herrscher mit NS-Vergangenheit? „Steck das weg“, antwortete ein Geschichtslehrer, als ihm von seinem Kollegen Buch und Verdacht präsentiert wurden. Aber er erreichte damit genau das Gegenteil. Helzel, selbst kein Historiker, begann zu recherchieren. Und er sollte, allen Widerständen zum Trotz, fast 20 Jahre lang nicht mehr damit aufhören. „Ich bin nicht erbittert“, sagt der 73-Jährige, „aber ich bin neugierig.“

Vergeblich stritt er für die Umbenennung des König-Heinrich-Gymnasiums, musste sich in der Schule gar als „linksintellektueller geistiger Gewalttäter“ beschimpfen lassen. Doch das hinderte ihn nicht, sich immer tiefer in seine Forschungen zu wühlen. „Es hat mich eher noch angespornt“, sagt der pensionierte Pädagoge aus Bad Wildungen. Seine Bilanz nach nahezu zwei Jahrzehnten: eine Doktorarbeit, Dutzende Artikel bei Wikipedia, die Internetseite www.himmlers-heinrich.de, die, mit Texten prall gefüllt, jeden Monat immerhin 300-mal aufgerufen wird. Und jetzt eine neuerliche Buchveröffentlichung.

„Stalins Grenzziehungen im besiegten Deutschland 1945“ lautet der Titel des Werks. Es liefert eine so erstaunliche wie bislang unbeachtet gebliebene Erklärung für den Verlauf der innerdeutschen Grenze: Sie war, jedenfalls auch, die symbolpolitische Antwort auf den großdeutschen Kult um Heinrich I. und seinen Nachfolger Otto den Großen (912–973). Als Krieger gegen Ungarn und Slawen, als erfolgreiche Eroberer der Gebiete östlich von Elbe und Saale, mithin: als frühe Vorkämpfer einer „Ostkolonisation“, waren die Sachsenherrscher von der deutschen Geschichtsschreibung seit dem 19.

Jahrhundert verklärt worden. Und die Nationalsozialisten fühlten sich mit ihrer aggressiven Expansionspolitik als Vollstrecker dieses 1000 Jahre alten Erbes: Nicht ohne Grund, meint Helzel, firmierte der Anschluss Österreichs als „Unternehmen Otto“. Und Himmlers Plan, die Bevölkerung der Sowjetunion nach der Eroberung zu vernichten und durch deutsche „Wehrbauern“ zu ersetzen, als „Programm Heinrich“.

Einen Missbrauch der Geschichte möchte der Privatforscher das jedoch nicht nennen. Denn das hieße, jene Historiker aus der Verantwortung zu entlassen, die den Nazis die Steilvorlagen lieferten – und trotzdem bis heute anerkannt seien. „Renommierte Mediävisten haben in dem braunen Saft gesessen und es nicht gemerkt“, sagt Helzel. Es ist einer dieser Sätze, mit denen er sich wieder einmal keine Freunde macht. Diesmal als Außenseiter in der Historikerzunft.

Nicht streitsüchtig, nicht verbissen

Der langjährige Lehrer für Deutsch, Französisch und Spanisch ist streitbar, aber er ist nicht streitsüchtig, nicht verbissen. Ein energiegeladener Mann, der jünger aussieht als er ist, mit nicht ganz akkuratem Vollbart und freundlichen Augen. Und mit einem schier unerschöpflichen Wissen, was sein Thema angeht. In seinem neuen Buch hat er es noch einmal weitergedreht: Helzel zeigt, wie den Deutschen ihr überheblicher Rückgriff auf die Historie nach 1945 auf die Füße fiel. Weil auch Josef Stalin wusste, wie man Machtpolitik symbolisch überhöht.

In seiner Siegeserklärung vom 9. Mai 1945 drehte der Kremlchef den Spieß um und verlängerte den Weltkrieg nun seinerseits bis ins Mittelalter zurück: „Der jahrhundertelange Kampf der slawischen Völker um ihre Existenz und Unabhängigkeit hat mit dem Sieg über die deutschen Okkupanten und die deutsche Tyrannei geendet.“ Ganz in diesem Sinne hatte sich Stalin bereits 1944 von den Westalliierten zusichern lassen, bis wohin im besiegten Deutschland die sowjetische Besatzungszone reichen sollte. Nicht zufällig eben so weit nämlich, sagt Helzel, wie vormals das slawische Siedlungsgebiet gereicht hatte. Inklusive der Städte Magdeburg und Quedlinburg, die als ottonische Herrschaftszentren propagandistisch besonders aufgeladen waren. Die Rote Armee sollte nicht nur Hitler besiegt haben, sondern, mit einem Jahrtausend Verspätung, auch Heinrich I. und Otto den Großen.

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