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Nazi-Überfall in Nordhessen "Alter, war das geil!"

Mit Flasche und Spaten hat er auf ein junges Geschwisterpaar eingeschlagen. Dafür droht Kevin S. eine Verurteilung wegen versuchten Mordes. Jetzt spielt er seine Schuld herunter - mit Hilfe seines Anwaltes, ehemals NPD-Kandidat.

17.12.2008 10:12
Gabriele Sümer
Auf dem Bild des Gerichtszeichners ist der Angeklagte Kevin S. (rechts) mit seinem Verteidiger Dirk Waldschmidt zu sehen. Foto: dpa

Der Angeklagte wirkt angespannt. Als sein Anwalt Dirk Waldschmidt sich wegen eines defekten Mikrofons umsetzen muss und direkt neben dem 19-Jährigen Platz nimmt, scheint es fast, als tue er dies aus Fürsorge um seinen zerbrechlich wirkenden Mandanten.

Schwer zu glauben, dass sich der junge Mann im bunten Pulli wegen eines brutalen Überfalls auf ein Zeltlager der Linksjugend "Solid" verantworten muss. Ein Überfall, den Kevin S. am Mittwoch vor dem Landgericht Kassel freimütig einräumt und der ihm eine Verurteilung wegen gefährlicher Körperverletzung, vielleicht sogar wegen versuchten Mordes einbringen könnte.

Der Prozessbeginn findet unter strengen Sicherheitsvorkehrungen statt. Zuschauer, darunter Anhänger der links-autonomen Szene, aber auch Medienvertreter werden akribisch durchsucht, ihre Handys vor dem Gerichtssaal eingesammelt.

Die Verhandlung selbst verläuft unspektakulär. Sachlich schildert der Angeklagte, der zur rechtsextremen Kameradschaft "Freie Kräfte Schwalm-Eder" gezählt wird, in einer von seinem Anwalt verlesenen Erklärung den Angriff auf das linke Sommercamp. Allerdings stellt er den Vorfall als gänzlich ungeplant dar.

Danach war er spontan mit mehreren jungen Männern zum Zeltplatz am Neuenhainer See in Nordhessen gefahren. Während seine Begleiter die Autos der linken Camper demolierten, schlich Kevin S. zu den Zelten und überfiel ein schlafendes Geschwisterpaar: Dem 13-jährigen Mädchen schlug er mehrfach eine Flasche auf den Kopf, ihrem zehn Jahre älteren Stiefbruder einen Klappspaten. "So drei, viermal. Pro Person", sagt S. in der Verhandlung. "Wie ein Kranker" habe er "auf den Typen und die Tussi" eingeschlagen, hatte ein Komplize bei der Polizei ausgesagt.

Während der junge Mann mit Prellungen und Schürfwunden davonkommt, richtet die Glasflasche bei seiner Schwester verheerende Verletzungen an. Mit einer Gehirnerschütterung wird sie ins Krankenhaus gebracht, aber bald in eine Spezialklinik verlegt. Angstzustände habe sie bis heute, sagt der Staatsanwalt.

"Reichlich Alkohol getrunken"

"Mir war klar, dass ich jemandem wehtun würde", meint der Angeklagte gestern, der von sich selbst behauptet, "in der Regel gegen Gewalt" zu sein. Keinesfalls habe er gezielt die Köpfe der Opfer treffen wollen. "Es tut mir leid", heißt es in seiner Stellungnahme.

Die Tat könne er sich nur damit erklären, dass er zuvor reichlich Alkohol getrunken habe: "Nüchtern hätte ich das nie gemacht." Dass politische Motive, nämlich der Hass auf Andersdenkende, eine Rolle gespielt haben könnten, weist er von sich. "Rein ideologisch hatte ich nichts gegen die Leute", sagt er. Im Gegenteil habe er sogar Kontakte zu linken Jugendorganisationen. "Wir denken sozialistisch und ,Solid' und andere linke Gruppierungen tun das auch, es gibt Gemeinsamkeiten", betont er.

Ein paar Nachfragen hat der Richter da aber doch. Warum hat man das Lager ausgespäht und fotografiert, wenn gar nichts geplant gewesen sei? Warum hatte der Angeklagte in der Sommernacht Handschuhe dabei und sich mit Mütze und Sonnenbrille getarnt? Und widerspreche eine SMS mit "Alter, war das geil!" nicht der angeblichen Reue?

Diese sei erst später gekommen, sagt der Schüler. Als er vom Zustand des Mädchens gehört habe, habe er "ziemlich Heulgefühle" bekommen und deshalb nach der Festnahme alles gestanden. Und die schwarze Kluft? "Ach, das machen wir doch immer, beide Seiten."

Und warum habe er am Tag vor der Tat eine linke Demonstration in Treysa stören wollen? "Um Spaß zu haben", antwortet S., dann: "Wir wollten linke Gewalt provozieren, damit der bürgerlichen Presse klar wird, dass Gewalt nicht nur von Rechts kommt." Dass der Überfall auf das Zeltlager seine Idee gewesen war, daran könne er sich nicht erinnern, erklärte er.

"Mir ist diese Aussage irgendwie zu professionell", sagt nach der Verhandlung Arne Platzbecker. Dem Anwalt der Opfer ist die Erklärung "zu glatt": "Kann ein 19-Jähriger so reden? Oder wurde da was geprobt?" In der Tat hatte der Schüler immer wieder von Rechtsschulungen gesprochen, die "wir" von "ihnen" bekommen hätten. Wer damit gemeint ist, sagt er nicht. Auch in der Verhandlung fragt niemand danach.

Der Verteidiger gibt sich hinterher freundlich, aber ratlos. Ob sein Mandant den rechtsextremen "Freien Kräften Schwalm-Eder" angehöre, wisse er nicht. Auch nicht, ob die NPD diese Gruppe unterstütze. "Ich kenne mich da nicht so aus", sagt der Anwalt schulterzuckend. Vor einem Jahr stand er noch auf der Landesliste der NPD für die Landtagswahl - auf Platz zwei.

Das Gericht hat sechs Verhandlungstage angesetzt und will 16 Zeugen hören, die ersten davon am kommenden Montag. Ein Rechtsmediziner soll zudem Auskunft geben, wie gefährlich die Schlagverletzungen waren und ob der Angeklagte aufgrund von Alkohol vermindert schuldfähig war. (mit dpa)

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