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Naturschutz Die Anti-Baby-Pille für Nutria und Nilgans

„Abschießen!“ heißt es meistens, wenn Nilgänse oder Waschbären sich in Städten breitmachen. Doch Naturschützer kennen auch andere, kreative Lösungen.

Nutrias an der Nidda
Nutrias stammen ursprünglich aus Südamerika. Foto: Andreas Arnold (dpa)

In Kassel ist der Waschbär das prominenteste Beispiel. In Frankfurt sind es die Nilgänse im Brentanobad. Andernorts erregen Nutrias die Gemüter, weil sie angeblich Schutzdämme unterhöhlen. Neobiota nennt die Fachwelt diese Arten, die sich in einem Gebiet etabliert haben, in dem sie zuvor nicht heimisch waren. Auch Amphibien, Fische oder Pflanzen fallen unter diesen Begriff. Doch über keine Vertreter wird so viel gestritten wie über Waschbär und Nilgans.

„Abschießen“, heißt es von den Jagdverbänden und auch manchen Badegästen, die sich vor dem Gänsekot auf der Liegewiese ekeln. Und die Jäger schimpfen auf die Schonzeit, die Hessen den Waschbären neuerdings gönnt.

Anti-Baby-Pillen gegen unbeliebte Spezies

„Kreativ denken“ forderte dagegen die hessische Tierschutzbeauftragte Madeleine Martin bei einem Fachgespräch der Grünen im Landtag. Die Chancen stünden aktuell gut, mit Anti-Baby-Pillen die weitere Ausweitung der unbeliebten Spezies zu verhindern. „Ich bin mir sicher, dass die Landesregierung dafür Geld gibt.“

Auch Stefan Stübing von der hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz (HGON) hält nichts davon, den Waschbären mit der Schrotflinte den Garaus zu machen. Die auf dem Boden brütenden Kiebitze könnten mit einem Elektrozaun geschützt werden, Horstbäume mit Manschetten, schlägt er vor. Und für die Aversion gegen Nilgänse gebe es keinen wissenschaftlichen Grund: Von den 10 000 Exemplaren in Hessen habe kein einziges heimische Vögel vertrieben. Einzige Ausnahme seien die Stadtpark-Teiche. Wo der Mensch füttere, da gebe es Streit, und da ziehe die kleinere Ente den Kürzeren.

Das eigentliche Problem seien ohnehin nicht die Neobiota. Da sind sich die Referenten aus dem Bereich Umwelt-, Tier- oder Naturschutz einig. Grünen-Landtagsabgeordnete Ursula Hammann hat schon in ihrer Eröffnungsrede darauf hingewiesen. Was der heimischen Pflanzen- und Tierwelt vor allem schade, sei eine hoch subventionierte Agrarwirtschaft, die ihnen die Lebensräume raube. Der Bestand an Feldlerchen etwa habe sich in den vergangenen 20 Jahren halbiert, sagt Ornithologe Stübing. „Da ist kein einziger vom Waschbär gefressen worden.“

Thomas Norgall vom Bund für Umwelt und Naturschutz Hessen fordert eine Versachlichung der Diskussion. „Die Debatte lenkt ab von der fehlgesteuerten Landnutzung.“ Er plädiert dafür, die Entwicklung genau zu beobachten und nur einzugreifen, wenn Folgen für Gesundheit oder Sicherheit belegt sind. Viele Behauptungen nährten sich aus der Gerüchteküche. „Es ist nie bewiesen worden, dass eine hessische Gelbbauchunke von einem Waschbären gefressen wurde.“

Das einst von Hessen am Edersee ausgesetzte Pelztier hat sich inzwischen in Mitteleuropa ausgebreitet. Zahlen gibt es keine und auch keinen Beweis dafür, dass sich der Bestand durch Bejagung nachhaltig dezimieren lässt. Der Waschbär ist keine Gefahr für seltene Vogelarten, fand Berit Michler von der Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde heraus. Sie warnt vor einem Schnellschuss: „Bislang sind alle Strategien daran gescheiterte, dass es zu wenig Wissen über ihre Biologie gibt.“

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