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Naturheilkunde Heilen mit den Händen

Marina Fuhrmann ist Deutschlands erste Professorin für Osteopathie. Neben der Arbeit in ihrer Wiesbadener Praxis unterrichtet sie an der Hochschule Fresenius in Idstein - und kämpft für die Anerkennung der Osteopathie als eigenständigen Beruf.

Marina Fuhrmann behandelt in ihrer Wiesbadener Praxis Babys wie Erwachsene. Foto: privat

Die Praxis im Erdgeschoss eines Stilaltbaus liegt nicht weit entfernt vom Wiesbadener Hauptbahnhof. Hier behandeln Marina Fuhrmann und sechs andere Kollegen Menschen mit Problemen an Rücken oder Schulter, die unter Tinnitus leiden, Migräne oder Menstruationsbeschwerden. Ihr Interesse gilt dabei nicht den Krankheiten. „Wir suchen die Gesundheit“, erläutert die 54-Jährige.

Seit Jahren kämpft die Heilpraktikerin für die Anerkennung der Osteopathie als eigenständigen Beruf mit geregelten Standards. Jetzt ist sie ihrem Ziel wieder ein Stück näher gekommen: Marina Fuhrmann ist die erste Professorin für Osteopathie Deutschlands. Ihre Vorlesungen hält sie an der privaten Hochschule Fresenius in Idstein im Rheingau. Die bietet seit zwei Jahren den bundesweit ersten Studiengang für Osteopathie an.

Dass die umtriebige Vorstandsvorsitzende des 2800 Mitglieder zählenden Bundesverbands der Osteopathen auch daran mitwirkte, versteht sich fast von selbst. Sie gilt als internationale Netzwerkerin und ist als Berufspolitikerin viel unterwegs.

Auf wundersame Weise bleibt auch noch Zeit für die Praxis in Wiesbaden, wo sie seit 1990 lebt. Gerade hat Fuhrmann eine Patientin verabschiedet. Nun sitzt sie vor einem Espresso an ihren Schreibtisch und verrät, wer auf den großen Kinderfotos an der Wand zu sehen ist: Die beiden Nichten sind das, inzwischen zehn und 14 Jahre alt. An deren Geburt habe sie mitgewirkt. Sanft sollten die Mädchen zur Welt kommen – trotz der Skoliose der Mutter. „Es gibt spezielle Griffe, damit sich der Beckenboden entspannt.“ Die Ärzte und Hebammen im Kreissaal ließen die künftige Tante gewähren. Obwohl die Osteopathie damals noch relativ unbekannt war. Hebammen, sagt Fuhrmann, nutzen schon lange alternative Medizin wie Akupunktur oder Homöopathie. Doch auch bei vielen Schulmedizinern sei die Skepsis gewichen. In Wiesbaden sei ein Netzwerk entstanden. Hausärzte oder Kinderärzte schicken Patienten, das Wiesbadener Josefshospital kooperiert mit der Praxis. „Wir bieten dort Informationsstunden für werdende Eltern an.“ Ganz wichtig dabei: Aufklärung darüber, wie Qualität erkennbar ist.

Auf dem Markt tummeln sich so einige Anbieter alternativer Heilmethoden, denn die liegen im Trend. „Es gibt zu viele, die sich Osteopathen nennen und keine Ausbildung haben.“ Dabei bestünde ein erheblicher Unterschied, ob jemand ein Wochenendseminar gemacht hat oder eine fünfjährige Ausbildung.

Vor sechs Jahren hat die hessische Landesregierung als bislang einziges Bundesland die Berufsbezeichnung des staatlich anerkannten Osteopathen eingeführt. Es gibt ein Zertifikat, das für den Patienten sichtbar als Urkunde in der Praxis aushängt.

Ein mutiger Schritt, dem weitere folgen müssen, sagt die 54-Jährige. „Unser großes Ziel ist ein eigenes Berufsgesetz.“

Ausbildung nicht einheitlich geregelt

Denn derzeit müssen die in Idstein ausgebildeten Osteopathen auch eine Heilpraktikerausbildung absolvieren. „Das ist grotesk, weil die Gewichtung und die Inhalte anders sind.“ Fuhrmann und ihre Kollegen verwenden weder Spritzen noch Medikamente. Für die Behandlung benötigen sie lediglich eine beheizbare Liege und ihre Hände. Jedes Mal wird der Körper komplett untersucht, weil die Biochemie sich innerhalb von zwei Wochen sehr stark ändern kann. Zuvor haben sie in einem Anamnesebogen Verletzungen und Krankheiten abgefragt. Auch Jahrzehnte zurückliegende Ereignisse könnten wichtig sein. „Wir entdecken Funktionsketten.“

Beispiel: Die Langzeitfolge eines Fahrradsturzes auf die Hüfte kann das Schulterleiden sein. Nach drei Sitzungen wird Bilanz gezogen. Zeigen sich keine Veränderungen, dann sollte die Therapie gewechselt werden. Dass sie einen Heilberuf ausüben will, aber nicht Medizin studieren, wusste die Tochter eines Textilunternehmers schon früh. Schon als 15-Jährige begleitete sie den Hausarzt ihrer Familie, der konnte ihr aber nicht genau erklären, wie sich die Zustände der Gewebe und Organe gegenseitig beeinflussen.

Über die Physiotherapie, Heilpraktik und Chiropraktik kam sie zur Osteopathie, die sie in einer vierjährigen Ausbildung in London lernte. 2006 wurde ihr in den USA der Ehrendoktortitel verliehen.

Trotz des ganzen wissenschaftlichen Hintergrunds bleibt Marina Fuhrmann auf dem Teppich. Sie und ihre Kollegen verstünden sich als „Dienstleister“ am Patienten. Der stehe im Mittelpunkt „Unser Auftrag ist zu helfen.“

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