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Naturgewalten Die Gewitterjäger

Gewitterjäger verfolgen oft tagelang eine Unwetterfront quer durch Deutschland. Fast alle träumen davon, einmal einen Tornado live mitzuerleben.

Blitze zucken am 6. Juni über Wiesbaden. Bastian Werner war natürlich da.

Der 7. Juli war für Bastian Werner ein guter Tag. In den frühen Abendstunden brach der Gewitterjäger aus Darmstadt mit seinem Team in Richtung Heidelberg auf. Er kam gut voran auf der A5, sein Beifahrer studierte auf dem Tablet, ob die Gewitterfront, die aus Westen heranzog, ihre Stärke behielt. Auf dem Satellitenbild von Google Maps suchten sie nach einem Standort auf einem möglichst freien Feld. Es passte alles, die Beute war gut: Zwei Gewitterzellen, dazu drei Superzellen, die gefährlichsten Gewittergebilde, in denen gewaltige Winde toben, konnte Bastian Werner abpassen. Eine von ihnen erwischte er nur am Rand. Sie teilte sich über Heidelberg, bescherte ihm ein spektakuläres Foto und den Einwohnern im mehr als 50 Kilometer entfernten Framersheim in Rheinhessen Schrecken und Zerstörung: Der Sturm fegte über das 1600-Einwohner große Dorf hinweg, riss Dächer ab und beschädigte mehr als 60 Häuser. Der Schaden geht in die Millionen. „Mit den Opfern fühlt man mit“, sagt Werner.

Die Faszination der Naturgewalt ist trotzdem größer. Tausende Kilometer fährt Werner pro Jahr mit Gleichgesinnten Gewittern hinterher, beobachtet sie, kreist sie ein, schneidet ihnen den Weg ab, denn Beute machen kann er nur von vorn: dann gelingt ein Foto der bizarren Wolkenformationen, manchmal auch der Blitze, kurz bevor der Regen kommt. Das kann eine Frage von Minuten sein, doch gefährlich, sagt der Student aus Darmstadt, sei sein ausgefallenes Hobby nicht. „Blitze fallen fast immer nur im Regen“, sagt er. Und bis die ersten Tropfen ankommen, sitzt der 22-Jährige mit seinen Kollegen wieder im Auto, schaut sich die Fotos an und hört es prasseln auf dem Dach.

Oder knallen. Wenn etwa golfballgroße Hagelkörner herunterkommen, ist Bastian Werner auch gern vor Ort. Eines seiner Bilder, das auf seiner Facebook-Seite 200 000-mal angeschaut wurde, stammt von einem Unwetter vor zwei Jahren im Stuttgarter Raum, eines der stärksten, das es je in Deutschland gab, wie er sagt. „Wir standen auf dem Hügel der Burg Teck und sahen es kommen“, erzählt er. „Es ging schnell. Wir rannten zum Auto, im Laufen habe ich mich noch mal umgedreht und abgedrückt, fünf Minuten später waren die Hagelmassen da.“ Nervenkitzel ist dabei, viel Adrenalin, das durch die Adern strömt und ihn 20 Stunden am Stück wachhalten kann, wenn die Zeichen auf Sturm stehen.

Dabei ist Werner eher ein rationaler Typ. Er studiert Optotechnik und Bildverarbeitung in Darmstadt, erzählt nüchtern von seinen Tou-ren und dem Wissen, das ein Gewitterjäger braucht. Auf wetterzentrale.de finden Experten alle aktuellen Wettermodelle, die sie brauchen, vorausgesetzt, sie können die Daten lesen und interpretieren. Werner hat darüber hinaus eine eigene Website mit Informationen speziell für Sturmjäger aufgebaut. Als Jugendlicher lernte er Segelfliegen, musste sich also für den Flugschein mit Meteorologie beschäftigen und hat als Kind schon Dokumentationen über Sturmjäger in den USA gesehen. Dort gelten sie als anerkannte Tornado-Experten und werden gern auch mal aus dem Auge des Orkans live in die TV-Wetter-Kanäle zugeschaltet.

Im Vergleich zu den Tornado-Gebieten, die sich vom Golf von Mexiko bis zu den Rocky Mountains ziehen, passiert in Deutschland nicht viel, bisher war es aus Werners Sicht dennoch ein gutes Jahr. In 2014, sagt er, „war Frankreich sehr bevorzugt“. Mehrmals hatte der Student damals die Grenze passiert, einmal sogar 1400 Kilometer weit. Entfernungen werden relativ, wenn sich eine erfolgversprechende Strömung ankündigt, doch nicht immer hat ein Gewitterjäger Glück. „In 50 Prozent der Fälle geht man leer aus“, sagt Werner. Dann wartet man auf einem Hügel und nichts passiert: Entweder die Gewitterzelle fällt zusammen, weil die Aufwinde nicht ausreichen, oder sie sucht sich einen Weg, bei dem die Verfolgung schwer wird.

In seiner Gegend ist es der Odenwald, in dem ein Gewitterjäger bei den kurvigen Straßen keine Chance hat, hinterherzukommen. Das geht auf Autobahnen besser. Dann setzt sich Werner auch kurz nach 18 Uhr noch in seinen Opel Astra, kein neues Modell, das auch ein paar Hageldellen verschmerzen würde, und gibt Gas, wie kürzlich auf der A3 in Richtung Marktheidenfeld. Zweimal schnitt er dem Gewitter, das über den Odenwald zog, den Weg ab, erst vor Marktheidenfeld und dann nochmal bei Schweinfurt. Noch vor Mitternacht war er wieder zu Hause und hatte ein paar brauchbare Bilder dabei.

Die Fotos sind Trophäen, fast alle Sturmjäger in Deutschland rücken mit der Kamera aus. Die Szene, sagt Werner, sei durch das Internet gut vernetzt, man kenne sich, weiß von legendären Erfolgen. In 2010 etwa kam „Hagelwalter“ groß raus, weil er in seiner Wohngegend südlich von München 30 Superzellen erwischte und in einschlägigen Foren als Glückspilz gefeiert wurde. Sogar eine Sammlung von Hagelkörnern in seiner Tiefkühltruhe soll existiert haben.

So weit reicht die Liebe bei Bastian Werner nicht, auch wenn er in der Kühltasche für Proviant notfalls besonders spektakuläre Hagelbrocken einlagern könnte. Er gibt auch nicht vor, eine Hilfe für den Wetterdienst zu sein, wie es beispielsweise das Netzwerk „Skywarn“ für sich beansprucht. Dort wollen ehrenamtlichen Wetterbeobachter zu zeitnahen und ortsgenauen Warnungen beitragen. Gewitter, sagt Werner, seien inzwischen so gut vorhersehbar, dass Beobachtung vor Ort nur für Tornadowarnungen hilfreich sei. Einen solchen Sturm allerdings würde er sofort melden.

Und fast alle träumen sie davon. „Ein schöner Tornado wäre das Nonplusultra“, sagt Bastian Werner. Windhosen sind selbst in Deutschland gar nicht mal so selten. Als vergangenes Jahr der Tornado in Bad Schwalbach wütete, jagte Werner Gewitter in der gleichen Front, allerdings in Frankfurt, und verpasste die trichterförmige Wolke mit ihren zerstörerischen Kräften, deren Faszination jedes Jahr viele Sturmjäger aus Deutschland zum Tornado-Urlaub nach Amerika treibt. Werners Team-Kollege Ingo Bertram war schon dreimal da. Der Frankfurter hat seine Leidenschaft zum Beruf gemacht, er arbeitet als Meteorologe bei einem Fernsehsender. „Die Begeisterung trägt man in sich“, sagt der 42-Jährige. Durch das mobile Internet habe die Gemeinde der Gewitterjäger enormen Zulauf bekommen, auf 200 bis 300 schätzt er die Zahl in Deutschland, auch in Hessen seien einige Teams regelmäßig unterwegs. Es komme sogar vor, dass man an einem guten Standort zufällig auf Kollegen treffe. Gutes Wetter hat in solchen Kreisen nicht die landläufige Bedeutung. Wenn eine Gruppe drei Wochen in den USA unterwegs ist und jeden Tag die Sonne vom blauen Himmel strahlt, sei der Frust groß, erzählt Bertram, er hatte dieses Jahr im Mai Glück. „Es war jeden Tag was los.“ Die Jagd begann in Dallas, man blieb überwiegend in Texas, machte Abstecher nach Oklahoma und Kansas, Gegenden in denen freie flache Landschaften und ein gutes Straßennetz erfolgversprechende Voraussetzungen bieten. Auch ein Tornado stand auf dem Programm. „Er war zehn Kilometer weg, aber wir konnten ihn zehn Minuten lang beobachten“, sagt Ingo Bertram.

Den Vorwurf des Katastrophen-Tourismus, den Gewitterjäger immer mal wieder hören, weist er zurück. Und doch: Auch Bastian Werner reiste schon bei Sturmflutwarnung an die Nordsee, quartierte sich in der ersten Reihe ein, um zu beobachten, wie das Wasser über den Deich kroch, bevor die Feuerwehr die Häuser mitten in der Nacht evakuierte. „Ich wollte das mal erleben“, sagt er. Und Team-Kollege Ingo Bertram, ergänzt: „Uns sind die Schäden bewusst und mir tun die Leute sehr leid, aber diese Kraft der Natur hat eine unglaubliche Schönheit.“ Nächstes Jahr wird er vier Wochen Tornadojagd in den USA einplanen. Dann hofft er wieder auf gutes Wetter.

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