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Nationalpark Rhön Streit um den Nationalpark Rhön

Der geplante Nationalpark Rhön teilt die Region in zwei Lager, die so unterschiedlich sind wie die für den Park vorgesehenen Landschaften.

Biosphärenreservat in der Rhön
Blick vom Simmelsberg über Gersfeld im Biosphärenreservat in der Rhön. Foto: imago

Der Kreuzberg ist der heilige Berg der Franken. Kein Wunder, dass auf seinem Gipfel ein Kreuz steht, das sich gleichwohl neben dem benachbarten Funkmast verliert. Mag der Blick auch vom Gipfel nur wenige Meter weit streifen, weil ringsum zu hohe Bäume stehen, so bieten sich doch unterhalb weite Blicke. Richtung Osten, Westen und Süden dominiert Wald die Aussicht. Hier liegt der Salzforst, altes fränkisches Königsland. Der Mischwaldanteil ist hoch, die Buche überwiegt, die warme Feuchtigkeit lockt die Pilze hervor. Überall Anzeichen für Rehe und Wildschweine; es ist selbst am Tag nicht ungewöhnlich, Wild zu beobachten. Alte Hohlwege durchziehen die Wälder, die teilweise sehr steile Hänge zeigen und von noch steileren Rinnen durchzogen werden. Hier fällt es leicht, sich an Buchonia zu erinnern, wie die Rhön früher hieß. Altes keltisches, dann fränkisches Land, lange Wildnis, wenig nutzbar, arm.

Nach Norden aber dominiert ein anderes Landschaftsbild: Kaum Bäume auf den Bergen, der Himmeldunk ist fast komplett frei, an Simmelsberg und Hoher Hölle wechseln große Wiesenflächen mit kleinen Waldstücken ab. Noch weiter im Norden sind das Rote Moor und die Lange Rhön. Auch hier bestimmen Wiesen und Weiden die Landschaft, oft extensiv bewirtschaftet: kaum gedüngt, wenig gemäht, von Schafen, Ziegen oder Rindern beweidet. Die Böden sind mager, die Artenvielfalt hoch – nicht trotz, sondern wegen jahrhundertelanger Bewirtschaftung. Das ist das Land der offenen Fernen, wie sich die Rhön vermarktet, mit weiten, nicht durch Wald behinderten Blicken.

Die unterschiedlichen Landschaftsformen prägen die länderübergreifende – Hessen, Bayern, Thüringen – Rhön. Nun will die bayerische Landesregierung einen dritten Nationalpark, und die Rhön ist, neben den Donauauen, einer von zwei möglichen Standorten. Und angeblich Favorit, wie fachlich gut informierte Stimmen berichten, die anonym bleiben wollen. 

Das Thema ist brisant, insbesondere in Franken, wo viele Transparente gegen den Nationalpark hängen. „Rhön: Ressource Holz ökologisch naturnah“ steht etwa am Ortseingang von Steinach. Fragt man herum in den Straßendörfern des Salzforstes, in Sandberg, Schmalwasser oder auch in Dörfern südlich davon, trifft man viele kritische Stimmen, die aber stets anonym bleiben wollen. Das gilt selbst für Mitglieder der Bürgerinitiative, die 10 000 Unterschriften gegen einen Nationalpark gesammelt hat. Der Sprecher der BI war telefonisch bis Redaktionsschluss nicht erreichbar.

Auch auf hessischer Seite ist der Nationalpark mittlerweile Thema, auf der Straße, im Supermarkt, zu Hause. Bayern hat vorgeschlagen, 1000 der angepeilten 10 000 Hektar Nationalparkfläche in Hessen auszuweisen. Mögliche Flächen dafür liegen rund um Gersfeld am Fuß der Wasserkuppe, entweder südlich davon im für die Allgemeinheit verbotenen Truppenübungsplatz oder rund um das Rote Moor. 

Laut Unterlagen, die der FR vorliegen, könnten in Hessen Flächen infrage kommen, die etwa zur Hälfte aus Offenland bestehen. Diese müssten als Pflegezone in einen Nationalpark eingehen, weil sie ohne Mahd zu Wald werden, was naturschutzfachlich und bei den Landwirten unerwünscht ist. Weil so ein Park insgesamt nur 25 Prozent Pflegezone haben darf und 75 Prozent sich selbst überlassen bleiben müssen, könnte in den fränkischen Teilen entsprechend nur ein geringerer Anteil Pflegezone werden. Und nur in diesen können beispielsweise die Menschen in den Dörfern Brennholz schlagen – kein kleines Thema in einer Region, wo vor fast jedem Haus große Brennholzstapel aufgesetzt sind.

Der Riss, der in Sachen Nationalpark durch die Bevölkerung geht, zeigt sich auch beim Ehepaar Katja Zimmermann-Trabert und Jürgen Trabert aus Gersfeld-Sandberg. Trabert ist Waldbesitzer und Jagdpächter im unmittelbaren Umfeld der Flächen, die für den hessischen Anteil infrage kommen könnten. „Ich befürchte Einschränkungen bei Jagd und Holzeinschlag“, sagt er, sieht aber wie seine Frau auch Vorteile: „Wir vermieten Ferienwohnungen und ein Ferienhaus“, sagt Zimmermann-Trabert, „da erhoffen wir uns von einem Nationalpark mehr Attraktivität für Touristen und höhere Nachfrage nach unseren Unterkünften.“ Tatsächlich zeigen Erfahrungen aus anderen Nationalparks, dass dieses Prädikat attraktiv für Touristen ist.

Uta und Udo Weinig von der Pension Weinig in Gersfeld sind klare Befürworter, denn sie hoffen auf eine bessere länderübergreifende Zusammenarbeit in der Rhön. „Wenn wir über den Nationalpark Strukturverbesserungen etwa beim Nahverkehr oder einer Rhön-Card für Touristen erreichen könnten, würde das die Region und den Tourismus voranbringen“, so Uta Weinig. Auch ein einheitliches Wegenetz erhofft sie sich und Fördermittel in Millionenhöhe. Der Nationalpark werde den nachhaltigen Tourismus fördern, „das ist ein Pfund, mit dem die Region wuchern könnte“, glaubt ihr Mann. Ewald Simon, Immobilienmakler aus Oberweißenbrunn, zählt nicht nur des Naturschutzes wegen zu den Befürwortern. Er hofft für die Region auf steigende Einnahmen aus dem Tourismus, „und dann werden auch die Immobilienpreise steigen“, so Simon, „am stärksten in der Gastronomie, aber leicht auch bei Ferienvermietern und letztlich auch privaten Eigentümern.“

Sogar Naturschützer beurteilen einen möglichen Nationalpark Rhön zwiespältig. Joachim Schleicher aus Poppenhausen ist in den Naturschutzorganisationen BUND und Nabu aktiv. Er vermisst in den bislang bekannten Planungen konkrete Daten und ein stimmiges Konzept. „Wenn ich aus Bayern höre, dass es wegen des Tourismus kein Wegegebot geben soll, 23 Millionen touristische Mehreinnahmen pro Jahr und keinerlei Einschnitte für die Bevölkerung, dann frage ich, woher die naturschutzfachliche Qualität kommen soll“, gibt er zu bedenken. Natürlich sei alles, was den Status von Flächen aufwerte, gut, aber eigentlich sieht er keinen dringenden Handlungsbedarf im Biosphärenreservat Rhön. 

Denn dessen offene Flächen wie etwa Borstgrasrasen als Lebensräume für Bodenbrüter eignen sich nicht für die in einem Nationalpark geforderte „natürliche Walddynamik“. Und bei den – in der Rhön im Vergleich zu anderen Mittelgebirgen relativ geringen – Waldflächen ist sowieso bereits ein recht hoher Anteil von etwa zehn Prozent als Naturschutzgebiet oder Kernzone im Biosphärenreservat geschützt. „Ich habe den Eindruck, der Nationalpark Rhön wird ein buchhalterischer“, so sein Fazit. Sicher sei es begrüßenswert, wenn so endlich das Geld ins Biosphärenreservat kommt, das dort schon seit Langem fehlt, aber man dürfe auch nicht das hohe fachliche Niveau, das Nationalparks in Deutschland haben, gefährden.

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