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Nadja Rakowitz "Privatisierungen stoppen"

Nadja Rakowitz, Geschäftsführerin des Vereins demokratischer Ärztinnen und Ärzte, fordert im FR-Interview eine Kehrtwende bei der Privatisierung von Krankenhäusern.

16.02.2010 00:02
Nadja Rakowitz ist promovierte Politologin und Geschäftsführerin des Vereins demokratischer Ärztinnen und Ärzte. Foto: Andreas Arnold

Krankenhäuser stehen unter starkem Kostendruck. Die kommunalen üben sich in Kooperationen. Die privaten Betreiber stehen bereit, um weitere öffentliche Häuser zu kaufen. Was sind die Gefahren?

Medizinische Entscheidungen werden ökonomischen untergeordnet. Das geht in zwei Richtungen: Man kann an medizinisch Notwendigem sparen oder der Patient bekommt überflüssige Leistungen. Beides passiert in den Krankenhäusern.

Haben die Privatisierungen das Gesundheitswesen verändert?

Sie sind nur Teil des Problems der Ökonomisierung. Die öffentlichen Krankenhäuser stehen inzwischen unter dem gleichen Druck wie die privaten. Sie stehen miteinander im Wettbewerb. Deshalb sind auch öffentliche Häuser gezwungen, vorrangig unter ökonomischen Aspekten zu handeln.

Was unterscheidet die Privaten dann noch von den Öffentlichen?

Private Betreiber wie Rhön oder Helios müssen aus dem Krankenhausgeschehen selbst noch Profit erwirtschaften. Das verstärkt den ökonomischen Druck noch mal. Der Profit wird aus dem Gesundheitswesen herausgezogen, fließt nicht dahin zurück. Dem Beitragszahler wird also Geld entzogen.

Wie wirkt sich der Druck auf die Patienten aus?

In Privatkrankenhäusern sind die Personalzahlen um einige Prozent niedriger als an öffentlichen. Tätigkeiten von Ärzten werden an Pflegekräfte delegiert, Tätigkeiten von examinierten an nicht examinierte und so weiter, weil das Kosten spart. Das führt zum Beispiel an der privatisierten Universitätsklinik Marburg-Gießen zu einer Verschlechterung der Qualität, worüber sich Patienten, aber auch niedergelassene Ärzte bekanntlich beschweren.

Warum wehrt sich kaum ein Klinikarzt gegen den Druck aus den Chefetagen?

Das ist ein großes Problem. Dabei sind sie in einer sehr privilegierten Position. Im Moment suchen Krankenhäuser Ärzte. Den politisch aktiven Ärzten in unserem Verein, die sich gewehrt haben, ist kaum etwas passiert. Krankenhausärzte sagen, dass sie im Moment unter einem unglaublichen ökonomischen Druck stehen. Die Hierarchien seien noch höher geworden. Die Ärzte leiden auch darunter, Fälle produzieren zu müssen und so zum Teil medizinisch nicht notwendige Leistungen zu erbringen. Seit Einführung der Fallpauschale sind die Fallzahlen massiv angestiegen. Das lässt sich nicht nur mit der alternden Bevölkerung erklären.

Wie lässt sich der Trend stoppen?

Diese Gesellschaft muss sich überlegen, ob sie das Gesundheitswesen wirklich dem gleichen Druck einer kapitalistischen Ökonomie aussetzen will wie etwa die Automobilindustrie.

Was ist Ihre Forderung?

Ein Stopp der Privatisierung und eine Rekommunalisierung der Krankenhäuser. Hier wurde und wird öffentliches Eigentum privatisiert. Das gehört uns, den Beitrags- und Steuerzahlern. Damit allein ist das Problem aber noch nicht gelöst. Der ökonomische Druck muss raus, das medizinisch Notwendige, also auch gute Pflege mit ausreichend Personal, muss bezahlt werden. Diese Gesellschaft kann sich das leisten.

Ist die Kernfrage, wie das Geld verteilt wird?

Besser noch: Wofür wird es ausgeben? Es muss nicht unbedingt mehr Geld in den Gesundheitssektor. Das garantiert nicht, dass mehr Pflegepersonal finanziert wird. Man kann dafür auch eine Portalklinik für Dubai öffnen oder noch ein paar teure Apparate mehr kaufen. Es gibt überdurchschnittlich viele Herzkatheterlabore in Deutschland. Und doch sind wir hierzulande nicht gesünder.

Ist eine Rekommunalisierung des Universitätsklinik Gießen-Marburg möglich?

Vor zwei Jahren hätte ich auch nicht gedacht, dass der Staat für systemrelevante Banken 500 Milliarden Euro auftreiben kann. Man konnte innerhalb von 20 Jahren die DDR reprivatisieren. Warum soll man eine Uniklinik nicht wieder zurück ins öffentliche Eigentum holen können? Aber das bedürfte eines Umdenkens. Das privatisierte US-amerikanische Gesundheitswesen ist das teuerste der Welt. Dennoch sind 45 Millionen Menschen dort nicht versichert. Es gibt kein Indiz dafür, dass Privatisierung die Gesellschaft billiger kommt.

(Interview: Jutta Rippegather)

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