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Nacht der Museen Die Nacht der Nächte

Eine Party wie keine andere: 40.000 Menschen schlendern von Samstag auf Sonntag durch Frankfurts und Offenbachs Museen. Die zwölfte „Nacht der Museen“ lockt mit Kunst, Kultur, Party und Spektakel.

Zehntausende Besucher konnten die Museen in Frankfurt und Offenbach am Samstag bei der 12. Nacht der Museen mit Kunst und Partys anlocken. Foto: Andreas Arnold

Am Tag danach zeugt nur ein knapp einen halben Quadratmeter großes Loch im Historischen Museum von der Nacht der Nächte. Bis aufs Stahlgitter-Skelett haben die Mauerspechte gehauen und gehämmert, sich echten Frankfurter Beton aus den 70ern für den heimischen Kaminsims geholt. Alle anderen haben (hoffentlich) berauschende Erinnerungen mitgenommen an eine Party wie keine andere.

Namens „Nacht der Museen“. Das erbärmlich langweilige Plakat dafür, mit Goethe als Mann im Mond, sei den Verantwortlichen verziehen, es erfüllte seine Primärfunktion, nämlich den Leuten das Ereignis in Erinnerung zu rufen. Ebenso Schwamm drüber, was den handlichen, aber im Innern noch an Übersichtlichkeit gewinnfähigen Fahrplan durch die Nacht angeht. Es hat alles funktioniert und alle haben ihren Spaß gehabt.

Wobei sich Spaß in den späten Stunden dieses bemerkenswert sommerlichen Maitages eben so vielfältig definierte wie der Reichtum dessen, was Frankfurt und Offenbach an Kunst, Kultur, Party und Spektakel aufboten.

Das konnte so etwas Kleines, Kurzweiliges sein wie zwei reich beringte und tätowierte Naturlederfreunde aus Frankfurt, die als furioses Bänkelduo mit Dudelsack und Trommel vor Offenbachs Ledermuseum klarmachten, dass Ekstase auch mitteleuropäisch sein kann (und die zudem noch locker über Frankfurts Fußballschicksal scherzen konnten).

Es konnte so etwas Verspieltes und gleichzeitig Erhabenes sein wie das Quartett „Vierfarben Saxophon“, das vor dem Altar im Kaiserdom Klassik und Moderne, Jazz und Pop zu einem transzendentalen Erlebnis machten. Da konnte kein Weihrauch mithalten. Dementsprechend gut gefüllt waren die Kirchenbänke. Es war ja auch eine angenehme Weise, einen spirituellen Raum zu erleben. Übers Gehör.

Es konnte sogar – vielleicht gar nicht so beabsichtigt – geschickt politisch werden, wo es keiner erwartete. Wenn die Antagon-Truppe den Archäologischen Garten mit flammenden Engeln und Tänzern anfüllte, Tausende sich darum drängelten, während sich plötzlich hysterische konsumgeile Stelzenwesen zur Invasion anschickten, und darüber unzweideutig klar wurde: Dort in dieser Nacht brauchte niemand ein irgendwie geartetes „Stadthaus“ oder sonstige Altstadt-Rekonstrukte. Die Leute in der Stadt wollen und brauchen Raum. Besser eine historisch bedeutsame Bühne wie der Archäologische Garten, den Antagon in eine fantastische Welt des Halbdunkels verwandelte. Oder das Kontrastprogramm dazu nur wenige Schritte weiter in der Schirn, die ihrem Ruf als einer der mutigen Kunsthallen einmal mehr gerecht wurde, als sie im Foyer per Video- und Toninstallation die Altstadt-Rekonstruktion als konzentrierte Attacke auf alle gesunden Menschensinne verdichtete. Zumindest wirkte das eindrückliche Gewitter so.

Dahinter dann das Caricatura-Museum der Komischen Kunst, in der eine bemerkenswerte Retrospektive des bemerkenswert bösartigen Zeichners Jean-Marc Reisers so viel Menschen anzog, dass es alsbald aufs Vortrefflichste müffelte in dem engen alten Haus. Reiser, dem nichts Menschliches fern war, hätte es geliebt.

Und dann durfte es auch schließlich einfach große Party sein. Beispielsweise im Museum für Kommunikation während des Auftritts von „Apparatschik“ (Taiga Tunes & Soviet Grooves), die die Masse zum Tanzen brachte – und ihr es doch auch ermöglichte, von der Tanzfläche zu den Exponaten fortzustreben.

Zu später Stunde strebte dann ein Herr am Museumsufer vorbei und sagte zu Freunden: „Ich dacht’, ich komm heut’ in den Genuss von ordentlicher Kunst.“ Ein Scherz, aber die Rüge muss dann doch sein: Ganz falsch, lieber Herr. Sie sind heute Nacht in den seltenen Genuss ganz außerordentlicher Kultur gekommen. Ordentliche Kultur gibt es jeden Tag in den Museen. Die kann man dann auch besuchen. Umso besser, dass die Museen eine Nacht lang ganz weit aus sich heraus gehen. Außerordentlich eben.

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