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Muslime in Hessen Wo der Extremismus anfängt

Wie weit dürfen Helfer in Hessen bei der Arbeit mit islamistischen Jugendlichen gehen? Ein Streitgespräch.

Extremismus in Hessen
Kein Konsens gefunden: Thomas Mücke vom VPN und Bloggerin Sigrid Hermann-Marschall. Foto: peter-juelich.com

„Ich mahne sehr konkret bestimmte Dinge an. Und dass ich die Leute, die es betrifft, dann nicht mitnehme, halte ich für einen positiven Effekt.“
Sigrid Herrmann-Marschall

Dafür, dass ein Streitgespräch ansteht, ist die Atmosphäre am Mittagstisch des persischen Restaurants in Frankfurt-Bockenheim beinahe gelöst. Thomas Mücke, Geschäftsführer des Violence Prevention Networks (VPN), hat an diesem Juni-Nachmittag einen kurzen Weg. Das Frankfurter Büro seines Vereins, der muslimische Jugendliche betreut, die in extremistische Strukturen abzugleiten drohen, befindet sich nur wenige Hundert Meter entfernt auf der Leipziger Straße. Jetzt sitzt er der Frau gegenüber, von der er mit Fug und Recht behaupten könnte, dass sie ihm und seinen Mitarbeitern in den letzten Monaten Probleme bereitet hat: Sigrid Herrmann-Marschall. SPD-Mitglied, Bloggerin und profilierte Beobachterin der islamistischen Szene im Rhein-Main-Gebiet.

Beide wollten sich treffen. Anlass sind die Extremismusvorwürfe, die Anfang des Jahres gegen zwei Mitarbeiter des VPN in Frankfurt erhoben wurden und die maßgeblich auf Veröffentlichungen Herrmann-Marschalls zurückgehen. Nun: Ein Gespräch mit offenem Visier. Es wird um die Frage gehen, wie weit bei Deradikalisierungsprogrammen die Kontakte zu Extremisten gehen dürfen. Wie konservativ der von VPN-Mitarbeitern gelebte Islam sein darf. Ein Gespräch, bei dem der anwesende Reporter öfter darum gebeten wird, Gesagtes „off the record“, also vertraulich, zu behandeln. Und bei dem am Ende nur eine Seite ihre Zitate freigeben wird.

„Diese strukturierte Zusammenarbeit über Monate hinweg deutet für mich auf eine eigene Haltung hin.“ Herrmann-Marschall

Bereits ein Jahr vor Bekanntwerden der Vorwürfe habe sie auf die umstrittenen Aktivitäten der VPN-Mitarbeiter aufmerksam gemacht, sagt Herrmann-Marschall. Im Kern geht es um die Zusammenarbeit einer Mitarbeiterin mit einem salafistisch beeinflussten Verein in Darmstadt und mit einer Einrichtung, die der islamistischen Muslimbruderschaft nahestehen soll. Ein anderer Mitarbeiter soll eine Konferenz des umstrittenen Predigers Abdallah ibn Baiya besucht haben, der ebenfalls der Muslimbruderschaft nahestehen soll. Für Herrmann-Marschall ein Hinweis, dass die VPN-Mitarbeiter selbst dieser extremistischen Strömung des politischen Islam anhängen.

Mücke weist darauf hin, dass es kaum eine Möglichkeit gibt, sich in der muslimischen Gemeinschaft zu engagieren, ohne in Kontakt mit Extremisten zu kommen. Das liege zum einen an der ihr eigenen Diskussionskultur, für die Werben für die eigene Position ausschlaggebend sei – nicht die Distanzierung von anderen. Mücke weist auch darauf hin, dass seine Mitarbeiter den Auftrag haben, Jugendliche aus extremistischen Strukturen zu lösen, und deshalb mit diesen in Berührung kommen müssen.

„Ja, aber da müssen sie als Demokrat doch die rote Linie ziehen, die dann für ihre Mitarbeiter gilt.“ Herrmann-Marschall

Von roten Linien war Anfang des Jahres viel die Rede. Wie säkular müssen VPN-Mitarbeiter sein? Dürfen sie selbst den Islam eher konservativ auslegen? Wenn sie Anhänger eines politischen Islam sind, wie sollen sie für die säkulare Gesellschaft werben?

Mücke verweist auf die Pluralität innerhalb seines Vereins. Frauen mit und ohne Kopftuch. Keine müsse sich rechtfertigen. Alle seine Mitarbeiter würden sich für Grund- und Menschenrechte starkmachen. Er kenne sie schließlich. Und nicht zuletzt hat die Überprüfung durch das Innenministerium ergeben, dass es bei beiden Mitarbeitern keine Anzeichen für eine extremistische Gesinnung gebe.

Herrmann-Marschall glaubt, dass diese Entlastung in erster Linie der Solidarisierung der VPN-Geschäftsführung und -Mitarbeiter mit den Betroffenen geschuldet sei. Das Ministerium habe den offenen Bruch gescheut, zumal man befürchtet habe, dass sich auch die Bundesarbeitsgemeinschaft gegen Extremismus solidarisiert. Sie spricht von einer Struktur, die im Zweifel auch problematische Inhalte durchdrücke.

An dieser Stelle tritt der Kern des Dissens zwischen Mücke und Herrmann-Marschall zutage. Für sie sind Kontakte und Umfeld der Mitarbeiter, so wie sie diese wahrnimmt, entscheident. Dabei seien mehrfach die vielbeschworenen „roten Linien“ überschritten worden. Mücke hingegen stellt auf die innere Haltung ab. Ob er denn auch verdächtig sei, die Ideologie der Muslimbruderschaft zu vertreten, möchte er wissen. Schließlich sei er berufsbedingt mit deren Vertretern auch schon indirekt in Kontakt gekommen.

„Wenn Sie alles mit dieser Argumentation auflösen wollen, dann ist alles bis fünf Minuten vor dem IS noch in Ordnung. Dann bilden wir eine schön Dialogkette, die erst kurz vor Dschihadi-John reißt.“ Herrmann-Marschall

Es ist ein Gespräch an dessen Ende kein Konsens zustande kommt. Fest steht nur eines: Beide werden mit ihrer jeweiligen Arbeit weitermachen. Und dabei zwangsläufig wieder aneinandergeraten. Einstweilen geht man auseinander – trotz allem respektvoll.    

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