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Musikinstrumente Hauptsache original

Detlef Alder verkauft im Maintaler Guitar Point einige der berühmtesten Gitarren der Welt. Demnächst ist er in einer Fernseh-Dokumentation zu bewundern.

Guitar Point
Gitarren, so weit das Auge reicht. Foto: Rolf Oeser

Nichts gegen Maintal-Bischofsheim. Einige der erstaunlichsten alten Eichen stehen dort im Wald, Gänse sind dort traditionell zu Hause. Aber wer, bitte schön, erwartet denn in dem Nest zwischen Hanau und Frankfurt den Gitarristen der legendären britischen Rockband New Model Army?

Detlef Alder. Der erwartet die Gitarristen der legendären Bands durchaus. Detlef Alder ist nämlich der Chef des Musikaliengeschäfts „Guitar Point“ in der Jahnstraße. Und wenn Marshall Gill, der Gitarrist der New Model Army, ein Problem mit seiner Gitarre hat und einen Auftritt im Aschaffenburger Colos-Saal, so wie am vorigen Freitag, dann fährt er zum Guitar Point. Denn da hilft ihm Detlef Alder. Und nicht nur ihm. Die ganz Großen an den Saiten halten einander im Hinterhof an der Jahnstraße praktisch die Ladentür offen.

Wobei „Musikaliengeschäft“ den Kern der Sache nicht wirklich trifft. Alder verkauft Gitarren. Man kann sagen: teure Gitarren. Auch ein paar Bässe, aber vor allem elektrische Gitarren. Alte bis sehr alte Gitarren. Pardon – Vintage-Gitarren, so lautet der richtige Begriff. Das sind sozusagen die Oldies.

Die Fernsehjournalistin Silke Klose-Klatte weiß viel darüber – so viel, dass sie im vorigen Jahr einen Film unter anderem im Guitar Point drehte. Er wird am 4. April um 20.15 Uhr im Hessen-Fernsehen ausgestrahlt, passend zum Auftakt der Musikmesse, und heißt „Erlebnis Hessen: Gitarrensound und Rock“. Zu sehen ist darin etwa der Topstar der Gitarrenszene, Joe Bonamassa aus Amerika, wie er eine rote Gitarre in Bischofsheim kauft – ja, der Joe Bonamassa, von dem schon eine andere Gitarre in der großen Vitrine des Guitar Points steht, eine ganz besondere Gitarre. Aber von dieser großen Vitrine soll erst später die Rede sein.

„Ich bin Musiker mit Leib und Seele“, sagt der 56-jährige Detlef Alder, „ich bin Gitarrenfreak.“ Das sprach sich schnell herum, als er in seinem Heimatort Bischofsheim begann, sich auch beruflich mit den Instrumenten zu beschäftigen. Gelernt hatte er Elektrotechnik, gearbeitet im Vertrieb, aber sein Herz gehört schon seit Kindertagen der Musik. Erst waren es die Keyboards, dann die Gitarren.

Und die blieben. Alder zeigt auf eine schwarze Gibson-Schönheit mit der Bezeichnung „B. B. King 80“ in einer kleinen Vitrine. Ein Sondermodell zum 80. Geburtstag des Blues-Gottes aus dem Jahr 2005. „Davon gab es insgesamt zwei, die B. B. King unterschrieben hat“, sagt er. „Eine spielte er bis zu seinem Tod.“ Die andere steht hier, in Maintal-Bischofsheim, im Guitar Point.

Alles begann im Jahr 2000. Ein Freund betrieb im Ort ein Musikgeschäft mit vollem Sortiment, Detlef Alder reparierte dort die Gitarren. Im ehemaligen Bischofsheimer Filmbühne-Kino, zwischenzeitlich Getränkemarkt, wurden Räume frei. Der Mann für die Saiten richtete sich zunächst nur im Hinterzimmer ein – ein Raum von geradezu grotesk kleinem Ausmaß, verglichen mit den heutigen Verhältnissen. Und doch brachte er darin Hunderte Gitarren unter, Gibson und Fender natürlich, die beiden begehrten Marken, dazu ausgesuchte kleinere Hersteller. „Alles Neuware seinerzeit“, erinnert er sich. Vintage, also die Oldie-Sparte, lief nebenher.

„Das ist die Gitarre, mit der Carlos Santana ,Samba Pa Ti‘ gespielt hat.“ Eines der berühmtesten Gitarren-Instrumentals. In den 70er und frühen 80er Jahren gab es keine Engtanz-Partys ohne „Samba Pa Ti“. Und mit dieser weißen Gitarre hat er …? „Ja, mit dieser Gitarre.“ Eine 1961er Gibson Les Paul Custom, SG-Modell. Vor zwölf Jahren verkaufte Santana das Stück an einen Sammler, vermittelt von Detlef Alder. Und als der neue Besitzer wiederum seine Sammlung auflöste, griff der Maintaler zu. In der Vitrine hängt das Echtheitszertifikat, daneben ein Foto des Stars mit dem Gerät. Für schlappe 35.000 Euro ist es zu haben. Erstaunlich eigentlich, dass die weiße Berühmtheit immer noch dort steht.

Im Guitar Point herrscht keine Eile

Aber im Guitar Point herrscht keine Eile, die Schätze loszuwerden. „Ich habe sowieso Tränen in den Augen bei jeder zweiten Gitarre, die hier rausgeht“, sagt der Mann mit dem schwarzen Zopf. „Eine gewisse Verliebtheit ist immer dabei.“

Jahrelang hat er seine besonderen Stücke auf der Frankfurter Musikmesse gezeigt, in einer Vintage-Show. Ein richtiges kleines Dorf entstand da regelmäßig, gemeinsam mit Kollegen etwa aus Hamburg. Alder brachte allein 400 Gitarren aufs Messegelände. „Das war schon ein guter Kracher, was wir da auf die Beine gestellt haben“, sagt er. Aber die Musikmesse hat sich verändert, die großen Aussteller bleiben fern. Inzwischen ist das Technik-Branchentreffen ProLight & Sound die Hauptangelegenheit im April, und die Messe der Musiker ist der Juniorpartner. „Als sie uns nur noch einen unmöglichen Standort angeboten haben, war es vorbei“, sagt Alder. „Die Musikmesse ist eigentlich tot.“ Vom „Ausstellersterben“ ist Jahr für Jahr die Rede. „Sie haben alles runtergeschrumpft.“ Inzwischen veranstaltet der Guitar Point schon seit Jahren seine eigene Vintage-Show in Bischofsheim mit bekannten Gitarristen und viel Zulauf.

Damals, als der größere Partner aus dem Musikgeschäft an der Jahnstraße ausstieg, überlegte Alder nicht lang und übernahm das ganze Gebäude. Da hatte er schon beschlossen, die neuen Gitarren sein zu lassen und nur noch auf die Oldies zu setzen. Ein mutiger Schritt, weit und breit ohne Beispiel. „Das Konzept ist europaweit einzigartig“, sagt er. Aber es ging auf. Aus der ganzen Welt kämen heute die Kunden mit dem Flieger, um sich die Bischofsheimer Vintage-Gitarren anzusehen. Und trotzdem stünden immer wieder Leute aus dem Nachbardorf in der Tür und rieben sich verwundert die Augen. So ein Laden – hier?

Er ist aber auch schön. Ein Paradies für Saitenfreunde. Draußen zwei überdimensionale Gitarren als weithin sichtbare Zeichen, natürlich Spezialanfertigungen. Beim Hereinkommen grüßt ein Ensemble aus glänzendem Harley-Davidson-Motorrad und riesigem Bisonkopf die Besucher. Eine stilisierte Zapfsäule, in der sich eine Gibson Corvette von 1995 dreht. Alte Werkzeugkisten, eine Theke aus Lautsprecher-Frontansichten, alles liebevoll selbst gebaut. Und dann – Gitarren, so weit das Auge reicht. Eine ganze Wand mit Gibson-Halbresonanz-Klassikern. Fender Stratocaster ohne Ende, zum Teil abgeschabt, als wäre die ganze Herde darübergetrappelt, ehe der Bison endgültig seinen Kopf verlor. „Der halbe Lack fehlt? Egal“, sagt Detlef Alder, „Hauptsache, die Teile sind alle original.“ Eine Neulackierung, das ist Gesetz in der Szene, senkt den Wert der Gitarre um die Hälfte.

Die Stratocaster, die der Chef jetzt von der Wand nimmt, ist aus dem Jahr 1954. Helmut Rahn und Fritz Walter wurden damals Fußball-Weltmeister, Leo Fender entwickelte zur gleichen Zeit das E-Gitarrenmodell, das bis heute den Spitzenplatz bei den Verkaufszahlen behauptet, Jahr für Jahr. Die Stratocaster, kurz Strat, kostete 120 Dollar, denn sie sollte eine günstige Alternative zu den Gibson-Produkten sein. Heute, abgeschabt, wie sie ist: 48 000 Euro. „Oben hab ich auch noch eine schöne, für 79.000.“

Aber – warum? Man kann sich jetzt, auf der Stelle, im Internet eine Fender Stratocaster kaufen, nagelneu und mit glänzendem Lack, für 700 Euro, eine ganz besondere für 1000. Warum kauft sich jemand das, Verzeihung, alte Ding für so viel Geld? Vor kurzem ging sogar eine für 100.000 Euro weg. Die hatte ein gewisser Bob Dylan gespielt. Okay. Das ist ein Argument.

„Gitarristen sind Sammler und Jäger“, sagt Detlef Alder. Und macht einen Einschub: Die Hölzer, aus denen Gitarren früher gebaut wurden, hätten mit den Materialien von heute nicht viel gemein. „Die wurden viel länger gelagert. Da wurde das Holz zum Teil in alter Familientradition gepflegt.“ Heute ist der Durchlauf viel schneller. Aber klar, das erklärt nicht die immensen Preisdifferenzen – auch unter Gitarren gleichen Baujahrs, die für Außenstehende genau gleich verranzt aussehen. „Da gibt es Riiiesenunterschiede“, sagt Alder und lacht, „da könnte ich ein Buch drüber schreiben.“ Die Drehknöpfe für Klang und Lautstärke, Potis genannt. Die Verarbeitung des Schlagbretts. Das Holz. „Man versucht, sich wieder dem höherwertigen Material anzunähern. Aber man wird nie wieder auf dieses Niveau kommen.“

Die Sammler, die sich eine Gitarre für – Achtung – 250.000 Euro im Guitar Point zulegen, die wissen das. Und die spielen die Gitarren auch. „Dass die reichen Säcke den Musikern die Instrumente als Kapitalanlage wegkaufen, das stimmt nicht.“ Fürs pure Investment sind Gitarren untauglich. „Es gehört Gefühl dazu.“ Einer stellte mal die Frage, was diese oder jene schöne alte Arbeit denn im nächsten Jahr wert sei. „Das hat wehgetan.“

So, wenn wir bei Gefühlen sind, dann ist es wohl Zeit für die Vitrine. Da stehen Gibson Les Pauls aus dem Jahr 1959. Da ist manches unverkäuflich, etwa das Signatur-Modell von Joe Bonamassa, das er dem Freund, Detlef, am Ende seiner Tour überließ. Aber es gibt auch Handelsware. „Da sprechen wir von 300.000 Euro.“ Nicht für alles zusammen wohlgemerkt – für eine Gitarre. Dekoriert ist das Ganze mit Plattenhüllen von Les Paul und Mary Ford, mit jahrzehntealten Fender-Prospekten, mit einer tollen Fender Telecaster im Paisley-Look und einer doppelhalsigen Gibson U-Harp-Guitar aus dem Jahr 1919 mit harfenartig angeordneten Saiten. „In Deutschland sagte man Schrammelgitarre dazu.“ Vor dieser Vitrine wird die Grenze zwischen Gitarrenladen und Museum durchlässig.

Marshall Gill, der Mann von der New Model Army, hat jetzt neue Tonabnehmer und frische Potis an seiner Gibson ES 335. Dem Auftritt am Abend im Colos-Saal steht nichts mehr im Weg. Voriges Jahr, als Weltstar Joe Bonamassa die rote Gitarre in Bischofsheim gekauft hatte, wie es im Dokumentarfilm am 4. April zu sehen sein wird, und als er dann sein umjubeltes Frankfurter Konzert spielte, da saßen die Leute vom Guitar Point in der zweiten Reihe. „Der Vorhang geht auf, er kommt raus – mit der roten Strat.“ One moment in time, hätte Whitney Houston vielleicht gesungen.

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