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Mülldeponie Solarpark auf dem Müll

Sieht aus wie ein Naherholungsgebiet, ist aber eine Altlast. Auf dem Gelände der ehemals größten Deponie Europas in Dreieich lagern 17 Millionen Tonnen Abfall.

Solarpark Dreeich
Ein Solarpark bedeckt rund 20 Hektar der ehemaligen Mülldeponie Buchschlag. Foto: Rolf Oeser

Unvorstellbar. So ruhig, wie es jetzt hier ist, der Wind weht sacht, Schmetterlinge flattern umher – nicht zu glauben, was einst hier los gewesen sein muss. 1500 Lastwagen, sagt Jürgen Böckling vom Umweltamt, Abteilung Umweltüberwachung, Sachgebiet Deponienachsorge, 1500 Lastwagen seien hier angerauscht. Täglich. „Die standen Schlange bis zur Schranke in Buchschlag.“ Und brachten: Müll.

Sieben Meter, kürzer ist so ein Laster ja auf keinen Fall. Sieben Mal 1500 – mehr als zehn Kilometer lang wäre die Reihe der Fahrzeuge gewesen, hätte man sie hintereinandergestellt, die alle nur dieses Ziel hatten: die Mülldeponie Dreieich-Buchschlag. Kein Wunder, dass der aus Hausmüll, Bauschutt und Erdaushub angehäufte Berg heute als größte Erhebung des Kreises Offenbach gilt. 50 Meter hoch ist er. Eigentlich 75, denn unter der Erde geht’s weiter mit der Deponie. Und wer oben draufsteht und die Aussicht genießt, den startenden Flugzeugen am Airport zusieht, der würde auch glauben, wenn jemand sagen würde, es seien 150 Meter.

In Sachen Abfall herrschten andere Zeiten, als 1968 der Monte Scherbelino in Frankfurts Stadtwald seine Kapazitätsgrenze erreichte. Mehr als 40 Jahre landete dort, was die Leute nicht mehr brauchten, dann war Schluss, aus, voll.

Eine neue Deponie wurde gesucht und in der Nachbarschaft gefunden. Fortan brachte nicht nur Frankfurt, sondern auch der Umlandverband seinen Müll nach Buchschlag.

Der wurde weniger, weil die Getrenntsammlung kam. Aber für die kilometerlange Lastwagenschlange reichte es noch. Bis 1992. Dann war auch in Buchschlag Schluss. Heute würde solch eine Halde gar nicht mehr genehmigt, heute sind Mülldeponien längst im ganzen Land verboten. Aus gutem Grund. Das erschließt sich aus dem immensen Aufwand, den die Stadt Frankfurt noch immer treibt, 25 Jahre nach der Stilllegung, um die Umwelt vor den Folgen zu schützen.

Schade für den normalen Sonntagsspaziergänger, dass er nicht auf den ehemaligen Müllberg darf. Frühere Frankfurter Buben erinnern sich noch gut daran, wie sie mit ihrem Opa vergnügt auf den Monte Scherbelino kraxelten, ehe auch das plötzlich verboten war. „Eine große Deponie ist eine große Altlast“, sagt Böcklings Kollege Andreas Müller, gleiches Amt, gleiche Abteilung, gleiches Sachgebiet. „So ein Gelände ist nicht geeignet für die Naherholung.“

Die Polizei fährt sogar regelmäßig Streife, um Zaunkletterer zu schnappen. Nicht nur wegen der Gesundheit. Auch wegen der Anlage.

Oben drauf, auf der einst größten Mülldeponie Europas, auf 17 Millionen Tonnen immer noch gärenden Drecks, steht seit 2012 ein riesiger Solarpark. Er bedeckt annähernd die Hälfte der insgesamt 40 Hektar Deponiefläche und erzeugt so viel Sonnenstrom, dass die Projektpartner damit 2000 Vier-Personen-Haushalte versorgen können. Diese Partner sind die Frankfurter Müllentsorgerin FES und die Stadtwerke Dreieich. „Damit sparen wir 5000 Tonnen CO2 ein“, sagt FES-Sprecher Michael Werner. Etwa 25 Prozent der Solarmodule gehören Dreieicher Bürgern. „Früher hatten sie die Lastwagen, jetzt haben sie den Profit“, sagt Jürgen Böckling.

Das war aber noch nicht alles, was der Müllberg kann. Weil es in seinem Inneren, wie erwähnt, gärt, und zwar nicht zu knapp, durchzieht ein System von Gasbrunnen und Gasrigolen das Gelände. Damit erntet der Betreiber Kohlendioxid, Methangas, Stickstoff und wandelt es am Fuße des Berges in Strom um. Mache alles in allem, gemeinsam mit der Solaranlage, Energie für 10 000 Menschen, rechnen die Experten zusammen.

In gar nicht so großer Ferne glitzert der Langener Waldsee. Regelmäßig kommen Zugvögel vorbei und rasten auf dem bewachsenen Müll, der zweimal im Jahr gemäht wird, damit das Gras nicht über die ganze Photovoltaik wächst. Früher, ohne die Sonnenkollektoren, hatten es Wildgans und Kranich noch komfortabler. Senckenberg-Forscher Andreas Malten ist regelmäßig vor Ort und beobachtet, was da fliegt. Dabei beobachten ihn ebenso regelmäßig die Greifvögel, denen man eigens Ansitze gebaut hat. „Die haben hier wunderbare Thermik und einen tollen Überblick“, schwärmt Müller. Einige Steinhaufen extra für Eidechsen gibt es auch.

Aber bevor der Müllhaufen noch in ein Naturparadies ausartet: „Wenn Sie hier ein Loch aufmachen, gast Ihnen alles raus“, sagt Andreas Müller. Es ist zwar weniger Gas als einst im Berg, aber immer noch genug, um die Vegetation abzutöten oder schwarz zu färben, falls mal ein Leck entsteht. Auch Stellen, an denen nur noch Schafgarbe wächst, deuten auf einen „Hotspot“ mit flüchtigem Gas hin, einen gerissenen Schlauch vielleicht. Eigentlich dürfte das nicht passieren; die gesamte Deponie ist mit einer 60-Zentimeter-Tonschicht und rund zwei Metern Erde abgedeckt – hauptsächlich, um das Eindringen von Wasser zu verhindern.

Untendrunter soll eine mächtige Unterlage aus Ton das giftige Gebräu davon abhalten, ins Grundwasser zu sickern. Es wäre ganz hilfreich, wenn das auch klappt, denn, so paradox es klingt: Auf dem Gelände der einst monumentalsten Mülldeponie des Kontinents befinden sich zwei Trinkwasserentnahmestellen. Zudem liegen Grund- und Sickerwasser unter dem Abfall im Dauerclinch dies- und jenseits einer 1984 eingebauten, 25 Meter tief in die Erde reichenden Dichtwand. Die unerwünschte Brühe wird abgepumpt ins Klärwerk nach Niederrad – durch Rohre, die einst das Gas ins Heizkraftwerk ableiteten, ehe die Stromerzeugung vor Ort losging.

Eine Million Euro im Jahr kostet die Nachsorge in Buchschlag, dasselbe noch einmal am Monte Scherbelino. Geld, das nicht aus Müllgebühren kommt, sondern aus eigens für diesen Zweck gebildeten Rücklagen. Warum bezahlt das die Stadt Frankfurt, wenn es doch eigentlich das Gebiet der Stadt Dreieich ist? Weil Frankfurt die Deponie führte. Insofern ist sie hier auch weiterhin zuständig. Und das wird noch ein Weilchen so weitergehen. „30 Jahre mindestens, eher länger“, schätzt Jürgen Böckling. Nicht ganz so lang, noch bis 2030, rechnen die Fachleute mit Strom aus dem Gas; ob es danach noch wirtschaftlich zu fördern sei: fraglich. Am Ende werden die Restvorkommen wie andernorts abgefackelt.

„Am Beispiel der Deponie Buchschlag wird deutlich, wie aufwendig und langwierig die Sicherung einer ehemaligen Deponie ist“, sagt Umweltamtsleiter Peter Dommermuth. Die Stadt sehe sich aber dazu verpflichtet – schließlich liege dort hauptsächlich der Frankfurter Hausmüll. „Wir bleiben so lange hier tätig, bis die Deponie keine Umweltgefährdung mehr darstellt.“

Und dann? Darf man dann endlich hinauf, die Aussicht genießen? Unwahrscheinlich. Am Monte Scherbelino im Stadtwald ist das Ende der Sanierung auch seit Jahren überfällig. Immerhin: Es gibt Führungen. Die Rhein-Main Solarpark GmbH bietet öfter mal einen Rundgang an, auch die Stadtwerke Dreieich laden hin und wieder ein. Aber das Interesse halte sich in Grenzen, sagen die Leute vom Umweltamt, der Monte Scherbelino sei deutlich stärker nachgefragt. Und mit einem Augenzwinkern: „Buchschlag ist offenbar noch nicht so richtig angekommen als südlichster Frankfurter Stadtteil.“

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