Lade Inhalte...

Mozhgan Noorzai Flucht vor den Taliban

Mozhgan Noorzai floh vor den Taliban aus Afghanistan. Nun lebt sie mit ihren Eltern und ihrer jüngeren Schwester in Wiesbaden. Ihre Perspektive ist aber unsicher.

23.06.2016 15:35
Mirjam Ulrich
Das befreite Lächeln von Mozghan Noorzai. Foto: Michael Schick

Vier Wochen nach ihrer Ankunft in Deutschland entschied Mozhgan Noorzai, das Kopftuch abzulegen. Die 22-jährige Afghanin trägt es nur noch, wenn sie in die Moschee geht und während des Ramadans. „Ich habe mich mit Kopftuch nicht gut gefühlt“, sagt sie. Außerdem riet ihr eine der älteren Schwestern dazu: „Sie meinte, das sei besser, wenn ich hier arbeiten oder nochmals studieren will.“ Die Schwester lebt seit elf Jahren in Wiesbaden, Mozhgan Noorzai kam Anfang Juni 2015 mit ihren Eltern und ihrer jüngeren Schwester Marjan nach Deutschland. Seit Ende Juli wohnen sie ebenfalls in Wiesbaden.

Sie stammen aus der Provinzhauptstadt Herat im westlichen Afghanistan, einer Gegend, die das US State Department schon 2014 zu den Provinzen mit der höchsten Anzahl gewalttätiger Übergriffe gegen Zivilisten und Sicherheitskräfte zählte. „Wenn wir morgens aus dem Haus gingen, wussten wir nie, ob wir abends wieder zurückkommen würden“, erzählt Mozhgan Noorzai in flüssigem Deutsch. „Meine Mutter hatte immer Angst um uns und unseren Vater.“ Der Major der afghanischen Armee arbeitete mit den Amerikanern zusammen. Etliche seiner Kollegen seien systematisch von den Taliban ermordet worden, berichtet die Tochter.

Attentate und Entführungen sind in Herat alltäglich. Kinder wurden sogar aus Schulbussen verschleppt und trotz Lösegeldzahlungen umgebracht. „Meine Schwester Marjan musste deshalb immer mit dem Taxi zur Schule fahren, das war natürlich sehr teuer, aber was blieb uns anderes übrig?“

Sie selbst konnte wegen der Taliban ihren Beruf nicht ausüben. An der Uni Herat studierte Mozhgan Noorzai Agrarwissenschaften, „wegen der guten Jobchancen“. Sie zählte zu den knapp neun Prozent Frauen an der Fakultät. Während des Studiums arbeitete sie bei zwei Hilfsorganisation: der deutschen Help und der dänischen Dacaar. Nach ihrem Bachelorabschluss sollte sie bei Dacaar ein Projekt zur Wiederaufforstung übernehmen, doch die Taliban machten das zunichte. Stattdessen erledigte sie Büroarbeiten. „Spätestens um 16 Uhr musste ich auch zu Hause sein, danach war es für Frauen draußen zu gefährlich.“

Traum von der Wohnung für die Familie

Vor den Taliban flohen die Noorzais früher schon mehrere Male in den Iran und einmal nach Pakistan. „Diesmal wussten wir nicht wohin“, erzählt Mozhgan Noorzai. Im Iran dürfen Afghanen nicht arbeiten oder zur Schule gehen, und in Pakistan sind ebenfalls Taliban aktiv. Blieb also Deutschland, wo bereits ihre drei älteren Schwestern mit ihren Familien leben.

„Anfangs war ich sehr nervös, ich konnte Englisch, aber kein Deutsch“, sagt die 22-Jährige. Jeden Tag ging sie in die Stadtbibliothek, um sich mit Youtube-Clips selbst Deutsch beizubringen. In einer Kirchengemeinde und an der Hochschule Rhein-Main bekam sie auch einige Stunden ehrenamtlichen Deutschunterricht. Seit vorigem November nimmt sie am Integrationsprojekt der IHK Wiesbaden teil. Auf dem Stundenplan stehen Deutsch, Mathe, Gesellschaftskunde, Berufsorientierung und drei Praktika. Gerade hat sie ein Praktikum bei einem Biotechnologieunternehmen in Wiesbaden absolviert, um den Beruf Kauffrau für Büromanagement kennenzulernen. Mozhgan Noorzai will eine kaufmännische Ausbildung machen, die erste Bewerbung ist schon verschickt.

Außer von einem Ausbildungsplatz träumt sie vom Führerschein und einer Wohnung für die Familie – mit ihren Eltern und der 16-jährigen Marjan teilt sie sich ein etwa 16 Quadratmeter großes Zimmer.

Neben der Enge macht ihr die ungewisse Bleibeperspektive zu schaffen: Der Asylantrag läuft noch. Sie versucht, nicht daran zu denken, konzentriert sich auf deutsche Vokabeln und Grammatik. Deutschland bedeute für sie Sicherheit und „Lebensfreiheit“, sagt die junge Afghanin, die gern Jeans trägt und joggen geht. „Hier kann man leben, wie man will, und niemand hat ein Problem mit einem.“

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Ankommen
Zur Startseite

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen