Lade Inhalte...

Moderne Bahnhöfe „Eine Visitenkarte für den Ort“

Lothar Reinhardt und weitere Künstler kämpfen für die Modernisierung der Bahnhöfe und gegen deren Verwahrlosung. Der Biebesheimer Künstler im Interview.

25.03.2013 21:28
Ist es fünf vor zwölf?: Der Biebesheimer Lothar Reinhardt macht auf den schlechten Zustand vieler Stationen aufmerksam. Foto: Joachim Storch

Lothar Reinhardt und weitere Künstler kämpfen für die Modernisierung der Bahnhöfe und gegen deren Verwahrlosung. Der Biebesheimer Künstler im Interview.

Die Ausstellung in Biebesheim über den drohenden Untergang eines Kulturguts ist vorbei. Doch das Problem der Verwahrlosung von Bahnhöfen bleibt aktuell. Jetzt könnte die Schau der Künstlergruppe um Lothar Reinhardt auf Reisen gehen.

Was haben Sie mit ihrer Ausstellung erreicht?

Allein zur Vernissage kamen mehr als 250 Leute. Wir sind in Kontakt mit Offiziellen gekommen, wie den Bürgermeistern, Parteienvertretern, politischen Entscheidern. Die Landtagsabgeordneten der Grünen haben eine kleine Anfrage an die Landesregierung gestellt, die wir mit entwickelt haben. Uns geht es um die grundsätzliche Situation der Bahnhöfe in Deutschland.

Warum sind viele Stationen so vergammeln?

Entscheidend scheint mir die absolute Intransparenz der Besitzverhältnisse. Die Zuständigkeiten sind sehr unterschiedlich. Es gibt die Investoren, die Bahn. Bei den Kommunen besteht viel guter Wille, doch da scheitert es meist am Geld. Auch das Land oder der Landkreis könnten sich beteiligen. Die meisten Bürger beschweren sich über die Bahn. Die kassiert ja von den Verkehrsverbünden pro Zughalt Geld.

Aber lediglich für die Nutzung des Bahnsteigs, nicht des Bahnhofgebäudes.

Aber der Bahnsteig ist nur ein kleiner Teil. Die Pendler wollen im Winter geschützt stehen, oder mal auf Toilette gehen. Die Zugänge zu den Bahngleisen sind auch ein Problem. Die Bahn ist nur an den großen Bahnhöfen interessiert, wo sie auch durch Verpachtung und Vermietungen Geld verdienen kann. An den kleinen hat sie kein Interesse.

Haben Sie Kontakt zur Bahn?

Es ist ganz schwer an die ranzukommen. Der Vorsitzende unseres Heimatvereins versucht es seit einem halben Jahr. Auch die Kommunen haben dieses Problem.

Was ist mit den Investoren, die den Biebesheimer Bahnhof mit anderen 1000 gekauft haben?

Sie haben sich verpflichtet, insgesamt 15 Millionen Euro zu investieren. Es gibt keine Zahlen, das kann man nicht so richtig kontrollieren. Offensichtlich ist, dass in die Bahnhöfe nichts investiert worden ist. Das sieht man ja.

Sie sind inzwischen Experte.

Naja, das wird immer undurchdringlicher, je tiefer man einsteigt.

Sind Sie auch auf positive Beispiele gestoßen?

In Mörfelden-Walldorf hat die Kommune das Grundstück und das Gebäude gekauft und mit Unterstützung des Landes, des Kreises und des Rhein-Main-Verkehrsverbunds eine Lösung gefunden, die von den Bürgern auch angenommen wird. Da gibt es jetzt ein Kulturzentrum, ein Bistro – also Angebote, die für einen Investoren uninteressant wären, weil er damit kein Geld verdienen kann. Wer so viel Geld hat, dass er eine Sanierung leisten könnte, der kauft sich eine Villa an der Bergstraße und keinen vergammelten Bahnhof. Wenn jemand von privatwirtschaftlicher Seite das macht, dann geht es ihm um irgendeinen dubiosen Deal.

Was ist mit dem Denkmalschutz?

Das Denkmalschutzgesetz verpflichtet Land und Kommunen, sich zu kümmern. Doch das ist sehr mühsam. Alle sehen die Entwicklung mit Sorge, aber keiner kümmert sich. Es ist ein Riesenaufwand, jedem auf die Füße zu treten. Anstoß ist auch manchmal eine Landesgartenschau oder der Hessentag. Da geht es plötzlich nicht allein um Wirtschaftlichkeit, sondern dass man sich einen schönen Bahnhof leistet, weil er eine positive Auswirkung auf das Umfeld hat.

Welche Bedeutung hat ein Bahnhof für Sie?

Er ist der Ort, wo ich meine Gäste empfange und verabschiede. Die erste Visitenkarte für den Ort. Trotz Individualverkehr bleibt er Start und Ziel für viele Reisende. Und es werden hoffentlich immer mehr.

Wie geht es weiter nach der Finissage?

Unsere Arbeiten wurden nicht speziell für den Biebesheimer Bahnhof gemacht, sondern beschäftigen sich allgemein mit der Bahnhofskultur. Wir könnten sie auch in anderen Gemeinden zeigen, um auf das identische Problem aufmerksam zu machen. Vielleicht gibt es auch die Möglichkeit, das Projekt in einer kleinen Dokumentation zu publizieren.

Ist eine Art Bürgerbewegung entstanden?

Wir haben jetzt erstmals den Stein ins Wasser geworfen. Jetzt zieht er seine Kreise. Viele Bürger haben unsere Fragebögen ausgefüllt, auf denen sie ihre Wünsche und Vorstellungen formulieren konnten. Damit wollen wir die politischen Entscheider konfrontieren – Bürgermeister, Landtagsabgeordnete. Wir haben an unseren Bundestagsabgeordneten geschrieben und die Denkmalschutzbehörde in Wiesbaden hat uns Gesprächsbereitschaft signalisiert. Es gibt schon viele Ansatzpunkte. Die müssen wir weiter kultivieren. Jetzt sind auch andere gefragt. In der nächsten Gemeinderatssitzung steht unser Bahnhof auch schon auf Tagesordnung.

Kann Kunst die Lebenswirklichkeit der Menschen verändern?

Kunst ist nichts Verborgenes für einen verregneten Sonntagnachmittag. Zu meinem Alltag gehört die Kunst und die Kunst ist im Alltag. Diese Selbstverständlichkeit ist vielen nicht so bewusst. Wir sprechen als Künstler Dinge an, die jeden betreffen. Das war unser Anliegen und das hat gut geklappt. Wir wollten nicht meckern, sondern etwas Konstruktives machen und wir hatten auch viel Spaß dabei. Letztendlich geht es darum, dass ein Bahnhof wieder Bahnhof sein muss. Ein Ort mit Tradition und einer großen Zukunft.

Das Interview führte Jutta Rippegather

Zur Startseite

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum