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Mittelhessen Angriff auf Asylbewerberheim gestanden

Vier junge Männer haben die Attacke auf ein Flüchtlingswohnheim im mittelhessischen Wohratal zugegeben. Sie seien aber nicht rechtsradikal oder ausländerfeindlich, sagten die Verdächtigen aus.

Menschen, die in Deutschland Asyl suchen, stoßen auf viele Ressentiments. Foto: dpa

Nach dem Überfall auf eine Flüchtlingsunterkunft im mittelhessischen Wohratal (Landkreis Marburg-Biedenkopf) in der Nacht zu Sonntag, haben vier junge Männer die Tat gestanden. Wie die Polizei am Montag mitteilte, seien die 18- und 19-Jährigen bereits am Sonntag vorläufig festgenommen und vernommen worden, „dank der vielfältigen Unterstützung und Mithilfe der Wohrataler Bürgerinnen und Bürger“.

Gegen die vier Männer werde weiter ermittelt. Als mögliche Straftatbestände stünden Sachbeschädigung, Landfriedensbruch und versuchte schwere Körperverletzung im Raum.

Die vier Auszubildenden waren am frühen Sonntagmorgen in die von rund 50 Menschen bewohnte Unterkunft im Ortsteil Wohra eingebrochen, hatten die Jalousien demoliert und im Hausinneren mehrere Türen eingetreten. Verängstigte Bewohner des Hauses alarmierten gegen 4.35 Uhr die Polizei. Verletzt wurde niemand, eine schwangere Frau wurde jedoch aufgrund der Aufregung kurzzeitig zur Beobachtung ins Krankenhaus gebracht.

Laut Polizeisprecher Martin Ahlich kommen zwei der Täter aus Wohra, die anderen beiden stammen aus dem Nachbarort Kirchhain. Nach anfänglicher Leugnung der Tat hätten sie wegen eindeutiger Beweise gestanden. Alle vier hätten jedoch abgestritten, „rechtsradikal, rechtsextremistisch oder ausländerfeindlich“ zu sein. Vielmehr hätten laut ihrer Aussage Alkoholgenuss und ihre „auf persönlichen Erlebnissen basierende gegenwärtige emotionale Stimmung“ zu der Tat geführt, sagte Ahlich.

Verbotener Gruß im Dezember

Vor dem Vorfall in Wohra habe es keine Kenntnisse über rechte Aktivitäten der Tatverdächtigen oder eine rechte Szene am Ort gegeben. Allerdings stehe mindestens einer der Männer unter Verdacht, im Dezember in einem Auto gesessen zu haben, aus dem im Vorbeifahren an dem Flüchtlingsheim verfassungsfeindliche Parolen gerufen worden sein sollen. Laut Ahlich wurde dabei auch „ein verfassungsfeindlicher, verbotener Gruß“ gezeigt. Das Bündnis gegen Rechts Marburg hatte in einer bereits am Sonntag verschickten Pressemitteilung einen Neonazi-Angriff vermutet.

Auch der parteilose Bürgermeister der 2500-Einwohner-Gemeinde, Peter Hartmann, drückte sich gegenüber der Frankfurter Rundschau deutlich aus: „Es spricht alles dafür, dass es sich um eine ausländerfeindliche Aktion handelt, die die Menschen in Angst und Schrecken versetzen sollte.“ Er sei schockiert über das, was in seiner Gemeinde passiert sei, sagte Hartmann und sprach von einem „sehr beschämenden Anblick“ am Tatort. In einer gemeinsamen Erklärung aller Fraktionen der Gemeindevertretung verurteilte er die Tat ausdrücklich. Sie treffe „Menschen, die aus Notlagen und Situationen der Verfolgung zu uns gekommen sind und Schutz und Hilfe gesucht haben.“

Solidarität mit Flüchtlingen

Die Täter müssten nun einer „gerechten und harten Strafe“ zugeführt werden. Dass Alkohol im Spiel gewesen sein soll, sei „keine Entschuldigung“. Seine Gemeinde zeige sich solidarisch mit den Asylsuchenden und werde alles tun, um sie zu unterstützen, betonte Hartmann.

Auch der Landrat von Marburg-Biedenkopf, Robert Fischbach, zeigte sich betroffen von der Tat und sicherte den Bewohnern der Unterkunft, wenn gewünscht, „psychiatrische oder seelsorgerische Betreuung“ zu. Weitere Solidaritätsadressen kamen etwa von der Grünen Jugend Hessen und vom Landesausländerbeirat. Dessen Vorsitzender Enis Gülegen sagte, „die schäbige und rassistische Diskussion“ über sogenannte Armutseinwanderung in den vergangenen Wochen zeige offenbar Folgen.

Die Unterkunft in Wohra beherbergt überwiegend Familien aus Afghanistan, Pakistan, Irak und Somalia. Gerhard Knöpfel, der vor 20 Jahren, als die ersten Flüchtlinge in den Ort kamen, den Arbeitskreis Asyl Wohratal ins Leben gerufen hatte, sagte, einen vergleichbaren Vorfall habe es dort seither nie gegeben.

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