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Milongas in Offenbach Tango mit DJ und Bier

Die Milongas im Offenbacher Kunstraum „Afip“ locken Tänzer aus ganz Rhein-Main an.

Offenbach
Tango, ganz locker: Leonie Müller und Jan Wirbeleit bieten Tangoabende in der Afip an. Foto: Renate Hoyer

Lutz Jahnke hat das Talent, Leute von der Straße zu fischen und in Minutenschnelle für seinen liebevoll zusammengezimmerten Kunstraum am Goetheplatz zu gewinnen. Genauer gesagt: für die „Akademie für interdisziplinäre Prozesse“ (Afip), wo er seit sechs Jahren Kultur und Gesellschaftsthemen vermengt – und gerne auch mal ordentlich feiert.

Einmal im Monat wird in der Afip seit April auch Tango getanzt. Zuletzt wieder am Donnerstag. Auch diesmal sind einige Passanten hängengeblieben. Plötzlich stehen sie sehr nah fast unbekannten Menschen gegenüber und beginnen, sich vorsichtig zur von Mansur Nazarli aufgelegten argentinischen Musik durch den Raum zu bewegen. „Milonga Libre“ heißen die Tangoabende in der Afip. Die Tangofans Leonie Müller und Jan Wirbeleit aus Frankfurt haben sie auf Jahnkes Anfrage hin im Frühjahr ins Leben gerufen.

Eigentlich ist eine „Milonga“ einfach ein Tanzabend, den es so oder so ähnlich mit seinen musikalischen und formalen Regeln in vielen Ländern der Welt gibt. Auch im Rhein-Main-Gebiet, wo an vielen Tanzschulen und in Vereinen Tango getanzt und gelehrt wird. Die Szene ist groß.

Warum also kommen zur „Milonga Libre“ Tangofreunde aus dem ganzen Rhein-Main-Gebiet? „So etwas Ungezähmtes wie die Afip gibt’s in der Gegend sonst nicht“, findet Leonie Müller. Jan Wirbeleit nennt die „Milonga Libre“ einen „kulturellen Abend mit Freunden“.

Und in der Tat: Die Leute tanzen versonnen, verschlungen, verträumt und vielleicht sogar verliebt – sie kommen aber auch ins Gespräch. Auch draußen, wo die im Offenbacher Nordend bekannte Sabine Süßmann bis spät in den Abend ihre improvisierte „Flamingo-Bar“ betreibt.

„Festgefahrene Strukturen“ habe sie in der Tangoszene vorgefunden, als sie vor einigen Jahren von Berlin nach Frankfurt gezogen sei, erzählt Leonie Müller. Zumindest im Vergleich zur Hauptstadt mit den vielen Milongas, wo man für kleines Geld mit – auch jungen – Leuten tanzt, Wein trinkt und plaudert. Darum gründete sie mit Jan Wirbeleit beim Frankfurter Turnverein 1860 am Zoo das „Tangolabor“, das es auch noch gibt.

Doch die beiden wollten mehr: einen offenen Raum für die Tanzabende. In Frankfurt wurden sie nicht fündig. Jahnkes umgebaute Schlecker-Filiale am Offenbacher Goetheplatz war mit der Nähe zur S-Bahn aber „Gold wert“, sagt Müller begeistert. Der Ort sei für sie eine kleine „Traumwelt“, wo man sich „auch mal fallen lassen“ und den Abend mit einer Flasche Bier im Freien ausklingen lassen könne.

Müllers und Wirbeleits Milongas spiegeln dabei auch das urbane Lebensgefühl wider, das die Menschen seit Jahren verstärkt in die Großstädte zieht. Ein banales Beispiel ist schon der Boden, der in der Afip aus Stein ist. Das sei ungewöhnlich, weil beim Tangotanzen in Deutschland häufig alles perfekt mit Schwingparkett ausgelegt sei, erzählt Müller. Dabei sei es „in Argentinien völlig normal, auf solchem Boden zu tanzen“.

Die beiden müssen es wissen – tanzen sie doch auf Milongas rund um die Welt. Beim Tango komme man auch ohne Sprachkenntnisse schnell in Kontakt mit den Menschen. „Ich kenne Leute, die gehen in Schanghai tanzen, ohne zu reden“, erzählt die Tänzerin. Tango sei international. Aber Körpersprache und -haltung brauche es natürlich, damit Kontakt zwischen Führenden und Geführten entsteht.

Wer welche Rolle übernimmt und wer zum Tanz auffordert, ist bei der „Milonga Libre“ grundsätzlich offen, ebenso wie Kleidung und Alter – wenngleich viele auch hier weiter das klassische Schema vom führenden Mann und folgender Frau bevorzugen. „Manche Frauen führen ausschließlich, weil es ihnen mehr Inspiration bietet“, erzählt Müller, die sich selbst aber auch gerne führen lässt. Beim Thema Emanzipation hinke Rhein-Main Berlin auf jeden Fall nicht hinterher. „Wir sind in Frankfurt schon ziemlich locker“, sagt sie. Und damit meint sie auch Offenbach.

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