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MeTwo in Hessen #MeTwo - der alltägliche Rassismus

Unter dem Hashtag MeTwo berichten Menschen mit Migrationsgeschichte von ihren alltäglichen Erfahrungen mit Rassismus und Diskriminierung in Deutschland. Was haben Sie selbst in Hessen erlebt?

Safiye Can
Die Lyrikerin Safiye Can. Foto: Peter Jülich

Wie sich später herausstellte, hatte tatsächlich der Filialleiter sich angemaßt, mich als Dieb darzustellen, weil ich auch Kunden in meiner Muttersprache betreut hatte. Auch Kolleginnen, die mich fragten „dein Mann hat doch bestimmt Handys, die er abschieben kann“ nehme ich als eine persönliche Beleidigung, zumal mein Mann Bauingenieur ist und nichts mit dem Handyhandel zu tun hat. Diese Klischees und Vorurteile sind die Basis von Rassismus.

Kaye Ree, Soulsängerin

Wenn ich privat unterwegs bin, trage ich die Haare in der Regel offen. Dann erkennt man meinen persischen Migrationshintergrund nicht unbedingt. Sobald ich aber ein Kopftuch anziehe, das ich eigentlich nur auf der Bühne trage und selten privat, merke ich schon, das ich anders behandelt werde.

Wenn ich mit offenen Haaren in S-Bahn oder Bus steige, ist alles ganz normal. Manche Leute lächeln mich an. Mit Kopftuch, auch wenn ich es nicht aus religiösen, sondern rein aus modischen Gründen trage, wird man anders behandelt, anders angeguckt. Gerade Männer behandeln dich dann anders. Ich kann mich nicht erinnern, jemals ganz offen rassistisch angegangen worden zu sein. Ich bemerke einfach die Blicke.

Pearl Hahn, Stadtverordnete der Linken in Frankfurt

Es ist lustig, wie manche Menschen soziale Grenzen einfach nicht beachten, wenn du als „anders“ deklariert wirst. Ich war vor einigen Jahren auf einer WG-Feier. Ich kam ins Gespräch mit einem Typen, der sich für mich als ganze Person interessierte. Die erste Frage lautete wie so oft: „Wo kommst du her?“ Mein Name, mein Beruf oder meine Interessen schienen nicht so wichtig zu sein.

Je nach Lust und Laune experimentiere ich mit meinen Antworten. Manchmal antworte ich: „Ich komme aus Frankfurt.“ Dies führt meistens zu weiteren Fragen und einer kleinen Odyssee in der Ahnenforschung. Es gibt so viele Ahnenforscher*innen, der Markt ist übersättigt! Manchmal erwidere ich mit der gleichen Frage und füge hinzu: „Nein, aber wo kommst du denn wirklich her?“ Manchmal erzähle ich eine richtig lange fiktive Geschichte oder liefere eine Erklärung, weswegen diese Frage nicht angebracht ist.

An diesem Abend hatte ich einfach keine Lust auf lange Exkursionen und habe Kenia gesagt. Ich dachte, damit würde der Typ zufrieden sein und mich in Ruhe lassen. Was danach geschah, hatte ich nicht erwartet. Er fragte: „Stimmt es, dass schwarze Männer große Penisse haben?“ Ich war verblüfft. Ich sagte: „Ja, klar! Die haben alle riesige Penisse! Ich habe sie ja schließlich alle gemessen und mit allen anderen Penissen der Welt verglichen. Aber weißt du was, ich urteile nicht anhand von Ethnie, Geschlecht, sexueller Orientierung, Religion oder sogar Größe! Ich urteile nur, ob Menschen Arschlöcher sind oder nicht. Und ich glaube, in dieser Hinsicht hast du ordentlich was in der Hose!“

Radost Bokel, Schauspieler

Die Leute, die nicht betroffen sind, sagen immer: „Heutzutage ist es doch kein Problem mehr, ein schwarzes Kind zu haben.“ Pustekuchen.

Mein Sohn ist neun Jahre alt und wir leben in Rodgau. Er wird er immer wieder von Kindern als Nigger bezeichnet. Und das in der Grundschule! Das finde ich ganz schlimm, denn die Kinder kommen nicht von allein auf solche Sprüche. Sie lernen sie von ihren Eltern. Ich bin natürlich gleich zur Schulleitung gegangen – das Thema wurde dann im Stuhlkreis besprochen.

Aber das ist eine Sache, die leider immer wieder auftaucht. Ich als Mama muss sehen, wie ich meinen Sohn stärke. Ich habe ihm beigebracht, dass man Menschen nicht nach dem Äußeren, sondern nach dem Herzen beurteilen soll.

Das schlimmste Erlebnis hatten wir vergangenes Jahr im Supermarkt. Mein kleiner Sohn nahm sich an der Selbstbedienungs-Theke einen Kreppel und biss gleich rein. Die Mitarbeiter dort kennen uns, und die meisten Eltern machen das auch so und bezahlen dann später an der Kasse. An dem Tag hat aber eine Kundin zu meinem Sohn gesagt: „Es ist nicht alles umsonst in Deutschland.“ Das hat so viel ausgesagt. Über mein Kind, über Deutschland. Ich habe sie zur Rede gestellt, sie hat nur rumgestottert. Dann lief sie weg und machte auch noch den Hitlergruß. Am meisten habe ich mich darüber geärgert, dass niemand im Supermarkt uns unterstützt hat.

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