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Menschenversuche in Hessen Als Jürgens Kopf erforscht wurde

Im hessischen Treysa wurde an Heimkindern experimentiert – mit schrecklichen Methoden.

Röntgenaufnahme eines Kinderschädels
Röntgenaufnahme eines Kinderschädels: Der Arzt Willi Enke hat an Heimkindern geforscht - und die Kinder wahnsinnigen Schmerzen ausgesetzt. Foto: privat

Jürgen war zehn Jahre alt, als ihm Doktor Willi Enke die Hirnflüssigkeit (Liquor) aus dem Kopf abließ, den Schädelraum mit Luft füllte und Röntgenbilder anfertigte. Es war der 4. Dezember 1957, und der Neurologe hatte kein schlechtes Gewissen wegen der Pneumenzephalographie, die er an Jürgen praktizierte. Im Gegenteil: Er präsentierte die Ergebnisse seiner Forschung an einem nordhessischen Heimkind in der Öffentlichkeit.

Jürgen ging ins sechste Schuljahr der Hilfsschule, als der Chef der Neurologie der Hephata-Anstalten in Treysa 1958 über ihn schrieb. Er galt als Kind mit „seelischer Entwicklungshemmung erheblichen Grades“. Ein verhaltensauffälliger Junge oder, wie er damals beschrieben wurde: „Gefährdung durch haltlose Unbekümmertheit und durch innere Aufladung zu expansiver Aggression. Deren Formen können wechseln; zu klären bleibt, ob hirnorganische Teilursachen dahinterstehen.“

Enke hat wohl an vielen Kindern geforscht 

Genau dafür galt Willi Enke als Spezialist. Er ging davon aus, dass weniger die Lebensumstände als Gehirnschäden das auffällige Verhalten von Menschen verursachten, bis hin zu kriminellem Verhalten. Enke hatte Erfahrung auf diesem Gebiet – aus der Nazizeit.

In Treysa konnte er seiner Tätigkeit weiter nachgehen, als leitender Neurologe von 1950 bis 1963. Dort durfte er an Kindern und Jugendlichen wie Jürgen forschen, mutmaßlich an Hunderten von ihnen. So referiert es jedenfalls einer seiner Mitarbeiter namens H. Henck im November 1954 bei einer Tagung des Bundeskriminalamts (BKA). Die Polizeibehörde erhoffte sich von der Medizin Erkenntnisse zur Bekämpfung der Jugendkriminalität. Enke habe „in den Anstalten Hephata bei Treysa über 400 Fälle von jugendlichen ,Schwererziehbaren’“ untersucht, anamnestisch, psychodiagnostisch, konstitutionell, neurologisch-psychiatrisch und zu einem großen Teil auch serologisch wie encephalographisch untersucht“, trug Henck vor.

Vergleichsuntersuchungen an mehr als 600 Schulkindern

Bei der Enzephalographie wird durch die Punktion mit einer langen Nadel zwischen zwei Wirbelkörpern Liquor abgelassen und Luft in den Rückenmarkskanal eingelassen. Durch Umlagerung des Patienten steigt diese Luft dann im Rückenmarkskanal auf bis in das Ventrikelsystem des Gehirns.

Hephata-Chef-Neurologe Enke sprach darüber bei der BKA-Tagung. Er wollte erforschen, warum traumatische Kindheitserlebnisse „bei der überwiegenden Mehrzahl der Kinder ohne merkbare Schäden verarbeitet und vergessen werden“, während andere Kinder psychisch auffällig würden. „Dieser Frage sind wir an dem großen Krankengut unserer nervös gestörten Kinder und Jugendlichen, die wir zum größeren Teil in stationärer und zum kleineren Teil in ambulanter Behandlung haben, systematisch nachgegangen“, berichtete Enke. Es habe Vergleichsuntersuchungen an mehr als 600 Schulkindern gegeben.

Kalt, nüchtern - unmenschlich

Jürgen musste möglicherweise nicht zum ersten Mal eine Pneumenzephalographie über sich ergehen lassen. In Enkes Fallbericht wird erwähnt, dass an Jürgen nach dessen Angaben „nach einer Mittelohroperation eine ,Gehirnoperation‘ duchgeführt worden“ sei. Er wäre nicht der einzige Heimzögling, der nie erfuhr, welche Operationen an ihm vorgenommen wurden.

Umso besser wusste das sein Arzt. In einem Aufsatz berichtete Willi Enke technisch nüchtern, was in Jürgens Kopf vorging: „Liquor-Luftaustausch 15/30 ccm. Wasserklarer, farbloser Liquor“, und so weiter.

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