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Meinungsfreiheit in Hessen Stimme erheben für die Redefreiheit

Marktrufer der Büchner-Bühne ziehen in Hessen über die Wochenmärkte der Region und werben mit historischen Texten für Redefreiheit.

Theateraktion
Am Hattersheimer Wochenmarkt mimen Oliver Kai Müller, Alexander Valerius und Melanie Linzer historische Figuren wie Martin Luther, Marie Juchacz oder Robbespierre. Foto: Michael Schick

Sie haben sich unter der großen Linde versammelt. Als das Marktvolk sich eingefunden hat, die Kirchturmglocke zweimal schlägt, da erheben sie ihre Stimmen. „Wo? Wo soll ich mich hinwenden bei der betrübten Zeit. An allen Orten und Enden ist nichts als Krieg und Streit.“ Mit dem Soldatenlied aus dem 18. Jahrhundert legen Melanie Linzer, Alexander Valerius und Oliver Kai Müller los. Dann singen die Schauspieler der Büchner-Bühne Riedstadt im Chor „Sah ein Fürst ein Büchlein stehn“, ehe sie rund eine halbe Stunde lang weitere historische Texte rezitieren, die sich um die Meinungs- und Redefreiheit drehen.

Die Aktion am Rande des Hattersheimer Wochenmarktes ist Teil des neuen Themenschwerpunkts „Meinungsfreiheit gestern und heute“ im schon länger laufenden Programm „Geist der Freiheit“, mit dem die Kulturregion Frankfurt RheinMain in den kommenden Monaten für das Grundrecht eintritt. Die „Marktrufer“ der Büchner-Bühne, die dieser Tage über die Wochenmärkte der Region ziehen, sind der Auftakt zum neuen Schwerpunkt.

„Widerrufen kann und will ich nichts!“, ruft Schauspieler Müller am Freitagmittag Worte des Reformators Martin Luther in die Hattersheimer Menge. Rund drei Dutzend Menschen haben sich zwischen Stadtbücherei und Buchhandlung – Orten des freien Wortes, also – versammelt.

Ab und zu rumpeln Marktkunden mit ihrem Einkaufstrolley übers Pflaster, am nahegelegenen Eierstand tuscheln sie und wenden die Köpfe. Ein junges Paar guckt vom Balkon über dem Eckcafé herab. Viele aber laufen einfach ungerührt vorbei, bahnen sich mit Rädern, Rollatoren, Einkaufskörben ihren Weg durch die Menge oder um den Lindenbaum herum, in dessen Zweige das örtliche Kulturforum bunte Bänder gebunden hat.

Die Frau als Freie und Gleiche im Parlament

Unter der Linde mimt Melanie Linzer gerade die Reichstagsabgeordnete Marie Juchacz, die einst die Arbeiterwohlfahrt gründete und im Februar 1919 zur Erlangung des Frauenwahlrechts sprach: „Es ist das erste Mal, dass in Deutschland die Frau als Freie und Gleiche im Parlament zum Volke sprechen darf.“

Die ausgewählten Texte, sagt Christian Suhr, künstlerischer Leiter der Büchner-Bühne, seien „ein Panoptikum von Szenen und Reden zum Thema Freiheit, von Luther bis ins 20. Jahrhundert.“ Sie auf Marktplätzen zu verlesen, schaffe einen spannenden „Kontrast zu den politischen Parteien, die aktuell überall um Meinung buhlen“. Am heutigen Samstag werde man in Darmstadt unweit der Bundesspitze der Linkspartei über den Wochenmarkt rufen.

Am Freitag in Hattersheim sind die Wahlkampfstände der Grünen und jener der AfD allerdings außer Hörweite der Marktrufer. Schade findet Suhr das, denn die Worte mancher AfD-Politiker ähnelten doch stark jenen aus der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft. „Das wird man doch wohl noch sagen dürfen“, sei „Nazi-Jargon“, sagt Suhr, und Schauspielerin Linzer betont: „Aber sie dürfen es eben sagen.“

Szenenapplaus hatte zuvor Müller eingefahren, als er in der Rolle des Sozialdemokraten Otto Wels gegen das Ermächtigungsgesetz der Nationalsozialisten von 1933 ansprach: „Wir stehen zu den Grundsätzen des Rechtsstaats, der Gleichberechtigung“, ruft Müller laut. Und dann zitieren die Büchner-Mimen noch aus der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte von 1789 und spielen Szenen aus Büchners „Dantons Tod“. Valerius in der Rolle des Legendre springt in die Menge und ruft: „Er muss sich erklären dürfen, wenn man ihn des Hochverrats anklagt.“ Weitere Worte, die aktueller nicht sein könnten, folgen: „Nur Spitzbuben appellieren an das Asylrecht“, tönt Müller in der Rolle des Robbespierre, gekontert von Legendre: „Nur Mörder erkennen es nicht an.“ Dann schmettern sie die Marsellaise in den trüben Septemberhimmel.

„Wir wollen Querverbindungen im Denken anbieten“, erläutert Intendant Suhr. „Dass die Leute vielleicht Analogien herstellen zur heutigen Zeit.“ Bei jenen, die bis zum Ende zugehört haben, scheint das zu geschehen. „Sehr aktuell“, findet Anita Kaleja die historischen Texte, die sie gehört hat. „Manche Fragen kehren einfach immer wieder. Was mich als Frau besonders berührt hat, war, die damalige Sicht der Frauen zu hören. Wie sie für ihre Rechte gekämpft haben“, sagt die 73-jährige Hattersheimerin mit Bezug auf die Juchacz-Rede.

Dass viele Menschen einfach an den Marktrufern vorbeigegangen seien, „mit so einem Desinteresse im Gesicht, ohne innezuhalten“, das habe sie ein wenig betrüblich gefunden. Sie selbst nehme aber viel mit aus der mittäglichen Intervention am Marktplatz: „Dass wir nicht still sein dürfen, dass wir unsere Stimme erheben müssen, auch wenn es anderen nicht passt. Das nehme ich mit: dass ich mutiger sein muss.“

Marga Schmitt-Reinhart, Grünenpolitikerin im Hattersheimer Magistrat, pflichtet ihr bei: „Mit Dingen, die es schon im 18. Jahrhundert gab, hinterfragen wir die heutige Zeit neu.“

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