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Mein Schreibtisch Frau fürs Schräge

In der Serie "Mein Schreibtisch": Anke Kuhl illustriert und schreibt Kinderbücher, die weder süß noch lieb sind. Von Anita Strecker

27.06.2009 00:06
Anita Strecker
Anke Kuhls Arbeitsplatz ist lebendiges Dokument, wie weit aktuelle Projekte gerade gediehen sind. Foto: Arnold

Zwei mal zwei Meter lang, 80 Zentimeter breit, auf Kisten und einen alten Schubladenschrank gelegt, fertig ist der Schreibtisch. Arbeitsstrecke würde besser passen. Eigentlich, waren die beiden Holzplatten ja mal als Mittagstafel für die neun Kopf strake Ilustratoren-Gemeinschaft "Labor" gedacht, die sich eine Altbau-Etage in der Mörfelder Landstraße teilt. Seit einiger Zeit aber bieten die Platten das, was Anke Kuhl, 38 Jahre alte Buchillustratorin, braucht: Platz.

Platz, um ihrer rasenden Lola Bananen und Apfelsinen um die Ohren fliegen zu lassen, oder um lila Frauen mit Handtaschen umzunieten, dass die im Sturzflug hinter Hausecken verschwinden. Platz, um drei Füchse im Sauseschritt übers Feld jagen zu lassen, dass Hühnchen und Hähnchen mit fliegenden Federn fliehen.

Bilder über Bilder, Skizzen, Tuschezeichnungen, großflächig koloriert je mehr ein Projekt voranschreitet, desto mehr verschwinden die Arbeitsplatten unter Papierbergen. "Am Ende ist kein Zentimeter mehr zu sehen." Zierlich, mit hochgesteckten Haaren sitzt Anke Kuhl in ihrem Reich und lacht. Wenn alles verschwindet, ist auch von ihr nicht mehr viel zu sehen. Dann ist sie abgetaucht in die Welt ihrer Geschichten und Fantasie, die weder Hemmungen noch Grenzen kennt.

Anke Kuhl ist keine, die kulleräugige Mäuschen malt. Sie malt Eigenbrötler, schrullige Gestalten und krasse Tiere, lässt Blumen als wilde Ornamentik über die Seiten ranken, verschiebt Perspektiven, setzt die Schwerkraft außer Kraft. Sie malt und zeichnet nicht gefällig, sagt Anke Kuhl über sich. Aber sie gefällt. Kindern, die mit wachen Augen immer neue Details entdecken, Erwachsenen, die sich begeistern lassen von der zeichnerischen Qualität und Kuhls Witz, der so schräg und rasend komisch daherkommt, dass man sich vor Lachen kaum einkriegt.

Ihre Bilder sind nie "nur" Illustrationen zum Text, sondern immer Kunst, die jedem Buch ihren Stempel aufdrückt und die der 38-Jährigen im auftragsreichen Alltag manchmal zu kurz kommt. Immerhin, einmal im Jahr bittet die Laborgemeinschaft zur Ausstellung. Schaulaufen der eigenen Ideen. Trotzdem. Sie wollte nie freie Künstlerin sein, sagt sie. Sich nicht inszenieren müssen, wie in der Szene oft üblich. "Das ist überhaupt nicht mein Ding." Schon mit 15 war ihr klar, dass sie Illustratorin wird. Bloß wie? Ahnungslos studierte die Frankfurterin, erst mal Kunstpädagogik, schließlich freies Malen und Zeichnen in Mainz, ehe sie in der Hochschule für Gestaltung in Offenbach angekommen war.

Sie kann beharrlich sein. War es auch beim Start ins Berufsleben: "Ich wollte nie allein im stillen Kämmerchen arbeiten." So hat sie blind 100 Illustratoren angeschrieben und gefragt, ob sie Interesse an einer Bürogemeinschaft hätten. Sich austauschen, inspirieren, Kontakte knüpfen, gemeinsam stärker sein war die Idee. Und so fanden sie zusammen, Philipp Wächter, Monika Port, und alle anderen. Bei ihrer Eröffnungsausstellung vor zehn Jahren war Eva Kutter vom Fischer-Schatzinselverlag gleich von Kuhls Abzählreim-Kreationen begeistert. Ene, mene, muuh Kuhls Erstlingswerk war gleich ein Volltreffer. Fischer, Carlsen-Verlag, 2003 ein Stipendium in Trosdorf, bei dem Anke Kuhl ihr Buch "Cowboy will nicht reiten" geschafft hat. Ihr Sohn war damals gerade zwei und daheim bei Papa. "Ganz schön hart." Inzwischen gibt es noch die vierjährige Julie, weitere Bücher und die Gewissheit, den tollsten Arbeitsplatz zu haben. Im Moment ist er ziemlich überschaubar, das Projekt, eine neu bearbeitete Odyssee zu illustrieren, steckt erst in den Anfängen. Aber nicht mehr lang.

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