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Medikamententests in Hessen Test an Kindern in Frankfurt

Eine Wissenschaftlerin findet einen Hinweis, dass in den 60er Jahren auch in einem Frankfurter Kinderheim die damals noch neue Polio-Impfung getestet wurde. Jetzt stellen sich neue Fragen.

Polio-Impfung in Syrien
Die Polio-Impfung - hier in Syrien- ist heute ein Standardschutz für die meisten Kinder. (Symbolbild) Foto: Reuters

Bei der Erforschung von Medikamentenversuchen an Heimkindern führt erstmals eine Spur nach Frankfurt. „Das war tatsächlich neu“, sagte die Pharmakologin Sylvia Wagner der Frankfurter Rundschau am Freitag.

Wagner hatte tags zuvor im Sozialausschuss des Landtags berichtet, dass es Begleituntersuchungen zur damals neuen Polio-Impfung 1962 nicht nur in zwei Marburger Heimen gegeben habe, sondern auch in einem Frankfurter Heim. Dabei seien die Kinder geteilt worden in eine Gruppe mit Geimpften und eine Gruppe mit nicht Geimpften, um eine mögliche Wirkung der Impfung auf nicht geimpfte „Kontaktkinder“ zu untersuchen.

Nach Einschätzung der Wissenschaftlerin Wagner handelte es sich damit nicht bloß um die Vergabe eines zugelassenen Impfstoffs, sondern um eine Studie, für die eine Zustimmung der Kinder oder ihrer Erziehungsberechtigten notwendig gewesen wäre. Aus ihrer Sicht ist fraglich, ob diese eingeholt worden sei.

Um welches Frankfurter Heim es sich handelte, gehe aus ihren Unterlagen nicht hervor, sagte die Forscherin der FR. Den Hinweis hatte Wagner nach eigenen Angaben im Bundesarchiv Koblenz gefunden. Dort sei das Protokoll einer „Sitzung der Leiter der virologischen Untersuchungsstellen“ erhalten, die am 28. Dezember 1962 „auf Einladung des Vereins zur Bekämpfung der Kinderlähmung“ in Frankfurt stattgefunden habe. Bei dieser Zusammenkunft habe der Leiter des Hygiene-Instituts Frankfurt, Professor May, von der Untersuchung in einem Frankfurter Heim berichtet.

Neue Hinweise über Medikamententests in Kinderheimen in früheren Jahrzehnten sind möglicherweise auch aus Gießen zu erwarten. Dort erhofft sich Professor Volker Roelcke Erkenntnisse bei der Durchsicht von Patientenakten eines „relativ großen Heims für Gießen und Umgebung“, in die er seit wenigen Tagen Einsicht nehmen könne. Der Medizinhistoriker war von der Gießener Universität mit den Recherchen beauftragt worden. Zuvor war bekannt geworden, dass 1959 ein Test-Medikament der Firma Merck für einen Arzt der Uniklinik bestellt worden war.

Die Landtagsfraktionen denken darüber nach, wie die Aufklärung fortgesetzt werden kann. In der Anhörung hatte sich gezeigt, dass viele Akten nach fünf bis sechs Jahrzehnten nicht mehr erhalten sind. Abgeordnete wie Experten regten an, dass der Umgang der staatlichen Heimaufsicht mit Medikamententests ergründet werden könnte. „Ich glaube, dem müssten wir nachgehen“, sagte Gerhard Merz (SPD). Sozial-Staatssekretär Wolfgang Dippel (CDU) kündigte an: „Das nehmen wir als Anregung mit.“

Der Grüne Marcus Bocklet verkündete: „Mit der heutigen Anhörung ist das Thema für uns in Hessen nicht abgeschlossen.“ Unabhängig von der Rechtslage seien Impf- und Medikamententests an Kindern „ethisch verwerflich“.

Der Verein „Ombudsstelle für Kinder- und Jugendrechte in Hessen“, hinter dem unter anderem die Wohlfahrtsverbände stehen, betonte, nicht nur Pharmaunternehmen, Ärzte und Einrichtungen müssten zur Rechenschaft gezogen werden. „Auch die Verantwortlichkeiten bei Behörden auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene müssen untersucht und offen benannt werden“, sagte Vorstandsmitglied Stefan Hißnauer. „Wir verurteilen das Vorgehen der damaligen Beteiligten aufs Schärfste und fordern eine umfassende Aufklärung der Geschehnisse“, fügte er hinzu.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Medikamententests

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