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Medikamententests in Hessen Landtag geht Arzneitests nach

Heute beginnt im Hessischen Landtag die Anhörung des Sozialausschusses über mögliche Medikamentenversuche an Heimkindern in Hessen. Der Termin ist öffentlich.

Hephata-Diakoniezentrum Treysa
Eine Ärztin der Hephat-Diakonie bestellte 1957 im nordhessischen Treysa bei der Firma Merck das umstrittene Medikament Decentan. Ob es damals für Versuche genutzt wurde, ist noch ungeklärt. Foto: Boris Roessler (dpa)

Der Hessische Landtag will sich Klarheit darüber verschaffen, inwieweit in früheren Jahrzehnten Medikamente an hessischen Heimkindern getestet wurden. Am heutigen Donnerstag stellen sich Vertreter von Einrichtungen, Pharmaindustrie, Ärzteschaft, Betroffenenverbänden und aus der Forschung im Sozialausschuss den Fragen der Abgeordneten.

Eingeladen wurde auch die Pharmakologin Sylvia Wagner aus Nordrhein-Westfalen. Sie hatte in einer bundesweiten Studie nachgewiesen, dass nicht zugelassene Medikamente an Kindern in Heimen ausprobiert wurden. Zugleich hatte sie über teilweise schwere gesundheitliche Folgen der jungen Probanden berichtet.

Dabei hatten sich Hinweise auf Tests in Hessen ergeben. So hatte eine Ärztin der Hephat-Diakonie im nordhessischen Treysa im Dezember 1957 bei der Firma Merck das umstrittene Medikament Decentan bestellt. Bisher seien keine Beweise dafür gefunden worden, dass es für Versuche benutzt worden sei, teilte der Verband mit.

Wagner hatte in den Archiven der hessischen Pharmaunternehmen Merck und Behring recherchieren können. Diese und weitere Medikamentenhersteller sind zu der Anhörung eingeladen. Ihr Kommen angekündigt haben Vertreter der Diakonie und der Caritas, die zu den Trägern von Kinderheimen zählen.

Mehrere Heime gehören dem Landeswohlfahrtsverband an. Dessen Sprecherin Elke Bockhorst sagte der FR, von 2011 bis 2013 hätten Wissenschaftlerinnen der Uni Kassel jede vierte vorliegende Heimkinder-Akte durchforstet und Zeitzeugen-Interviews mit ehemaligen Heimkindern und Beschäftigten geführt. „Einen Hinweis auf Tests mit nicht zugelassenen Medikamenten an den Kindern und Jugendlichen gab es nicht“, teilte die Sprecherin mit. Allerdings habe sich gezeigt, dass Eltern und Kinder nicht beteiligt worden seien, wenn es um erzieherische oder therapeutische Maßnahmen ging.

Bekannt sei dem Landeswohlfahrtsverband, dass Psychopharmaka als Beruhigungsmittel verabreicht worden seien. Eine frühere Bewohnerin des Idsteiner Kalmenhofs hatte berichtet, dass sie täglich 30 Milligramm Valium erhalten habe. Man müsse davon ausgehen, dass das kein Einzelfall gewesen sei, sagt Bockhorst.

Auch Betroffene sollen im hessischen Sozialausschuss zu Wort kommen. Eingeladen sind Heidi Dettinger, die Vorsitzende des bundesweiten Vereins ehemaliger Heimkinder, und Helfried Gareis von der Selbsthilfegruppe ehemaliger Heimkinder in Frankfurt.

Gareis geht höchst skeptisch in die Anhörung. „Die ehemaligen Heimkinder können gar kein Vertrauen in die Aufarbeitung des Skandals durch den Hessischen Landtag aufbringen“, lässt er wissen. „Das ergibt sich zwangsläufig aus der misslungenen Aufarbeitung am Runden Tisch in Berlin.“ Der Runde Tisch Heimerziehung unter Leitung der früheren Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer hatte 2010 seinen Bericht vorgestellt und Hilfszahlungen festgelegt.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Medikamententests

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