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Medikamententests Arzneitest-Spur führt nach Gießen

Neue Erkenntnisse über Medikamententest an Kindern: Das Merck-Präparat „H 502“ soll 1959 von einem Psychiater der Uni Gießen für Versuche bestellt worden sein.

Die Merck-Fabrik Ende des 19. Jahrhunderts. Foto: Merck-Archiv

Bei den neuen Erkenntnissen über Medikamententest an Kindern in den 1950er und 1960er Jahren führt eine Spur nach Gießen. Das geht aus dem Forschungsbericht der Pharmakologin Sylvia Wagner hervor, die bereits Hinweise auf die Erprobung eines starken Beruhigungsmittels an Kindern im nordhessischen Treysa beigebracht hatte.

Bei der Firma Merck soll im Jahr 1959 ein noch nicht marktreifes Medikament mit dem Testnamen „H 502“ für die Nervenklinik der Universität Gießen bestellt worden sein, berichtet die Wissenschaftlerin. Sie stützt sich dabei auf einen internen Bericht des Unternehmens, den sie bei ihren Recherchen im Firmenarchiv einsehen konnte.

Danach wurden „Muster von H 502“ für den Gießener Arzt Hans Heinze geordert. Das Test-Präparat sollte gegen Kreislaufschwäche, Erschöpfungszustände und die so genannte Schlafkrankheit (Narkolepsie) helfen. Anders als bei weiteren Test-Medikamenten hat Wagner aber nicht herausgefunden, ob Heinze das Präparat an Testpersonen ausprobiert hat und welche Nebenwirkungen es hatte. In anderen Fällen hatte sich gezeigt, dass Medikamente anscheinend ohne Einverständnis der Betroffenen ausprobiert worden waren.

„Der Sachverhalt ist uns neu“, sagte die Sprecherin der Gießener Justus-Liebig-Universität, Caroline Link, der Frankfurter Rundschau auf Anfrage. „Aussagen dazu, ob und in welchem Umfang es an der Universitäts-Nervenklinik Gießen die beschriebenen Versuche gegeben hat, sind uns derzeit nicht möglich.“ Man nehme die Hinweise zum Anlass, in Archiven zu recherchieren und sich ein Bild zu machen. Das dürfte „viel Zeit in Anspruch nehmen“, erwartet die Uni-Sprecherin.

Merck wies darauf hin, dass die derzeit diskutierten Tests mehr als 50 Jahre zurücklägen und die Gesetzeslage damals eine andere gewesen sei. „Die große Mehrzahl der klinischen Studien fand in der Zeit, um die es hier geht, in Zusammenarbeit mit (Universitäts)-Kliniken und niedergelassenen Ärzten statt“, machte Merck-Sprecher Gangolf Schrimpf deutlich.

Haupttäter der Euthanasie

Der Gießener Psychiater Hans Heinze war Sohn eins Vaters mit dem gleichen Namen. Heinze senior hatte das Präparat in dem Schreiben an Merck für sich und für seinen Sohn geordert. Anfang der 1960er Jahre soll der Sohn von Gießen an die Jugendpsychiatrische Klinik des Niedersächsischen Landeskrankenhauses Wunstorf gewechselt sein.

Diese Einrichtung leitete Heinze senior von 1954 bis zur Pensionierung 1960, obwohl er als einer der Haupttäter bei der Ermordung von behinderten Kindern im Nationalsozialismus galt. Vater Heinze war einer von drei Gutachtern des „Reichsausschusses zur wissenschaftlichen Erfassung erb- und anlagebedingter schwerer Leiden“, der entschied, welche Kinder umgebracht wurden.

Nach dem Tod ihrer Opfer forschten die Ärzte an den Gehirnen der Kinder. Nach einem Bericht des Magazins „Der Spiegel“ brachte Heinze-Mitarbeiter Julius Hallervorden die Gehirnsammlung 1944 nach Dillenburg. Nach dem Krieg habe Hallervorden sie ins Gießener Max-Planck-Institut für Hirnforschung mitgenommen, wo er Abteilungsleiter geworden sei und weiter an Gehirnen der Ermordeten geforscht habe.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Medikamententests

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