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Masernfälle in Hessen Leichtes Spiel für Masern

2017 könnte ein Jahr mit vielen Masernfällen werden, befürchtet das Robert Koch-Institut. Das Virus ist keine bloße Kinderkrankheit - auch wenn es zuletzt besonders in hessischen Schulen für Aufregung gesorgt hat.

19.02.2017 13:49
Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte spricht sich seit Jahren sogar für eine Masern-Impfpflicht vor dem Eintritt in öffentliche Einrichtungen aus. Foto: dpa

Ein genauer Blick in den Impfpass gibt Gewissheit: Die zweite Masernimpfung verspricht Schutz vor der hochansteckenden Krankheit. Ob der Impfschutz reicht, haben die Gesundheitsämter auf Basis des Infektionsschutzgesetzes an hessischen Schulen überprüft, an denen das Virus ausgebrochen war. Wer nicht als immun galt, musste vorerst zu Hause bleiben. 2017 - so befürchtet Dorothea Matysiak-Klose vom Robert Koch-Institut - könnte wieder ein Jahr mit mehr Masernerkrankungen werden.

Zwei Frankfurter Schulen und eine Berufsschule in Hofheim schlossen Hunderte Schüler und Lehrer vom Unterricht aus, da ihr Impfschutz nicht ausreichte oder ihr Immunstatus unklar blieb. Seit Mitte Januar steckten sich mehrere Menschen in Frankfurt, im Hochtaunus- und Main-Taunus-Kreis sowie im Lahn-Dill-Kreis mit Masern an. Am Wetzlarer Klinikum wurden Mitte der Woche zwei Masernfälle bekannt. Dem Sozialministerium liegen bisher 27 Fälle aus Hessen vor, wie ein Sprecher bestätigte.

Dorothea Matysiak-Klose verweist auf mehrere Masernherde, die seit Jahresbeginn nicht nur in Hessen, sondern deutschlandweit ausbrachen. 43 Masernfälle seien bislang gemeldet worden, im gesamten Vorjahr waren es 324. Die Expertin für Impfprävention warnt «vor einem erhöhten Risiko, sich dieses Jahr mit Masern anzustecken».

Insgesamt hätten in den vergangenen Jahren aber «die steigenden Impfquoten zum Erfolg» geführt, sagt Matysiak-Klose. Die Krankheit breche jedoch trotzdem immer wieder aus. Besonders in Ballungsräumen hätten es die Masernviren leicht, weil auf eine hohe Bevölkerungsdichte auch eine potenziell höhere Zahl an Menschen komme, die keinen Schutz gegen Masern haben. Ein unzureichender Impfschutz entstehe unter anderem, wenn Kinder und Erwachsene die zweite Masern-Impfung verpassten.

Eine erste Impfung gegen Masern empfiehlt die Ständige Impfkommission (Stiko) bei Kindern schon ab dem dem elften bis fünfzehnten Monat. Um eine «zusätzliche Absicherung für einen optimalen Impfschutz» zu erreichen, rate die Stiko zu einer zweiten Impfung, erläutert Matysiak-Klose. Denn auf die erste Impfung reagiere das Immunsystem nicht immer ausreichend. Kinder bekämen die zweite Impfung oft «zu spät, also nicht bis zum zweiten Lebensjahr».

«Die Gründe für eine fehlende Masernimpfung sind vielfältig», sagt Barbara Mühlfeld, Sprecherin des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte in Hessen. Impfkritiker halten Masern für eine harmlose Kinderkrankheit, die in der Regel ohne Komplikationen verlaufe, und bezweifeln die Wirksamkeit einer Impfung. Viele Argumente von Impfgegnern stehen in Widerspruch zu den Einschätzungen wissenschaftlicher Fachgesellschaften und der Stiko.

Mangelnden Impfschutz gebe es aber nicht nur bei Impfgegnern, sagt Mühlfeld. Die Kinderärztin beobachtet, dass viele Eltern unsicher seien, sie informierten sich im Internet und ließen sich von den Argumenten der Impfgegner irritieren. «Sie wollen nur das Beste für ihre Kinder», sagt Mühlfeld. «Sie wissen oft nicht, wem sie glauben sollen.» Mühlfeld möchte verunsicherte Eltern «nicht ausschließen und ihnen den Druck nehmen». Schließlich seien die Väter und Mütter verantwortlich: «Sie entscheiden, ob ihre Kinder geimpft werden.» Mühlfeld hält es deshalb für notwendig, beispielsweise auch an Schulen stärker über Impfungen aufzuklären. «Die Entscheidung zum Impfen bleibt ja eine individuelle.»

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte spricht sich seit Jahren sogar für eine Masern-Impfpflicht vor dem Eintritt in öffentliche Einrichtungen aus. Besonders an Schulen und Kitas sei eine Impfpflicht zum Schutz aller sinnvoll, sagt Mühlfeld. 2015 war während einer Masern-Epidemie in Berlin über eine Impfpflicht diskutiert worden. Daraufhin wurde eine verpflichtende Impfberatung vor dem Eintritt in Kitas eingeführt.

Den Aufklärungsbedarf hätten die Länder längst erkannt, sagt Matysiak-Klose und verweist auf Kampagnen wie «Deutschland sucht den Impfpass» der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Doch Masern gelten immer noch als Kinderkrankheit und würden gerade von jungen Erwachsenen oft unterschätzt. Nach Berichten über Maserntote gingen die Impfzahlen dagegen hoch.

Der Tod der kleinen Aliana aus Bad Hersfeld schockierte erst im vergangenen Jahr Millionen. Die Sechsjährige war an einer chronischen Masern-Gehirnentzündung SSPE (Subakute sklerosierende Panenzephalitis) als Spätfolge des Virus gestorben.

Alianas Mutter war durchs Raster gefallen, als vor Jahrzehnten zum Teil nur unzureichend oder gar nicht geimpft wurde. So entstanden sogenannte Impflücken, die auch für Kinder zum Verhängnis werden können. In den ersten Monaten können Mütter ihre Kinder vor Masern und anderen ansteckenden Krankheiten bewahren - allerdings nur, wenn sie selbst Antikörper haben, weil sie geimpft wurden oder eine Masernerkrankung hatten. (dpa)

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