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Man muss der Erste sein

Die Leica Galerie zeigt Fotografien von Jürgen Schadeberg, dem Chronisten der Apartheid

05.07.2008 00:07
VOLKER MAZASSEK

Als die Einführung vorbei ist, in der davon die Rede war, dass "kein Fotograf den südafrikanischen Fotojournalismus mehr geprägt hat", dass er "das Lebensgefühl einer Generation" widergespiegelt und einen ganz eigenen Magazin-Stil entwickelt habe, da holt der Geehrte kurz Luft und lächelt. Dann sagt Jürgen Schadeberg: "Der Schadeberg hört sich ja ganz interessant an." Die Gäste der Vernissage in der Frankfurter Leica Galerie lachen. Denn "ganz interessant" ist pures Understatement angesichts der Vita Schadebergs.

Er war in den fünfziger Jahren der Chronist des Lebens der Schwarzen in Südafrika. Er fotografierte Nelson Mandela, Walter Sisulu und andere Führer des Afrikanischen Nationalkongresses. Er lichtete etliche Musiker ab, die später berühmt wurden, die junge Miriam Makeba zum Beispiel. Und er dokumentierte in Fotoreportagen die quälende Unterdrückung der Schwarzen. Weil sich für sie zu jener Zeit kein Foto-Journalist interessierte, entstand eine einzigartige Sammlung. Und es ist kein Zufall, dass sich Nelson Mandela 1994, gut 40 Jahre nach ihrer ersten Begegnung, von Schadeberg in seiner ehemaligen Gefängniszelle auf Robben Island fotografieren lässt. Der Präsident Südafrikas schaut durch die Gitterstäbe am Fenster. Es wird das bekannteste Bild des Fotografen.

Mit 19 Jahren verließ Schadeberg das trostlose Berlin und landet auf der Suche nach dem Abenteuer in Südafrika. Der Start ist enttäuschend. Weder gibt es dort Tiger noch einen Job für ihn. Reportage-Fotografie ist damals weitgehend unbekannt. Durch Zufall kommt er in Johannesburg zum Drum Magazine, einer Lifestyle-Illustrierten für Schwarze, die mehr und mehr Reportagen über brisante Themen publiziert: Die Zustände auf den Farmen etwa, wo die schwarzen Arbeiter wie Sklaven gehalten werden, oder die Quälerei der Häftlinge in den Gefängnissen.

Schadeberg liefert die Bilder zu den Geschichten. Es sind keine Nachrichtenfotos, sondern Momentaufnahmen im besten Sinne. Er hält das Charakteristische fest, das oft zunächst unspektakulär wirkt: Zwei junge Männer verstecken sich, weil sie Polizisten kommen sehen und ihre Ausweise nicht dabeihaben. Auf der Rennbahn trennt ein Zaun Schwarze und Weiße. Die Weißen schauen sich die Rennen an - die Schwarzen betrachten die Weißen.

Fast immer an Schadebergs Seite ist der Reporter Henry Nxumalo, der sich als Arbeiter auf Farmen prügeln lässt und als Häftling undercover im Gefängnis recherchiert. "Nxumalo war der mutigste Journalist, mit dem ich je gearbeitet habe", sagt der Fotograf. Seinen Mut bezahlt Nxumalo mit dem Leben. Er wird 1957 ermordet. Viele Motive entdeckt Schadeberg in Sophiatown, einem quirligen schwarzen Vergnügungsviertel in Johannesburg. Dort spielen Jazz-Bands, es wird getanzt und gefeiert. Und es ist ein Ort, an dem sich Schwarze und Weiße gemeinsam vergnügen. Der Staat, der die Rassentrennung immer rigoroser vollzieht, setzt dem auf die gewohnt brachiale Art ein ein Ende: Sophiatown wird abgerissen. Auch das hat der Fotograf festgehalten.

Aber die Arbeitsbedingungen werden für ihn immer schwieriger. 1964 verlässt er das Land. Aber es lässt ihn nicht los. 20 Jahre später kehrt er zurück. Als sich die Ära des Apartheidsregimes dem Ende zuneigt, beginnt er, Fotos aus dem Drum Magazine in Bildbänden zu veröffentlichen.

In Deutschland interessiert sich lange Zeit kein Verleger für seine Fotos. Dabei wird die Geschichte des Magazins 2004 sogar zum Kinofilm "Drum" verarbeitet. Mit Schadeberg treten die Produzenten erst spät in Kontakt. "Die hatten geglaubt, dass ich gar nicht mehr lebe."

Erst in jüngster Zeit bekommt er große Aufmerksamkeit. 2007 verleiht ihm Bundespräsident Horst Köhler das Bundesverdienstkreuz. Seine Fotos werden in Deutschland verlegt. Momentan laufen fünf Ausstellungen gleichzeitig. Schadeberg ist jetzt 77 Jahre alt und blickt mit heiterer Gelassenheit auf die späte Würdigung und seine frühen Fotoarbeiten. "Man muss der Erste sein", sagt er lächelnd, "das ist das ganze Geheimnis".

Jürgen Schadeberg, Timeless

Moments, Leica Galerie,

Frankfurt, Am Salzhaus 2,

Telefon 0 69 / 9207070, bis 26.7.

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