Lade Inhalte...

Mainz Schwarzfahren für die Gerechtigkeit

In Mainz dringen Aktivisten, Gewerkschaften und Verbände auf ein bezahlbares Sozialticket. Dabei greifen sie auf ungewöhnliche Methoden zurück.

Fahrkartenkontrolle in Frankfurt
Auf der sicheren Seite - mit Zeitkarte oder Jobticket. Nur die Geldbörse sollte man dabei haben. Foto: Peter Jülich

Manfred Bartl fährt nicht schwarz, und das ist ungewöhnlich. Normalerweise steigt der Mainzer ohne Fahrschein in den Bus oder die Bahn. Stattdessen trägt er ein Schild, auf dem steht, dass er nicht bezahle.

Damit, so hofft der 47-Jährige, mache er sich nicht strafbar – weil er ja keine Leistung erschleiche, sondern alle über seine „Schwarzfahrt für Gerechtigkeit“ informiere. Zugleich drückt der arbeitslose Chemiker damit seinen Protest aus. Sein Hartz-IV-Satz reiche nicht aus, um davon Nahverkehrstickets zu bezahlen.

„Urlaub vom Schwarzfahren“

Derzeit nimmt Manfred Bartl aber, was er „Urlaub vom Schwarzfahren“ nennt. Er nimmt an einer Maßnahme des Jobcenters teil, das ihm die Fahrtkosten erstattet. Doch der prinzipielle Kampf des Aktivisten und Gewerkschafters für eine „Mobilität für alle“ ist davon unberührt.

Am Donnerstag soll er von der Polizei zu einer Schwarzfahrt in Mainz vernommen werden. Die Kontrolleure kannten Bartl bereits: Sie hatten im Oktober in einem Verfahren wegen Bartls Schwarzfahrten vor dem Amtsgericht Mainz ausgesagt.

Damals war er wegen drei Schwarzfahrten zu 600 Euro Strafe verurteilt worden. Der Richter hatte argumentiert, Bartl habe trotz seines Schildes „den Anschein eines ordnungsgemäß zahlenden Fahrgastes“ erweckt. Das zehn mal zehn Zentimeter große Schild reiche nicht aus, um diesen Eindruck zu beseitigen. Gegen das Urteil hat Bartl Rechtsmittel eingelegt.

Derzeit dreht sich ein Streit darum, ob der hessische Aktivist Jörg Bergstedt, der kein gelernter Jurist ist, weiter als Verteidiger des Schwarzfahrers agieren darf. Das Landgericht Mainz will ihn, anders als das Amtsgericht, nicht zulassen, da er sich ungebührlich geäußert habe und daher nicht die gebotene Sachlichkeit von ihm erwartet werden könne.

„Mobilität für alle“ fordert Sozialticket

Derweil nimmt in Rheinland-Pfalz die Diskussion über ein Sozialticket Fahrt auf, das für alle bezahlbar sein müsse, und auch daran ist Aktivist Bartl beteiligt. Im Oktober traten er und seine Mitstreiter mit der Initiative „Mobilität für alle“ an die Öffentlichkeit. Sie fordert ein rheinland-pfälzisches Sozialticket, das für ärmere Menschen bezahlbar ist.

Zu ihren Trägern gehören Sozialverbände wie der VdK, die Awo, der Paritätische oder die Liga der freien Wohlfahrtspflege ebenso wie der DGB und die Gewerkschaft Verdi. „Mobilität ist kein Luxusgut, sondern ein menschliches Grundbedürfnis und für gesellschaftliche Teilhabe absolut notwendig“, betonte Willi Jäger, der Vorsitzende des VdK-Landesverbands.

„Es darf nicht sein, dass ärmere Menschen vom Leben ausgeschlossen werden, weil ihnen das Geld für die Straßenbahn fehlt.“ Jäger rechnet vor, dass ein Sozialticket in Mainz fast 60 Euro im Monat koste. „Das ist viel zu hoch, wenn wir uns anschauen, dass bei Grundsicherung und Sozialhilfe nur 26,44 Euro für den öffentlichen Nahverkehr veranschlagt werden“, sagte Jäger.

Die regierende SPD in Rheinland-Pfalz will mit der Initiative ins Gespräch kommen. Ein erstes Treffen mit SPD-Fraktionschef Alexander Schweitzer solle bald stattfinden, sagte sein Sprecher. Bereits Ende vorigen Jahres sei in einer Veranstaltung „Mobilitätskonsens für Rheinland-Pfalz“ über die Forderung gesprochen worden, „dass Kommunen Sozialtickets organisieren sollen und das Land unterstützend mitwirken sollte“.

Nach Ansicht des VdK zeigt Nordrhein-Westfalen, „dass man mit öffentlichem Druck viel Gutes erreichen kann“. Dort gibt es seit 2011 ein Sozialticket, das aus Landesmitteln mit 40 Millionen Euro im Jahr finanziert wird. Doch das ändert sich. Die schwarz-gelbe Koalition hat beschlossen, dass die Förderung bis 2020 abgeschafft wird.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen