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Mainfähre in Seligenstadt Kleiner Grenzverkehr

Die Seligenstädter Mainfähre pendelt zwischen Bayern und Hessen. Nun soll sie seltener fahren, denn sie wird der Stadt zu teuer. Doch es gibt Widerstand.

Altstadt Seligenstadt
Basilika und Fähre sind nicht aus Seligenstadt wegzudenken. Foto: Monika Müller

Im Amtszimmer von Bürgermeister Daniell Bastian hängen gleich mehrere gerahmte Stadtansichten an der Wand. Ein Bild von der Fähre ist nicht dabei. Was nicht heißen soll, dass Bastian die Fähre überflüssig fände.

Seligenstadt ohne Fähre! Das geht gar nicht. „Mein Auftrag ist es, sie zu erhalten“, sagt der Rathauschef. Schließlich gehört das schwanenweiße Schiff zum Stadtbild wie Basilika und Eiscafés. Doch die Übersetzungsarbeit, die die „Stadt Seligenstadt“ zwischen linkem (hessischem) und rechtem (bayerischem) Mainufer leistet, kommt die Stadt teuer zu stehen.

Zu teuer, wie FDP-Politiker Bastian findet. Deshalb soll die Fähre künftig seltener fahren. Vor allem am Morgen und Abend will er an den Fährzeiten knapsen. Ende März sollen die Stadtverordneten dafür das Okay geben. Jetzt fürchten manche, das könne der Anfang vom Ende einer jahrhundertelangen Tradition sein.

Nicht weit vom Rathaus haben sich Elsa und ihr Mann Paul in der Konditorei Haas niedergelassen. Sie sind von Karlstein herübergekommen, das auf bayerischer Seite liegt. „Um acht sind wir von zu Hause los, jetzt frühstücken wir hier, und dann gehen wir ein bisschen einkaufen“, erzählt Elsa, die ihren Nachnamen nicht nennen möchte. Mindestens einmal im Monat machen die beiden das, und seit Paul in Rente ist, auch öfter.

Gegenüber, im Kleinen Café am Marktplatz, sind fast alle Tische besetzt. „Bei uns kommen viele mit der Fähre, zum Frühstück, oder nachmittags, um Kaffee zu trinken, gerade die Älteren“, erzählt Bettina Rapp, die zusammen mit ihrem Mann das Kleine Café führt. Und wenn die Fähre nun weniger oder gar nicht mehr verkehrte? „Das würden wir merken“, sagt Rapp.

Seit dem 9. Jahrhundert gibt es bei Seligenstadt eine ständige Fährverbindung über den Main. Das Kloster besaß damals das Recht, Personen und Güter überzusetzen – und dafür zu kassieren. 1868 kaufte die Stadt für 4000 Gulden das Privileg zur Mainfahrt von den damaligen Fährleuten, verpachtete es an den Höchstbietenden. Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm die Stadt die Fähre dann selbst.

Das heutige Schiff pendelt seit Mai 1971 zwischen den Ufern, die hier bei Flusskilometer 69,6 rund 120 Meter auseinanderliegen. Seit 28 Jahren ist Reinhard Bier Fährmann und ist schon so viele Kilometer hin- und hergefahren, dass es für einige Atlantik-Passagen reichen würde.

Da gibt es so manche Geschichte zu erzählen. Einmal fielen beide Motoren aus, 300 Meter trieb die Fähre damals Richtung Klein-Krotzenburg ab, bevor Bier das Schiff mit dem Anker stoppen konnte. Auf der bayerischen Mainseite lag einst ein geklautes Auto vor der Anlegestelle unter Wasser, die Fähre schrammte knapp darüber hinweg. Und am Seligenstädter Anleger haben in fast drei Jahrzehnten zwei Enten die Manöver der Fähre nicht überlebt, haben auf der Jagd nach Futter schlicht überhört, was da auf sie zukam. Zwar ist es verboten, die Tiere zu füttern. Aber immer wieder missachten Besucher das Verbot und locken die Tiere mit ihren Brotkrumen oder Eistüten-Resten in die Nähe der Anlegestelle.

Hildegard Manthey kennt diese Geschichten, sie ist selbst Teil davon. „Ich bin schon mein ganzes Leben lang Pendlerin“, berichtet die 57-Jährige. Die Diplom-Sozialarbeiterin ist bei der Caritas in Seligenstadt angestellt. Wenn das Wetter mitspielt, kommt sie mit dem Fahrrad aus Karlstein zur Arbeit, wenn es regnet, nimmt sie das Auto und lässt es am Ufer stehen.

„Um 8 Uhr muss ich am Arbeitsplatz sein“, sagt Manthey. Und wenn die Fähre erst um 10 oder 11 Uhr, wie vorgesehen, die Taue losmachen würde? „Dann müsste ich alles mit dem Auto fahren, das ist ein Riesenumweg, und dann gibt es in der Altstadt ja nicht einmal Parkplätze“, sagt sie.

Mit den Menschen, die wie sie morgens und abends die Fähre nutzen, bildet sie eine kleine, fast schon verschworene Gemeinschaft. „Man kennt sich oft seit Jahren, mit vielen ist man ganz selbstverständlich per Du“, sagt sie. Berufspendler sind das wie sie, Schüler und Schülerinnen, oder Menschen, die zum Arzt müssen oder zum Einkaufen gehen, wie Manthey erzählt. Als jetzt das mit den Kürzungen bei der Fähre aufkam, „da waren wir alle richtig geschockt“. Beim Schock ist es nicht geblieben.

Manthey und ihre kleine Schicksalsgemeinschaft haben ein Schreiben aufgesetzt, in dem sie den Seligenstädter Magistrat bitten, die Kürzungen zu überdenken. Unterschrieben ist der Brief mit „Freunde der Fähre“.

Bürgermeister Bastian hat durchaus gute Gründe, am Status quo etwas zu ändern. „2015 lag das Defizit bei 330 000 Euro, 2016 wird es wohl ähnlich hoch ausgefallen sein“, berichtet er. Früher gaben der Kreis Offenbach und die Karlsteiner noch etwas dazu, doch seit vielen Jahren schon stehen die Seligenstädter allein für die Kosten der Fährverbindung gerade.

Um mindestens 100 000 Euro will er den jährlichen Verlust reduzieren. Dazu sollen die täglichen Fahrtzeiten von jetzt 14 Stunden auf zehn im Sommer und nur noch sechs im Winter zusammengestrichen werden. Bei Veranstaltungen wie Rosenmontag oder dem Adventsmarkt könne man Sonderfahren einrichten, erläutert der Bürgermeister, der Anfang 2016 in das Amt gewählt wurde.

Statt sechs Fährleuten sollen fürderhin drei den Dienst bewältigen. Einer der Mitarbeiter sei ohnehin in den Ruhestand gegangen, zwei weitere würden mit einer anderen Tätigkeit bei den Stadtwerken eingesetzt. „Wir müssen niemanden entlassen“, beruhigt Bastian.

Mit seinen Vorstellungen steht er nicht allein. „Über nötige Veränderungen nicht nachzudenken, wäre sträflich“, sagt Wolfgang Reuter. Er betreibt in der Altstadt einen Laden für hochwertige Haushaltswaren und ist Sprecher des örtlichen Gewerbevereins. Touristen und Einkäufer kämen ohnehin erst am späten Vormittag über den Main, da seien neue Fährzeiten sicher kein Problem. Bei Festen und anderen Veranstaltungen in der Stadt müsse man eben erweitern. „Wir müssen angesichts der hohen Kosten ein bisschen flexibler werden als bisher“, glaubt Reuter.

In den Sommermonaten liegen die Einnahmen je Betriebsstunde bei 50 Euro, im Winter bei 35 Euro. Finanziell lohnt das natürlich nicht. Am meisten los ist zwischen 15 und 17 Uhr und rund um die Mittagszeit. Vor 8 und nach 20 Uhr flauen die Passagierzahlen merklich ab.

100 Personen und Fahrzeuge bis zu einem Gesamtgewicht von 30 Tonnen kann die „Stadt Seligenstadt“ auf einmal über die Strömung tragen. Beim Ablegen, wenn die beiden Iveco-Dieselmotoren anschieben, vibriert das ganze eiserne Schiff. Jetzt, am frühen Nachmittag, verlieren sich kaum mehr als drei oder vier Personen je Passage auf Deck.

„Die Fähre gehört unbedingt zu Seligenstadt, aber man muss schon zusehen, dass sie etwas rentabler fährt“, sagt Horst Breitenband, Inhaber der Petite Boutique, die unweit des Fähranlegers im Schatten der Basilika liegt. Die Pläne des Bürgermeisters seien grundsätzlich in Ordnung. Am Abend aber müsse der Betrieb länger aufrechterhalten werden, „damit die Leute länger in den Gastwirtschaften sitzen bleiben können und trotzdem nach Hause kommen“. Ganz ohne Fähre aber wäre sein Geschäft auch nicht mehr das, was es ist. „Wir leben ja vom Tourismus, da ist eine Fähre ein prima Anziehungspunkt“, ist Breitenband überzeugt.

Auf der anderen Mainseite, in Karlstein, weist Bürgermeister Winfried Bruder gleich einen ganz anderen Weg. Er will den kleinen Grenzverkehr zwischen Bayern und Hessen auf ein solides Fundament stellen. Eine Brücke muss her, findet er. „Dann haben wir auch keine Einschränkungen mehr, wenn Eisgang herrscht oder Hochwasser“, sagt der CSU-Politiker. Hessen und Bayern werden schon ordentlich Zuschüsse geben, ist er überzeugt.

Bastian hat zugesagt, den Vorschlag zu prüfen. Aber ob dafür das Geld da ist, und wie lange ein Brückenbau dauern könnte? „Was die Umsetzung solcher Pläne angeht, da bin ich schon ziemlich skeptisch“, sagt Bastian. Wie war das noch? Seligenstadt ohne Fähre? Geht gar nicht. Aber seltener fahren, das wird sie wohl.

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