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Linsengericht Die Magie des Radios

Ein Museum in Linsengericht zeigt Geräte aus fast einem Jahrhundert und erzählt die Geschichten dahinter.

Die Sammlung von Gudrun und Bernd Weith war der Grundstock des Museums, das sie zusammen mit den anderen Mitgliedern des Trägervereins betreiben. Foto: Monika Müller

Ein ganz besonderes Exemplar ist der „Kolibri II“: Kompakt, nur zwei Kilogramm schwer, Gemütlichkeit und Übersichtlichkeit ausstrahlend, mit seinem braunen Gehäuse und seinen zwei Knöpfen, links Lautstärke, rechts Rückkopplung. Und nicht zuletzt ist der Kolibri brav, grundsätzlich linientreu. Denn das Gerät, das um 1953 im Kombinat Volkseigener Betrieb Stern-Radio Berlin hergestellt wurde, hat einen Schalter, mit dem man lediglich zwischen zwei bereits eingestellten Frequenzen wählen kann. Und so dröhnte regelmäßig die Stimme von SED-Chef Walter Ulbricht aus dem Lautsprecher, weshalb das Radio den Spitznamen Ulbricht-Vogel gehabt haben soll. Westfunk sollte nicht durchdringen. Geschickte Bastler bauten den Kolibri aber um, erweiterten das von oben vorgegebene Angebot und überlisteten die Staatsmacht.

Heute, etwa 65 Jahre später, nach dem Bau und dem Fall der Mauer, steht der „Kolibri“ mit unzähligen weiteren Geräten im Radio-Museum in Linsengericht, das sich im Dachgeschoss der „Alten Schule“ befindet. Das Museum wird vom gleichnamigen Verein getragen, der in diesem Jahr sein zwanzigjähriges Bestehen feiert. Nachwuchssorgen haben die rund 60 Mitglieder, die nicht nur aus der Region, sondern aus ganz Deutschland kommen, nicht. Bei ihnen sind alle Altersklassen vertreten.

Die Liebe zur Musik und zum Radio sei generationenübergreifend, sagt Gudrun Weith. Der Grundstock für das Museum, der nach und nach erweitert wurde, stammt von ihr und ihrem Ehemann Bernd, dem Vorsitzenden des Trägervereins. Bevor sie in den Main-Kinzig-Kreis zogen, führten sie im Osten ein Elektronikgeschäft und brachten einen interessanten Fundus an Radios und Zubehör mit, und zwar nicht nur aus ihrem Geschäft. „Nach der Wende wollten viele ihre alten Geräte durch neue ersetzen. Wir haben sie gern genommen“, erinnert sich Bernd Weith. Er und seine Frau sind fasziniert von dem Medium, wollten die teils mehr als 50 Jahre alten Radios erhalten.

„Bei mir wurde mit der Begeisterung für die Musik auch die fürs Radio geweckt“, sagt Weith. „Ich hatte erst ein Radio, dann noch eines und dann immer mehr. Ich wollte unbedingt wissen, wie die Geräte funktionieren, beschäftigte mich intensiv damit.“ Außerdem sei das Radio ein „Tor zur Welt“ gewesen, nicht zuletzt zum Rock’n’Roll.

Noch im Treppenhaus des Museums erfährt der Besucher von der Hochzeit des Dorffunks Linsengericht. In den 50er Jahren verbreitete das Medium lokale Informationen, meist kurz nach 17 Uhr, etwa dass der Schornsteinfeger kam oder der Christbaumverkauf startete. Die Ansagen kamen aus dem Sekretariat des Bürgermeisters, heißt es auf einer Schautafel. Einmal wählte die zuständige Mitarbeiterin Marschmusik zur Einleitung. Kaum waren die ersten Takte gespielt, stürzten Kollegen ins Büro und forderten sie auf, die Musik nie wieder zu spielen. Es war ein Marsch der Wehrmacht. Die Funkerin kannte ihn nicht.

Im Dachgeschoss sind auf gut 100 Quadratmetern unzählige Radios, aber auch Plattenspieler, Tonband- und Fernsehgeräte mit Zubehör ausgestellt. In allen denkbaren Größen, Formen, Farben, chronologisch geordnet, von den 20ern bis in die 90er. Die Stücke, unter anderem aus Deutschland, Frankreich, Belgien und Japan, sind allesamt Spenden und Leihgaben von Mitgliedern und Unterstützern. Die meisten der mehr als 300 Exponate funktionieren noch und können teilweise über die in Deutschland abgeschaltete Mittelwelle noch ausländische Sender empfangen.

Die ältesten Radios stammen aus den 20er Jahren, etwa jenes von Schneider-Opel aus dem Jahr 1925, mit Kopfhörern und außen liegenden Korbspulen und Röhre. Die „Offenbach 53“ des Herstellers Akkord aus den Jahren 1953/54 wiederum erinnert mit ihrem Gehäuse an eine Krokodilledertasche. Von großer Fingerfertigkeit zeugt der in eine kleine Kiste eingebaute UKW-Sender Marke Eigenbau. Und das Kofferradio Nordmende Mambino aus den 60ern ist eine kleine Legende, war für viele ein treuer musikalischer Begleiter.

Nie gehört wurde hingegen das schwarze schlichte GCS 8000 aus dem späten 80ern. Das vermutlich letzte deutsche Radio ist unvollendet geblieben. Weshalb, steht auf einem Schild: „Meine Entwickler, kluge Ingenieure aus dem VEB Elektronik Gera, waren mit nichts anderem als mit mir beschäftigt. Dann kam 1989 der Zusammenbruch der DDR und keiner wollte mich mehr haben.“ Auch weil es schließlich 1600 Mark kosten sollte, „wurde ich einfach liegengelassen“. „Die Geschichte des Radios erzählt auch viel über Wirtschaft, Gesellschaft und Politik“, erklärt Bernd Weith und weist darauf hin, dass die in Deutschland hergestellten Radios einst Weltspitze waren, die Produktion hierzulande aber eingestellt wurde und die Firmen starben. Niemand wollte oder konnte sich die höheren Produktionskosten mehr leisten.

Auch ein Volksempfänger ist in Linsengericht ausgestellt, zeitgenössische Plakate künden von der großen Bedeutung des Geräts für die Nazipropaganda, die bis ins Wohnzimmer reichen sollte.

Das Radiomuseum macht eine Zeitreise möglich, in die Nazizeit, aber auch in die Zeit des Aufbruchs der 60er und 70er Jahre oder in die „Goldenen 20er“. Die Gäste können sich die Geräte nicht nur anschauen. Wenn die Weiths sie einschalten und aus dem Grammophon die Stimme von Zarah Leander oder aus dem Radio die von Elvis Presley zu hören ist, fühlt man sich sofort in alte Zeiten zurückversetzt. Es knarzt und knackt ein wenig, doch der Klang ist auch wegen der kleinen Nebengeräusche unbeschreiblich echt, gerade bei den alten, offenen Lautsprechern, wenn der Klang frei schwingt. Nicht so steril wie bei modernen Radios. Was besser sei? „Geschmackssache“, meint Bernd Weith diplomatisch. Vom Digitalradio mit der geringen Bandbreite hält er jedoch nicht allzu viel.

„Fast jeder hat eine besondere emotionale Verbindung zum Radio, auch deshalb kommen die Leute gerne her“, sagt Gudrun Weith. „Wenn sie die Radios sehen, erinnert sie das nicht zuletzt an die Zeit, als bei ihnen die Leidenschaft für die Musik so richtig geweckt wurde.“ Die meisten Besucher „suchen hier erstmal das Gerät, das sie in ihrer Jugend hatten.“

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