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Lernstandserhebungen Gummibärchen-Rechnung

Zu schwierig waren die Lernstandserhebungen für Drittklässler in den Fächern Deutsch und Mathematik, sagen Lehrer und Wissenschaftler. Der Unmut ist an Hessens Grundschulen groß. Von Peter Hanack

Rechnen mit Gummibärchen. Foto: Roessler/FR

Zu schwierig, zu umfangreich, zu aufwendig: An Hessens Grundschulen ist der Unmut über die sogenannten Lernstandserhebungen für Drittklässler in den Fächern Deutsch und Mathematik groß. "Gut, dass Lernstandserhebungen keine Klassenarbeiten sind, sonst hätte wahrscheinlich eine Klagewelle aus der Elternschaft das Land überrollt", kommentiert Stefan Wesselmann vom Verband Bildung und Erziehung (VBE) den zeitlichen Umfang. Die bundesweit geschriebenen Tests sollen dazu dienen, Leistungsfähigkeit und Kenntnisse der Drittklässler vergleichbar zu machen.

Bei Klassenarbeiten im 3. Schuljahr erwarte man von den Jungen und Mädchen, dass sie sich bis zu einer halben Stunde konzentrieren könnten. "Statt dessen", so Wesselmann, "wurden den Drittklässlern innerhalb von sechs Unterrichtstagen zwei 40-minütige Tests in Deutsch und eine rund eineinhalb Stunden lange Überprüfung der mathematischen Leistungen zugemutet".

Zudem seien in Mathematik vor allem Kenntnisse in der Wahrscheinlichkeitsrechnung abgefragt worden, von denen die meisten Drittklässler im Unterricht noch gar nicht gehört hätten. Geometrie sei statt dessen noch nicht einmal am Rande vorgekommen.

Mit seiner Kritik steht Wesselmann, selbst Klassenlehrer in Jahrgangsstufe 3 und Schulleiter, alles andere als allein. Der Interessenverband Hessischer Schulleiterinnen und Schulleiter (IHS) fordert, die Lernstanderhebungen grundlegend zu überarbeiten. Aufgaben müssen in Inhalt, Umfang und Gestaltung der Jahrgangsstufe angemessen sein und auch leseschwachen und sozial benachteiligten Kindern die Chance geben, sie erfolgreich bewältigen zu können. Die ausgewählten Texte in Deutsch seien an der Erlebniswelt der Kinder und deren Wortschatz vorbei gegangen, die Mathematikaufgaben seien zu textlastig und mit Begriffen gespickt gewesen, die den Kindern überhaupt nicht bekannt seien, schreibt der IHS in einer Stellungnahme. Eine "Überforderung der Kinder und Brüskierung der Lehrkräfte" nennt Engelbert Jennewein von der GEW-Fachgruppe Grundschulen die Tests.

Der Mathematikprofessor Erich Wittmann von der Technischen Universität Dortmund, der die Lernstandserhebung analysiert hat, urteilt in einem Brief an Kultusministerin Dorothea Henzler (FDP): "Ein einziger Blick genügt um zu sehen, dass eine Reihe von Aufgabentexten und die Fülle der Aufgaben das Fassungsvermögen von Kindern dieses Alters weit überschreiten" (siehe Box "Für helle Köpfe"). Eine Rektorin sieht gar das Vertrauensverhältnis zwischen Lehrern und Schülern gefährdet, weil nur Frust das Ergebnis sein könne und das Selbstvertrauen der Kinder beschädigt statt gestärkt werde.

Auch an der Art der Umsetzung hagelt es aus den Schulen Kritik. Der Korrekturaufwand ist etwa so hoch wie bei Klassenarbeiten, zudem mussten die Lehrer die Ergebnisse in ein Computerprogramm eingeben und vor den Tests noch die Aufgabenhefte kopieren.

Fast sämtliche Grundschulleiter aus dem Kreis Darmstadt-Dieburg haben sich in einem Brief an das Ministerium von der Lernstandserhebung distanziert. Sie könnten diese weder inhaltlich noch pädagogisch gegenüber den Schüler und Eltern vertreten, heißt es dort. Form und Inhalt seien nicht geeignet, eine fundierte Rückmeldung über den Lernstand der Drittklässler zu geben, was die eigentliche Funktion der Tests sei.

Bernd Schreier, Leiter des IQ in Wiesbaden, das die Lernstandserhebung in Hessen begleitet, verweist darauf, dass auch bei den Pisa-Tests Aufgaben gestellt worden seien, die zeigten, was Kinder können und was aber auch nicht. Die Auseinandersetzung mit den Ergebnissen sollte zu der Frage führen, "ob wir an den Schulen das Richtige machen".

Niemand erwarte, dass die Schüler schon alles könnten, reagiert ein Sprecher des Kultusministeriums auf die Vorwürfe. Deshalb gebe es ja auch keine Noten. Die Aufgaben seien im Vorfeld in der Praxis getestet worden. Völlig unberechtigt sei die Kritik an Aufgaben zu "Daten, Häufigkeit, Wahrscheinlichkeit". Dieser Bereich müsse seit 2005 verbindlich im Unterricht behandelt werden. Insgesamt sei das Niveau der Aufgaben nicht zu hoch gewesen.

Dennoch soll im nächsten Jahr manches anders werden. So sollen die Testhefte gedruckt zur Verfügung gestellt werden, damit der Organisationsaufwand an den Schulen abnimmt. Auch könne der Mathetest geteilt werden. Dafür aber sei ein Beschluss der Kultusministerkonferenz nötig. Auch könne die Anzahl an Schülerinnen und Schüler, die die Aufgaben im Vorfeld bearbeiten, erhöht werden. Auch dazu aber sein ein KMK-Beschluss erforderlich.

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